Resonanz und Entfremdung

2018 war für mich das „Jahr der dicken Bücher“. Ich habe einige gelesen, für die ich fast schon beschämend lange gebraucht habe – die sich aber dennoch mit Freude und großem Erkenntnisgewinn lesen ließen. Besonders spannend war es, Hartmut Rosas Resonanz und Rahel Jaeggis Entfremdung nacheinander zu lesen. Nicht nur, weil sie ein sehr ähnliches Kernthema – das Phänomen der „Entfremdung“ – haben, sondern auch, weil sie sich gegenseitig aufeinander beziehen. Während Rosa die erste Ausgabe von Entfremdung rezipiert, antwortet Jaeggi ihm im Nachwort der von mir gelesenen zweiten Ausgabe. Zusammen ergeben die beiden Bücher ein faszinierendes Bild eines nicht nur philosophischen, sondern auch genuin gesellschaftlichen Phänomens. Weiterlesen

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Ist deliberative Demokratie die Lösung?

Unter den vielen Themen, mit denen ich mich in meiner bisherigen akademischen Karriere auseinandergesetzt habe, sind deliberative Bewertungsverfahren (Deliberative Monetary Valuation) eines der wichtigsten. Mit der Auseinandersetzung mit diesem Typ von ökonomischen Bewertungsmethoden geht meine Begeisterung für Konzepte deliberativer Demokratie einher. Doch je länger ich mich mit dem Thema beschäftige, desto mehr zweifle ich an dem praktischen Potenzial deliberativer Demokratie.

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Degrowth, Moderne und liberale Demokratie

Wachstumskritik ist immer auch Moderne-Kritik. Und Kritik an der Moderne muss zwar nicht, kann aber mitunter auch Kritik an liberaler Demokratie und der „offenen Gesellschaft“ (sensu Popper) sein. Dies trifft auch auf Degrowth zu, dessen Verhältnis zu liberaler Demokratie oft unklar ist. Doch wenn (berechtigte) Moderne-Kritik in Demokratieskepsis abrutscht, droht sie, sehr schnell ihre eigenen Ziele zu untergraben. Weiterlesen

Des misanthropischen Humanisten Zitat des Tages

Eine Moral, die auf das entgegenkommende Substrat geeigneter Persönlichkeitsstrukturen angewiesen bleibt, bliebe in ihrer Wirksamkeit beschränkt, wenn sie die Motive des Handelnden nicht auch noch auf einem anderen Wege als dem der Internalisierung erreichen könnte, eben auf dem Wege der Institutionalisierung eines Rechtssystems, das die Vernunftmoral handlungswirksam ergänzt. […] Die moralisch urteilende und handelnde Person muß sich dieses [Norm-] Wissen selbständig aneignen, verarbeiten und in die Praxis umsetzen. Sie steht unter unerhörten (a) kognitiven, (b) motivationalen und (c) organisatorischen Anforderungen, von denen sie als Rechtsperson entlastet wird.

Jürgen Habermas, Faktizität und Geltung

Mehr zum misanthropischen Humanismus hier.

Skeptische Ökonomie 2017 (nicht nur) in Zahlen

1: Anzahl der Doktorgrade, die der Autor von Skeptische Ökonomie 2017 erlangt hat (auch: Anzahl der Bücher, die derselbe geschrieben hat)

3: so lange (in Jahren) gibt es Skeptische Ökonomie schon (seit 7.12.2014)

7: so lange gibt es sie, wenn man die englischsprachige Vorgängerin mitrechnet (seit September 2010)

33: so oft wurde hier 2017 kommentiert

33: Anzahl der 2017 auf Skeptische Ökonomie veröffentlichten Beiträge

11.773: so oft wurde Skeptische Ökonomie vergangenes Jahr aufgerufen

20.000: diese Gesamtzahl von Aufrufen knackte Skeptische Ökonomie im Dezember

Die populärsten neuen (d. h. 2017 verfassten) Beiträge waren:

  1. Warum es OK ist, Sci-Hub zu nutzen (obwohl es illegal ist)
  2. Marktmacht der Wissenschaftsverlage: drei kurze Anekdoten
  3. Misanthropischer Humanismus
  4. Energiewende – einige Klarstellungen
  5. Nun sag, wie hast du’s mit dem bedingungslosen Grundeinkommen?
  6. Afrikas Misere und Fair Trade
  7. Bioökonomie in einer begrenzten Welt

Dauerbrenner (die populärsten älteren Beiträge):

  1. Diskontieren, Kosten-Nutzen-Analyse und Nachhaltigkeit
  2. Logische Konsistenz, moralische Intuition und das Trolley-Problem
  3. Die sozialen Dilemmata des Umweltschutzes

Was sonst noch geschah:

Danke fürs Lesen!

