Brauchen wir Utopien?

Les utopies apparaissent comme bien plus réalisables qu’on ne le croyait autrefois. Et nous nous trouvons actuellement devant une question bien autrement angoissante: Comment éviter leur realisation définitive? Les utopies sont réalisables. La vie marche vers les utopies. Et peut-être un siècle nouveau commence-t-il, un siècle où les intellectuels et la classe cultivée rêveront aux moyens d’éviter les utopies et de retourner à une société non utopique, moins parfaite et plus libre.

[dt.] Utopien erscheinen realisierbarer als je zuvor. Wir finden uns mit einer neuartigen, besorgniserregenden Frage konfrontiert: Wie sollen wir ihre endgültige Verwirklichung verhindern? Utopien sind verwirklichbar. Das Leben strebt ihnen entgegen. Und vielleicht wird ein neues Jahrhundert kommen, eines, in dem Intellektuelle und die Bildungsschicht darüber nachdenken werden, wie man Utopien verhindern und zu einer nicht-utopischen Gesellschaft zurückkehren kann, weniger perfekt und dafür freier.

Nikolai Berdjajew

Immer, wenn ich das Wort „Utopie“ höre, muss ich an das oben stehende Zitat denken (zu finden auf der ersten Seite von Huxleys Schöne Neue Welt). Und in letzter Zeit habe ich es öfters gehört, wenn ich mit meinem marxistischen Freund darüber diskutierte, ob Utopien denn wichtig/notwendig sind. Sein Argument ist, dass Utopien „Orientierung im tagespolitischen Kleinklein [geben]“ und notwendig seien, damit man weiß, wohin die gesellschaftlichen Veränderungen, die man herbeizuführen sucht, hinführen sollen. Ich hingegen halte Utopien für eher schlechte „Leuchttürme“ – nicht nur nicht notwendig, sondern auch potentiell schädlich.

Was ist eine Utopie? Der Begriff selbst bedeutet so viel wie „nicht-Ort“ und geht auf Thomas Mores (bzw. Morus‘) Buch Utopia zurück, in dem er die seiner Meinung nach perfekte Gesellschaft skizzierte (die interessanterweise Sklaverei beinhaltete). Eine Utopie ist also ein Idealbild der Gesellschaft, im politischen, technologischen und/oder religiösen Sinne. Vor allem im 20. Jahrhundert wurden dann mehrere Bücher und später auch Filme berühmt, die Dystopien, d. h. „negative Utopien“, beschrieben: Orwells 1984, Samjatins Wir oder eben Huxleys Schöne neue Welt.

Mein Freund behauptet also, dass die Vorstellung eines solchen „nicht-Ortes“ helfe, weil sie uns ein „Leuchtturm“ sei auf dem Weg gesellschaftlicher Veränderungen. Man könne mit Hilfe der einem vorschwebenden Utopie gesellschaftliche Probleme identifizieren (i.S.v. Abweichungen vom Ideal) und wisse, in welche Richtung sie korrigiert werden müssen.

Dies erinnert mich an die Kritik, die Amartya Sen in seinem Buch The Idea of Justice an Gerechtigkeitstheorien übt, die er als transzendental bezeichnet – darunter die Theorien von Rawls, Nozick, Rousseau, Hobbes und anderen Koryphäen politischer Philosophie. Sen argumentiert, dass diese Theorien, bei allen Unterschieden, eine Orientierung an einer „ideal gerechten Gesellschaft“ vereint. An einer Utopie eben. Dabei sind derartige Idealbilder seiner Meinung nach weder notwendig, um in der realen Welt Missstände zu identifizieren und anzugehen – noch sind sie hinreichend, denn sie erlauben nicht die Abwägung zwischen verschiedenen Faktoren, die die ideale Gesellschaft bestimmen, aber in Wirklichkeit (derzeit) gleichzeitig nicht erreichbar sein mögen.

