Logische Konsistenz, moralische Intuition und das Trolley-Problem

Eine Straßenbahn ist außer Kontrolle geraten und droht, fünf Personen zu überrollen. Durch Umstellen einer Weiche kann die Straßenbahn auf ein anderes Gleis umgeleitet werden. Unglücklicherweise befindet sich dort eine weitere Person. Darf (durch Umlegen der Weiche) der Tod einer Person in Kauf genommen werden, um das Leben von fünf Personen zu retten?

Was ich oben zitiert habe, ist das sogenannte Trolley-Problem, an dem sich Ethiker seit fast 40 Jahren abarbeiten. Ich war kürzlich an einer Diskussion beteiligt, in der es um eine Problematik ging, deren Kern vom Trolley-Problem bzw. manchen vorgeschlagenen Lösungen ziemlich gut abgebildet werden kann.

10_Cable_Car_on_Hyde_St_with_Alcatraz,_SF,_CA,_jjron_25.03.2012Das Trolley-Problem wird oft als ein paradigmatisches Gedankenexperiment angesehen, mit dessen Hilfe zwei der drei großen Denkrichtungen in der Ethik, Utilitarismus und Deontologie (Pflichtethik), voneinander abgegrenzt werden können. Ein typischer Utilitarist würde sagen, dass die „Netto-Rettung“ von 4 Personen das effektive Umbringen einer Person rechtfertigt. Deontologen fällt das Urteil schwerer, solange es um die Inkaufnahme eines Todes geht. Eine klare deontologische Antwort lässt sich erst zu einer abgewandelten Version des Problems geben:

Eine Straßenbahn ist außer Kontrolle geraten und droht, fünf Personen zu überrollen. Durch Herabstoßen eines unbeteiligten fetten Mannes von einer Brücke vor die Straßenbahn kann diese zum Stehen gebracht werden. Darf (durch Stoßen des Mannes) der Tod einer Person herbeigeführt werden, um das Leben von fünf Personen zu retten?

Da man hier eine Person direkt töten müsste, würde ein typischer Deontologe dies ablehnen. Ein Utilitarist würde weiterhin mit dem „Netto-Effekt“ für die Tötung des fetten Mannes argumentieren.

So weit die Theorie. Nun gab es interessanterweise eine neurowissenschaftliche Untersuchung zum Trolley-Problem. In ihr wurden Probanden das Trolley-Problem in beiden Ausführungen sowie ähnliche Dilemmata vorgestellt. Sie sollten entscheiden, welche Handlungsoption nun die „richtige“ ist. Zwei Ergebnisse des Experiments sind dabei wichtig. Erstens, die meisten Menschen würden den Tod einer Person in Kauf nehmen, um fünf andere Personen zu retten in der einfachen Version des Trolley-Problems. Gleichwohl würden nur ganz wenige den Tod des fetten Mannes herbeiführen. Zum zweiten Punkt sollte gesagt werden, dass die Hirnaktivitäten der Probanden gemessen wurden, während sie mit den Dilemmata konfrontiert wurden. Dabei ergab es sich, dass die Ablehnung der Todesherbeiführung beim fetten Mann mit besonders starker emotionaler Reaktion verbunden war, während bei den wenigen Personen, die sich für die Tötung des fetten Mannes „entschieden“ haben, die „kognitiven“ Hirnregionen (d.h. solche, die für Denken/Verstand verantwortlich sind) relativ aktiver waren.