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Ist die Ökonomik demokratiefeindlich?

Der Mainstream-Ökonomik wird einiges angehängt – von Imperialismus bis zu Wachstumsfetischismus. In Deutschland streiten seit einigen Jahren das Netzwerk Plurale Ökonomik und der Verein für Socialpolitik darüber, welche dieser Vorwürfe inwiefern berechtigt sind. Ein „klassischer“ Zankapfel ist die vermeintliche Obsession der neoklassischen (also: Mainstream-)Ökonomik1 mit (allokativer) Effizienz – den Kritiker*innen zufolge vor allem zulasten distributiver (d. h. Verteilungs-)Fragen. Ich möchte mich einer etwas anderen Frage widmen, die ebenfalls mit der Effizienz-Fokussierung zusammenhängt: ist die (Mainstream-)Ökonomik demokratiefeindlich?

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Moralische Signifikanz des Artensterbens: eine Diskussion

Ich komme in letzter Zeit nicht wirklich dazu, hier etwas neues zu schreiben; möchte aber zumindest eine sehr interessante Diskussion wiedergeben, die ich gestern auf Facebook hatte, die sich um die Frage der moralischen Signifikanz des Artensterbens drehte. Ausgelöst wurde sie durch den Washington-Post-Beitrag von R. Alexander Pyron, We don’t need to save endangered species. Extinction is part of evolution, den ich unterstützend geteilt habe. Hier eine anonymisierte und leicht bearbeitete Wiedergabe der Diskussion: Weiterlesen

Grüne Gentechnik und die Grenzen repräsentativer Demokratie

Kürzlich war ich auf einer sehr interessanten Summer School zum Thema Genome Editing – Beyond the Precautionary Principle?, organisiert vom Institut Technik-Theologie-Naturwissenschaft (TTN) der LMU München. In meinem Vortrag plädierte ich dafür, eine breite und offene gesellschaftliche Debatte über moderne Genome-Editing-Technologien (allen voran CRISPR/Cas) anzustoßen, bevor man mittels „science-based regulation“ die Bevölkerung vor vollendete Tatsachen stellt. Eine ähnliche Argumentation (in verkürzter Form) verwendete ich vor ein paar Tagen in einer Diskussion auf dem Blog von Bauer Willi (hier) – hier wie da stieß ich auf teilweise Ablehnung, die u. a. aus einem meines Erachtens problematischen Demokratie-Verständnis resultiert. In der Tat bietet die grüne Gentechnik eine gute Gelegenheit, über das Wesen der Demokratie nachzudenken.

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Pascal’sche Wette um freien statt um Gottes Willen

Ist das, was wir tun, Resultat freier, autonomer Entscheidungen? Oder tun wir einfach das, worauf wir biologisch programmiert sind? Sind das überhaupt einander ausschließende Alternativen? So oder so ähnlich kann man eines der kompliziertesten (und vermutlich auch müßigsten) Probleme der Philosophie formulieren – die Frage nach dem freien Willen bzw. das Determinismus-Problem. Weiterlesen

Schützenswert ist das Individuum, nicht das Kollektiv

Seit einiger Zeit – spätestens, seit ich mich als Anthropozentriker deklariert habe – habe ich mir den Kopf zerbrochen darüber, wie dies mit meinem ethisch motivierten Vegetarismus in Einklang zu bringen ist. Die Lösung des Problems stellte sich als relativ banal heraus, hat aber interessante Konsequenzen auf anderen Gebieten: es geht letztlich um die Frage, ob Individuen oder Kollektive schützenswert sind. Weiterlesen