Ich würde diese Kritik an Utopien erweitern. Aus meiner Sicht besteht ihr Problem, zusätzlich dazu, was Sen schreibt, darin, dass sie entweder a) recht konkret sein müssen, um konsistent zu sein, oder b) sehr schnell Gefahr laufen, inkonsistent zu sein (Stichwort wishful thinking), wenn sie nicht konkret genug sind. Das Konkretheits-Gebot ist aber selbst problematisch, weil unser Verständnis von der Welt inhärent defizitär ist. Ich denke nicht, dass man in der Lage ist, die Welt ausreichend gut zu verstehen, um etwas halbwegs Konsistentes zu entwerfen, was den Namen „Utopie“ verdienen würde, d.h. nicht beliebig allgemein und plattitüdenhaft ist, aber auch zumindest minimal realistisch ist (kein Schlaraffenland). Dies scheint auch Berdjajews Befürchtung zu sein – dass manche von uns ihre Utopien möglicherweise so sehr verwirklichen wollen, dass sie die Bereitschaft verlieren, ihre Realitätsferne zu erkennen. Sie zu „erzwingen“ kann aber schnell dazu führen, dass die Welt tatsächlich „utopisch“, dafür aber unfrei wird.

Brauchen wir Utopien, um uns „im tagespolitischen Kleinklein“ zu orientieren? Das bezweifle ich. Ich würde argumentieren, ähnlich wie Amartya Sen, dass wir mit der Beseitigung offensichtlicher, gravierender Probleme und Ungerechtigkeiten genug zu tun haben dürften, um uns nicht im tagespolitischen Kleinklein zu verlieren. Des Weiteren befürchte ich, gewissermaßen im Sinne Berdjajews, dass die Orientierung an Utopien uns „unfrei“ macht, weil sie das Potenzial haben, uns von der Realität abzulenken, z. B. indem sie es uns schwer machen, einzusehen, dass man zwischen bestimmten Idealen in der Wirklichkeit abwägen muss, dass man sie in der heutigen Welt nicht gleichzeitig haben kann.

Ich würde nicht so weit gehen, zu sagen, dass Utopien schlecht sind. Aber weder erkenne ich die angebliche Notwendigkeit an, sie zu haben, noch finde ich sie völlig unproblematisch.

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2 Gedanken zu “Brauchen wir Utopien?

  1. Die Frage ist, was man unter Utopie versteht. Wäre nicht die heutige OECD-Welt aus Sicht von Thomas Malthus eine Utopie (niemand verhungert hier)? War die Verwirklichung einer egalitäten Gesellschaft in Batistas Cuba durch Castro nicht auch utopisch (eine Handvoll bärtiger Irrer gegen einen Diktator mit moderner Armee und Unterstützung durch die USA)? Ist nicht die lange Phase der friedlichen Kooperation der EU-Staaten seit den 2. WK eine Wirklichkeit gewordene Utopie? Alle diese Zustände mögen noch 50 oder 100 Jahre früher als völlig utopisch gegolten haben, sind jetzt aber Realität. Die Beispiele zeigen auch, dass nicht jede Utopie zwingend freiheitsbeschränkend sein muss (dann wäre sie genaugenommen auch keine Utopie, sondern eine Dystopie).

    Pareto-optimale Utopien (jedes Individuum wird in seiner Position verbessert), die prinzipiell durch technischen Fortschritt (das Malthus-Beispiel) oder die Überwindung sozialer Dilemmata (das EU-Beispiel) errungen werden können, können durchaus sinnvolle Zielmarken darstellen. Ein aktuelles Beispiel wäre die Lösung unserer Energieprobleme durch die kalte Fusion.

    Utopien hingegen, die nur Kaldor-Hicks-optimale Verbesserungen versprechen, also wo die Gesellschaft als Ganzes „gewinnt“ wenn erst einmal eine lästige, im Weg stehende Minderheit etwas verliert (Freiheit oder Kopf), sollte man sicher mit Vorsicht genießen. Was nicht heißt, dass nicht auch hier etwas Sinnvolles bei rumkommen kann – die Frage ist, wie der Verlust aussieht.

    Letztlich ist sicher beides richtig: Ohne Utopien verliert man sich im Kleinklein der Tagespolitik. Andererseits können wohlmeinende Utopien auch den Blick auf das Machbare verstellen und in die Irre führe. Oder wie Marx (ausgerechnet!) schon treffend bemerkte: „Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert“.

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    • Das, was du meinst, ist nach meinem Verständnis keine Utopie. Eine Utopie ist eine umfassende, ideale Welt. Was du beschreibst (OECD, Kuba, EU…), sind konkrete Veränderungen in bestimmten Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, die vormals im umgangssprachlichen Sinne als „utopisch“ gegolten haben mögen. Sie waren aber dennoch keine Utopien, sondern höchstens nur Teile von Utopien.

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