Carsharing und die Grenzen der Effizienz-Orientierung

Als umweltbewusster Mensch ohne antimodernistische Tendenzen finde ich die Idee des Carsharing großartig. Ich wollte nie wirklich ein Auto haben, kann es aber nicht leugnen, dass ich gern Auto fahre und dass es hin und wieder praktisch ist, auf eines zurückgreifen zu können. Innerhalb der Stadt braucht man es kaum und zum Reisen meistens auch nicht – aber es gibt eben Ausnahmefälle, sei es ein Urlaub in einer schwer zugänglichen Almhütte oder ein Baumarkt-Einkauf. Aus Sicht der Nachhaltigkeit scheint es also eine tolle Lösung, dass man bei Bedarf ein Auto mieten kann, ohne es besitzen zu müssen. Doch was in Theorie so rosig wirkt, ist in der Praxis leider nur ein Teil der Lösung – und zwar nicht unbedingt der einfachste. Weiterlesen

BIOECON 2016: Bevölkerungswachstum und natürliche Ressourcen

Eine der schönen Sachen am Wissenschaftler-Dasein sind die Konferenzen (obgleich sie natürlich eine gerade für Umweltforscher unangenehme Kehrseite haben – man muss zu ihnen allzu oft fliegen). Einer der Gründe dafür ist, dass man sich Vorträge von klugen Menschen anhören kann – und nebenbei erstaunt erfahren, dass auch die besonders angesehenen unter ihnen in aller Regel normale Menschen sind. Gerade war ich auf einer solchen Konferenz, der BIOECON 2016 in Cambridge. Es gab dort zwei Keynote Speeches, die beide eine Zusammenfassung verdienen. Zunächst: Partha Dasgupta und „reproduktive Externalitäten“.

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Links reden, rechts handeln und soziale Dilemmata

Ich war kürzlich recht überrascht, als ich einen kurzen Text des Ökonomen Robert Shiller zur Flüchtlingskrise las, ohne mich aufregen zu müssen. Nun habe ich bei den Krautreportern einen epistolären Austausch zwischen dem Soziologen Armin Nassehi und dem Vertreter der Neuen Rechten Götz Kubitschek gelesen. Eine interessante Lektüre, obgleich ich wohl nie werde verstehen können, wie man darauf kommen kann, dass „Die Gruppenexistenz des „Wir“ im nationalen und damit auch ethnisch gebundenen Sinn […] unhintergehbar“ sei (Kubitschek). Aber dazu vielleicht ein andermal (bis dahin verweise ich auf das Buch Identity and Violence von Amartya Sen). Etwas Anderes fiel mir auf, es war ein Punkt, bei dem sich die Herren ausnahmsweise einig waren. Und der mich an ein altes ökonomisches Konzept erinnerte, das eine andere Interpretation des betreffenden Problems erlaubt. Weiterlesen

Fairphone – das Smartphone, das Pigou gekauft hätte?

Früher gehörte zu einem Gutmensch ein Jutebeutel, heutzutage ist es das Fairphone. OK, das ist vielleicht ein etwas weit hergeholter Vergleich, aber Tatsache ist, dass man heutzutage nur noch sehr schwer um den Besitz eines Smartphones herumkommt. Und wenn man ein sog. Gutmensch ist, dann entscheidet man sich oft eben für das Fairphone – ein Handy, das mit dem Slogan „buy a phone, join a movement“ wirbt und als das umwelt- und sozialverträglichste gilt, was der Smartphone-Markt zu bieten hat. Weiterlesen

5 Jahre Skeptische Ökonomie

Gerade eben wurde mir von WordPress mitgeteilt, dass ich seit inzwischen genau 5 Jahren einen Blog bei ihnen habe. Da habe ich mich an meine Alma mater erinnert gefühlt, die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, die sich als 1502 gegründet versteht (Gründungsjahr der Universität Wittenberg), obwohl in Wittenberg kein regulärer Universitätsbetrieb stattfindet und die Geschichte der Uni von 1502 bis heute keineswegs stetig verläuft (Interessierten empfehle ich den Wikipedia-Eintrag zur MLU). So betreffen die 5 Jahre auch bei mir sowohl den alten englischen Blog als auch den aktuellen deutschen. Immerhin gab es bei mir keinen klaren Bruch und thematisch einen mehr oder minder fließenden Übergang zwischen den beiden – in diesem Sinne bin ich der MLU voraus. Was macht man denn so anlässlich des fünften Blog-Geburtstags? Man veröffentlicht eine Liste von Beiträgen, auf die man besonders stolz ist (steht zumindest so im Bloggen für Dummies-Guide, gleich hinter „Auf der Suche nach einem guten Titel? Suche Inspiration auf bild.de“). Also dann: Weiterlesen

Der Fluch des kleineren Übels oder Alles Leben ist Abwägen

Es gibt da eine Buchreihe, die außerhalb Polens eher wegen des auf ihr basierenden Computerspiels bekannt ist (sie wurde auch verfilmt, aber der Film ist grottenschlecht). Abgesehen davon, dass die Bücher der Reihe zu meinen absoluten Favoriten gehören, hat die Geschichte ein „psychologisches Leitmotiv“, an das ich mich in letzter Zeit immer wieder erinnern muss – das Prinzip des „kleineren Übels“. Die Hauptfigur weigert sich konsequent, in Konflikten, die sie eigentlich nicht betreffen, sich auf eine Seite zu stellen, muss aber immer wieder feststellen, dass dies nicht möglich ist – sie muss sich jeweils für das kleinere der beiden zur Verfügung stehenden Übel entscheiden, so sehr ihr das zuwider ist. Im Grunde ist die Entscheidung zwischen kleineren und größeren Übeln eine pessimistische Version des Grundprinzips der Ökonomik, das man, Karl Popper paraphrasierend, mit „Alles Leben ist Abwägen“ umschreiben könnte. Weiterlesen

Freier Handel, guter Handel?