Zum ersten Mal vom Trolley-Problem gelesen habe ich in einem Text Peter Singers, des berühmten und umstrittenen Bioethikers. Als hardcore-Utilitarist argumentiert Singer, es gebe aus ethischer Sicht keinen relevanten Unterschied zwischen den beiden Varianten des Problems. Er lehnt den sog. Sentimentalismus David Humes und Adam Smiths ab, die den Ursprung der Moralität in den moral sentiments, den moralischen Gefühlen/Emotionen des Menschen sahen. Nach seinem Verständnis machen Menschen, die aufgrund entsprechender Emotionen die Tötung eines Menschen zum Zwecke der Rettung anderer fünf Menschen ablehnen, einen Fehler. Vor allem handelten sie inkonsistent, wenn sie sich in der einfachen Variante des Trolley-Problems für die Umleitung der Straßenbahn entscheiden, in der „schwierigeren“ Variante aber dagegen, den fetten Mann zu stoßen. Wenn man seiner ratio den Vorrang lässt und logisch nachdenkt, so Singer, müsse man zu dem Schluss kommen, dass zwischen den beiden Varianten des Dilemmas kein relevanter Unterschied bestehe und man sich in beiden Fällen für die „Netto-Rettung“ von vier Personen entscheiden müsse.

Ich möchte an dieser Stelle nicht entscheiden, ob Singer Recht hat. Das weiß ich nämlich nicht. Sowohl für die utilitaristische als auch für die deontologische Interpretation sprechen gute Gründe. Und genau das ist das eigentliche Problem, um das es mir heute geht. In seiner Suche nach einem logisch konsistenten ethischen System „opfert“ Singer die moralische Intuition, die die meisten Menschen zeigen, wenn sie mit dem Trolley-Problem konfrontiert werden. Es stellt sich die Frage, ob ein logisch konsistentes ethisches System überhaupt möglich ist – und falls ja, ob es nicht völlig unserer moralischen Intuition widersprechen würde, was von den meisten Ethikern als ein Lakmustest für die Qualität einer ethischen Theorie dient.

Eingangs habe ich eine Diskussion erwähnt, in die ich kürzlich verwickelt war, die mich zu dem heutigen Beitrag bewegt hat. Diese fing an mit der Frage, ob Naturschutz nach dem Prinzip „Natur Natur sein lassen“ sinnvoll sei, ging aber schnell zu der Frage über, ob mein Verlangen nach logisch konsistenten Begründungen in diesem Kontext sinnvoll sei. Inzwischen denke ich, dass man hier zweierlei unterscheiden muss. Einerseits ist die Suche nach einem solchen logisch konsistenten ethischen System unheimlich spannend (denke ich) und kann durchaus an der einen oder anderen Stelle auch konkrete Fragestellungen erleuchten. Andererseits habe ich kürzlich selbst argumentiert, dass Utopien problematisch sein können – und eine logisch konsistente ethische „theory of everything“ ist nichts Anderes als eine Art Utopie. Im alltäglichen Handeln mag es daher sinnvoller sein, Heuristiken zu verwenden und fallspezifische moralische Urteile zu fällen, statt um jeden Preis zu versuchen, seine Handlungen nach einer konsistenten allumfassenden Formel zu richten. Dies ist in etwa das, was der polnische Philosoph Leszek Kołakowski in einem seiner frühen Essays mit dem Titel Pochwała niekonsekwencji (dt. Lob der Inkonsequenz) schrieb: er argumentierte, dass nur Fanatiker ungebrochene Konsequenz zwischen ihrem Denken und Handeln zeigen, weil sie von der Richtigkeit ihrer Ansichten endgültig überzeugt sind. Für das menschliche Zusammenleben sei es hingegen unumgänglich, dass wir ein gewisses Maß an Inkonsequenz zeigen. Zu Kołakowskis Inkonsequenz würde ich Inkonsistenz hinzufügen: im alltäglichen Handeln ist es oft nicht sinnvoll, auf Konsistenz zu pochen, zumal diese möglicherweise gar nicht erreichbar ist. Natürlich bedeutet das, dass wir Schwierigkeiten haben, kontroverse Handlungen oder Maßnahmen zu begründen – denn dann kann uns immer irgendwo logische Inkonsistenz vorgeworfen werden. Doch ist das wohl unumgänglich. Auf eine gewisse Art und Weise macht uns unsere Imperfektion und die mit ihr verbundene Flexibilität dazu, was wir sind, zu Menschen. Die sich mal von Emotionen, mal von der ratio leiten lassen.

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