Die sozialen Dilemmata des Umweltschutzes

Theoretisch wissen wir (fast) alle, dass wir uns mitten in einer schleichenden Umweltkrise befinden: Klimawandel, Biodiversitätsschwund, Trinkwasserknappheit, zerstörerische Ressourcengewinnung, wachsende Müllberge an Land wie in den Meeren sowie Luft- und Bodenverschmutzung sind in aller Munde. Theoretisch wissen wir ebenfalls, was zu tun ist: Änderung der derzeitigen Konsumkultur, Regionalisierung von Produktionsprozessen, Umstieg auf erneuerbare Energien und nachwachsende Rohstoffe, weniger Verschwendung auf Produktions- wie Konsumseite, technologische und institutionelle Innovationen zur Minderung von Abfallmengen, Steigerung von Recycling-Quoten. Da einige der oben genannten Umweltprobleme globaler Natur sind (allen voran, aber mitnichten nur der Klimawandel), bedarf es auch globaler Lösungen, z.B. in Form von internationalen Abkommen. Soweit die Theorie. In der Praxis scheitert Umweltschutz auf allen Ebenen: internationale Verträge werden nicht abgeschlossen, nationale Gesetzgebungen sind unzureichend, und was die individuelle Ebene anbetrifft, ist es geradezu bezeichnend, dass gerade die überdurchschnittlich umweltbewussten „bildungsnahen“ Bevölkerungsschichten die größten ökologischen Rucksäcke mit sich herumschleppen. Warum ist das so? In der Ökonomie – bzw., konkreter, in der Spieltheorie und Institutionenökonomik – gibt es für dieses Phänomen einen sehr passenden Begriff: soziale Dilemmata.

Das Konzept der Planetary Boundaries des Stockholm Resilience Centre. Nicht unumstritten (z.B. aufgrund seiner statischen Sichtweise), doch zur Übermittlung der Botschaft über die Umweltkrise, in der wir uns befinden, sehr nützlich.

Im engeren Sinne bedeutet soziales Dilemma, dass in einer gegebenen Situation individuell rationales Verhalten zu kollektiv irrationalen Ergebnissen führt (wobei mit individuell rational das Eigeninteresse maximierend, mit kollektiv rational die Pareto-Effizienz, ein Zustand, in dem kein Akteur besser gestellt werden kann, ohne damit andere schlechter zu stellen, gemeint sind). Im weiteren Sinne bedeutet soziales Dilemma das Scheitern kollektiven Handelns, d.h. des gemeinsamen Handelns einer Menschengruppe (eines Kollektivs also) zum Wohle ebendieser Gruppe. Dabei handelt es sich um ein „endogenes“ Scheitern „von innen“ und gerade kein „exogenes“, bei dem der Gruppe einfach nicht die technischen Mittel gegeben sind, die für den Erfolg notwendig wären.

Der Umweltschutz bzw. die Umweltpolitik ist in vielerlei Hinsicht eine riesige Ansammlung sozialer Dilemmata. Eigentlich wissen alle, was zu tun wäre. Auch die Dringlichkeit und Notwendigkeit dezidierten Handelns ist den meisten sehr wohl bewusst. Viele technologische und institutionelle Instrumente sind bereits vorhanden oder zumindest vorstellbar. Und doch scheitern wir. Und dies hat nicht viel mit der Qualität der Instrumente zu tun, ja nicht einmal mit eventuellem Dissens bezüglich der „richtigen“ unter ihnen. Vielmehr stehen wir uns hier selbst im Wege, konkret aufgrund zweier psychologischer Phänomene: Abneigung gegen Unsicherheit (in einem viel weiteren Sinne als die Risikoaversion der Finanzwissenschaft) und die sog. Verlustaversion (loss aversion), ebenfalls etwas weiter verstanden als im wissenschaftlichen Diskurs üblich.

Die Abneigung gegen Unsicherheit hat ihrerseits zwei Komponenten. Zum einen ist es das Phänomen, so treffend von Alvin Toffler in seinem 1970er Buch Der Zukunftsschock beschrieben, dass der durchschnittliche Mensch Stabilität der Veränderung vorzieht, gerade wenn die konkrete Form der Veränderung ungewiss ist. Da die Lösung der heutigen Umweltprobleme wohl mit einer tiefgreifenden Transformation von Kultur und Gesellschaft einhergehen würde/müsste, ist sowohl aus gesamtgesellschaftlicher als auch (insbesondere) individueller Sicht höchst ungewiss, wie die Zukunft dann genau aussehen würde. Dies ist verständlicherweise angsteinflößend und aktionshemmend. Zusätzlich wird dieser Effekt davon verstärkt – die zweite Komponente der Unsicherheitsabneigung -, dass auch die Umweltprobleme, und nicht nur ihre Lösungen, zutiefst diffus sind, weil sie komplex, global und oft auch abstrakt sind. Sie sind somit weit entfernt von alltäglichen Erfahrungen, was die subjektive Dringlichkeit dezidierten Handelns stark negativ beeinflusst und so manche Ausflüchte fördert. Man bedenke nur, wie schwer es einem oft fällt, größere alltägliche Probleme anzupacken, wie viel einfacher es ist, sie vor sich herzuschieben (das klassische Beispiel hier wäre wohl die Steuererklärung). Um wie viel schwieriger wird es, wenn man keine klare Deadline vor Augen hat und auch keine klare Zuständigkeit, während das Problem selbst schleichend die Welt um uns verändert?