Nein, dies wird nicht ein weiterer Text über TTIP, Chlorhühnchen und Schiedsgerichte sein. Zumindest nicht direkt. (Sorry for disappointing you.) Weder ist meine Expertise hier ausreichend, noch fände ich es besonders spannend, über ein Thema zu schreiben, mit dem sich alle Medien immer und immer wieder beschäftigen (zumindest wenn nicht gerade die Lokführer wieder streiken oder die Herren Müller-Wohlfahrt und Guardiola uns mit ihren Auseinandersetzungen bescheren). Andererseits geht es mir hier um eine allgemeine Fragestellung, die für die TTIP-Debatte natürlich Konsequenzen hat: ist freier Handel generell eine gute Sache? Die Antwort ist, denke ich, etwas komplizierter als es manchmal scheint (sonst gäbe es ja keinen Grund, diesen Beitrag zu lesen). Weiterlesen

Das andere Wachstumsdilemma – „schrumpfen oder ignorieren?“

Das derzeitige ökonomische System, einschließlich der dazugehörigen Konsumkultur, ist nicht nachhaltig. Egal, ob wir ökologische, soziale oder finanzielle Nachhaltigkeit im Sinn haben – die Diagnose ist relativ unkontrovers. Irgendwas muss sich ändern. Es sind die Therapievorschläge, die Kontroversen erwecken. Entkopplung, d.h. Effizienz und eventuell Konsistenz, sagen die Einen. Degrowth, d.h. Schrumpfung, Suffizienz und Subsistenz, sagen die Anderen. Und dann gibt es noch solche, wie z. B. Jeroen van den Bergh oder mich, die meinen, dass Entkopplung zwar eine naive Utopie ist, aber degrowth/Schrumpfung auch kein sinnvoller Ansatz, weil auch hier BIP-Wachstum fetischisiert wird, bloß unter umgekehrten Vorzeichen. Ich setze an dieser Stelle voraus, dass Entkopplung zu unwahrscheinlich ist, als dass man vernünftigerweise alles auf ihre Karte setzen könnte, und möchte mich der Frage widmen: schrumpfen oder ignorieren? Weiterlesen

Die sozialen Dilemmata des Umweltschutzes

Theoretisch wissen wir (fast) alle, dass wir uns mitten in einer schleichenden Umweltkrise befinden: Klimawandel, Biodiversitätsschwund, Trinkwasserknappheit, zerstörerische Ressourcengewinnung, wachsende Müllberge an Land wie in den Meeren sowie Luft- und Bodenverschmutzung sind in aller Munde. Theoretisch wissen wir ebenfalls, was zu tun ist: Änderung der derzeitigen Konsumkultur, Regionalisierung von Produktionsprozessen, Umstieg auf erneuerbare Energien und nachwachsende Rohstoffe, weniger Verschwendung auf Produktions- wie Konsumseite, technologische und institutionelle Innovationen zur Minderung von Abfallmengen, Steigerung von Recycling-Quoten. Da einige der oben genannten Umweltprobleme globaler Natur sind (allen voran, aber mitnichten nur der Klimawandel), bedarf es auch globaler Lösungen, z.B. in Form von internationalen Abkommen. Soweit die Theorie. In der Praxis scheitert Umweltschutz auf allen Ebenen: internationale Verträge werden nicht abgeschlossen, nationale Gesetzgebungen sind unzureichend, und was die individuelle Ebene anbetrifft, ist es geradezu bezeichnend, dass gerade die überdurchschnittlich umweltbewussten „bildungsnahen“ Bevölkerungsschichten die größten ökologischen Rucksäcke mit sich herumschleppen. Warum ist das so? In der Ökonomie – bzw., konkreter, in der Spieltheorie und Institutionenökonomik – gibt es für dieses Phänomen einen sehr passenden Begriff: soziale Dilemmata. Weiterlesen

Was Friedrich August von Hayek und Niko Paech gemeinsam haben

Es gibt zwei Hauptfelder, in denen sich Ökonomen austoben dürfen: Modellbildung, um die Wirtschaftswelt zu beschreiben und zu verstehen. Und Instrumentenbildung, um bestimmte Missstände in dieser zu beseitigen. In die zweite Kategorien gehören solche Konzepte wie Steuern, Emissionshandelssysteme, Payments for Ecosystem Services, Subventionen etc. Doch funktionieren diese Instrumente sehr oft nicht so, wie sie sollten. Teilweise liegt es daran, dass ihre Entwickler bestimmte wichtige Faktoren ignoriert haben, z.B., weil sie von einem zu einfachen Modell menschlichen Handelns ausgegangen sind. Oft genug liegt es aber daran, dass die Instrumente nicht so implementiert werden, wie es ihre Entwickler wollten. Oder sie werden gar nicht erst implementiert, obwohl sie durchaus in der Lage wären, die betreffenden Probleme zu lösen. Beides wird dann gern den Ökonomen in die Schuhe gelegt. Unberechtigterweise. Weiterlesen