„Das kommt drauf an…“ oder Der Ökonomie Drang zur mathematischen Exaktheit

In einer Vorlesung irgendwann im Bachelor-Studium verkündete einer meiner Professoren uns Studenten (es ging um die ungedeckte und die gedeckte Zinsparität), dass wir gerade eine seltene Begegnung mit einem ökonomischen Modell hätten, das die Realität korrekt widerspiegele. Es war einer der wenigen Momente in meinem VWL-Studium, in dem ein Professor grundsätzliche Zweifel an der ökonomischen Theorie aufkommen ließ. Insbesondere an ihrer mathematisch feinen, doch oft realitätsfernen Seite.

Die Ökonomie war nicht immer so streng formalisiert wie heutzutage. Der Drang zur mathematischen Exaktheit, die Idee, die Ökonomie könnte die Physik unter den Sozialwissenschaften werden, ist relativ neu: während man meistens Adam Smiths An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations (1776) als die Geburtsstunde der Ökonomie interpretiert (obgleich damit z.B. François Quesnay Unrecht geschieht), begann ihre Formalisierung und Mathematisierung erst um das fin de siècle herum, mit den Arbeiten der sog. Neoklassiker Alfred Marshall, Arthur Cecil Pigou oder Léon Walras. Höchstens die Hälfte der Geschichte ökonomischen Denkens ist also von mathematischer Exaktheit geprägt – und auch das stimmt nicht ganz, weil einige wichtige Denkschulen des 20. Jahrhunderts auf mathematische Modelle verzichteten (Keynes) oder sie gar explizit ablehnten (Österreichische Schule). Und auch in der früheren Geschichte der Ökonomie tobten Debatten, ob man in dieser Wissenschaft überhaupt von zeitlosen Gesetzmäßigkeiten ausgehen kann, was ja die notwendige, wenn auch nicht hinreichende Bedingung für mathematische Modellierung ist. Die deutsche Historische Schule lehnte sich gegen die Vorstellung von solchen ökonomischen Gesetzen auf.

Heutzutage nimmt der Drang zur mathematischen Exaktheit im ökonomischen Mainstream z.T. absurde Züge, wenn z.B. bestimmte Annahmen nur gemacht werden, weil mit ihnen dann das entsprechende Modell „traktabel“ sei. Dies soll natürlich nicht heißen, dass mathematische Modelle in der Ökonomie bzw. in den Sozialwissenschaften generell nichts zu suchen hätten. Es überkommt einen jedoch manchmal das Gefühl, dass in der modernen Ökonomie Mathematik nicht ein Mittel zum Zweck ist, sondern selbst zum Zweck wurde. Mit z.T. tragischen Konsequenzen. Bezeichnend hierbei ist die heutige Popularität unter Ökonomen der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie als dem „Beweis“, dass Märkte zu Effizienz führen. Interessanterweise soll einer der Schöpfer dieser Modelle, Frank Hahn, selbst darauf hingewiesen haben, dass das so oft zitierte Ergebnis von so vielen unrealistischen Annahmen abhängt, dass die Theorie für die Wirklichkeit kaum relevant ist.

Nun stellt sich die Frage: wie kommt das? Wieso hält sich dieser Formalismus in der Ökonomie? Meine Vermutung ist, dass der Wunsch nach mehr Exaktheit, das Streben nach die Physik imitierenden „zeitlosen Gesetzen“ in der Wirtschaft, aus einem verständlichen Verlangen hervorging, nicht immer auf jede Frage antworten zu müssen: „Das kommt drauf an.“ Soziale Systeme, die Wirtschaft eingeschlossen, sind unglaublich komplex, dynamisch und widersetzen sich eigentlich jeglichen Versuchen, sie exakt zu modellieren. Erkennt man dies, hat man zwei extreme Möglichkeiten (mit lauter Grauschattierungen dazwischen): entweder man lässt Modellierung und Theoriebildung sein und beschränkt sich auf Beschreibung (Historische Schule) oder man ignoriert die Komplexität und versucht, die Realität in mathematische Modelle zu zwängen, ob sie es nun will oder nicht (Neoklassik). Im 20. Jahrhundert erkennt man einen deutlichen Trend zum Letzteren, der sich auch im 21. Jahrhundert fortsetzt – und dazu führt, dass VWL-Professoren ihren Studenten sagen, sie hätten gerade ein seltenes Exemplar eines realitätsnahen ökonomischen Modells vor sich.

Ich möchte diese Ausblendung der Komplexität und Dynamik sozio-ökonomischer Systeme nicht unbedingt verurteilen – ich habe selbst oft genug damit zu kämpfen, dass ich in meinem Fach kaum exakte Aussagen machen kann, sondern immer Bedingungen nennen muss und Unsicherheitsquellen aufzeigen etc. Es mag „beruhigend“ sein, wenn das Modell ein schönes, exaktes Ergebnis „ausspuckt“. Dummerweise kann es sein – und ist es oft genug auch -, dass dieses Ergebnis für die reale Welt keine Relevanz hat. Aber für praktische Relevant bekommt man ja bekanntlich nur selten einen Wirtschaftsnobelpreis.

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