Und als ob die Unsicherheit uns die Sache nicht schon schwierig genug machen würde, kommt die Verlustaversion erschwerend hinzu: Auch wenn die Zukunft nach den wohl notwendigen Transformationsprozessen von einem Nebel des Ungewissen behangen ist, scheint eines relativ klar: die Transformation, und gegebenenfalls auch ihr Ergebnis, wird schmerzhaft sein. Zumindest gemessen an den Erwartungen und Standards von heute – und diese sind letztlich relevant, weil wir es sind, die die ersten Schritte allmählich tun sollten. Was diese Schmerzhaftigkeit anstellen kann, sieht man in Deutschland bereits jetzt an der Diskussion um die zulässigen, tragbaren Kosten der Energiewende (insb. des EEG). Es wäre naiv anzunehmen, dass die Transformation schmerzfrei zu schaffen wäre – selbst die scheinbare „Überwindung“ des Problems durch eine oft geforderte, vorangehende oder begleitende individuelle Transformation hin zu Suffizienz ist alles andere als schmerzfrei, zumal es hier nicht um die Akzeptanz äußerer Zwänge geht (z.B. höhere Energiepreise, prohibitiv teure Flugreisen), sondern um die Entwicklung innerer „Zwänge“. Im weiteren Sinne jedoch ist beides das gleiche – ein Verzicht oder ein subjektiv wahrgenommener Verlust von etwas, was man vorher hatte oder auch nur haben konnte (s. Flugreisen). Es fällt uns Menschen extrem schwer, zu verzichten – selbst wenn das Argument legitim sein sollte, dass der Verzicht uns langfristig gut tun könnte.

Dies sind die Gründe, warum wir uns bisher nicht zu kollektiven Lösungen aufraffen konnten. Es wird einerseits von der Politik gefordert, sie solle die Umweltprobleme gefälligst angehen – konkrete Lösungsansätze werden aber entweder gänzlich abgelehnt und gekippt, oder so weitgehend verwässert, um einer Ablehnung vorzubeugen, dass es dem Nichtstun gleichkommt. Gleichzeitig übt sich die Politik ganz im Sinne politischer Ökonomie in einer Selbstzensur: konkrete Vorschläge zur Lösung von Umweltproblemen werden lieber gar nicht erst vorgebracht, zu groß die Gefahr ernsthafter Stimmverluste bei der nächsten Wahl. Allgemeine Lippenbekenntnisse sind da oft viel „klüger“.

Bei den Versuchen, die Notwendigkeit kollektiven Handelns zu „umgehen“ und erstmal auf individueller Ebene anzusetzen, bilden soziale Dilemmata im engeren Sinnne eine Grenze des Praktikablen. Bei allem Gerede über die Pioniere des Wandels, sei es auf internationaler (die EU in der Klimapolitik), sei es auf einzelgesellschaftlicher Ebene (der Einzelne mit einer individuellen „Politik der Mäßigung“), ist man in vielerlei Hinsicht abhängig vom Handeln Anderer. Das fängt mit der scheinbar trivialen Enttäuschung und dem Gefühl der Sinnlosigkeit des eigenen Verzichts, wenn alle Anderen sich um das betreffende Problem nicht zu scheren scheinen, abgesehen von eventuellen Lippenbekenntnissen: so fühlt man sich bspw. als Vegetarier/Veganer in einer Gesellschaft der Omnivoren oft ohnmächtig. In anderen Bereichen ist man gar strukturellen Zwängen ausgesetzt, wenn man bspw. wahrlich nachhaltige Produkte nutzen möchte, aber keine findet, oder wenn man gern weniger arbeiten würde (im Sinne der Paech’schen Strategien der Suffizienz und Subsistenz), einem aber keine Möglichkeit der Arbeitszeitreduktion offen steht. Und da die sog. Rebound-Effekte oft gesamtgesellschaftlich greifen, kann man sich nicht einmal sicher sein, ob das individuell nachhaltige Verhalten gesamtgesellschaftlich netto betrachtet irgendeinen, wenn auch nur marginalen Effekt bewirkt.

Sind wir also verloren? So weit würde ich trotz des tief sitzenden „pessimistischen Realismus“ nicht gehen. Allerdings bin ich überzeugt, dass die vielen Umweltkrisen von heute keine einfachen Lösungen haben. Weder technologisch-institutionelle Ansätze auf gesamtgesellschaftlicher und internationaler Ebene noch kulturelle Ansätze auf individueller sind schmerzfrei – und damit stellen sie uns vor massive soziale Dilemmata, deren schiere Zahl und Schwere einen bei näherer Betrachtung zu erdrücken droht. Eines ist sicher: sollten wir die Nachhaltigkeitstransformation tatsächlich schaffen, werden wir allen Grund haben, auf uns selbst stolz zu sein.

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