Resonanz und Entfremdung

2018 war für mich das „Jahr der dicken Bücher“. Ich habe einige gelesen, für die ich fast schon beschämend lange gebraucht habe – die sich aber dennoch mit Freude und großem Erkenntnisgewinn lesen ließen. Besonders spannend war es, Hartmut Rosas Resonanz und Rahel Jaeggis Entfremdung nacheinander zu lesen. Nicht nur, weil sie ein sehr ähnliches Kernthema – das Phänomen der „Entfremdung“ – haben, sondern auch, weil sie sich gegenseitig aufeinander beziehen. Während Rosa die erste Ausgabe von Entfremdung rezipiert, antwortet Jaeggi ihm im Nachwort der von mir gelesenen zweiten Ausgabe. Zusammen ergeben die beiden Bücher ein faszinierendes Bild eines nicht nur philosophischen, sondern auch genuin gesellschaftlichen Phänomens. Weiterlesen

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Exit und Voice: von Fußball bis Kuba

Ich war schon immer schwer beeindruckt von Sozialwissenschaftler*innen, die sich nicht in eine disziplinäre Schublade stecken lassen. Da wäre bespielsweise der Ökonom–Philosoph Amartya Sen, dessen Einfluss auf mein Denken kaum zu überschätzen ist. Da wäre Jon Elster, ein… Soziologe? Ökonom? Philosoph? Und natürlich ist da noch Albert Otto Hirschman, eine besonders illustre Persönlichkeit.1 Gerade schreibe ich mit einem Kollegen an einem Artikel, in dem wir Hirschmans Konzept von Exit und Voice „missbrauchen“, um etwas über Genome-Editing-Regulierung zu sagen. Diese Gelegenheit würde ich gern nutzen, um ein paar Worte über diese einflussreichste von Hirschmans vielen Ideen zu erzählen, insbesondere über ihre diversen Anwendungen in sozialwissenschaftlicher Literatur. Weiterlesen

Des misanthropischen Humanisten Zitat des Tages

Eine Moral, die auf das entgegenkommende Substrat geeigneter Persönlichkeitsstrukturen angewiesen bleibt, bliebe in ihrer Wirksamkeit beschränkt, wenn sie die Motive des Handelnden nicht auch noch auf einem anderen Wege als dem der Internalisierung erreichen könnte, eben auf dem Wege der Institutionalisierung eines Rechtssystems, das die Vernunftmoral handlungswirksam ergänzt. […] Die moralisch urteilende und handelnde Person muß sich dieses [Norm-] Wissen selbständig aneignen, verarbeiten und in die Praxis umsetzen. Sie steht unter unerhörten (a) kognitiven, (b) motivationalen und (c) organisatorischen Anforderungen, von denen sie als Rechtsperson entlastet wird.

Jürgen Habermas, Faktizität und Geltung

Mehr zum misanthropischen Humanismus hier.

Skeptische Ökonomie 2017 (nicht nur) in Zahlen

1: Anzahl der Doktorgrade, die der Autor von Skeptische Ökonomie 2017 erlangt hat (auch: Anzahl der Bücher, die derselbe geschrieben hat)

3: so lange (in Jahren) gibt es Skeptische Ökonomie schon (seit 7.12.2014)

7: so lange gibt es sie, wenn man die englischsprachige Vorgängerin mitrechnet (seit September 2010)

33: so oft wurde hier 2017 kommentiert

33: Anzahl der 2017 auf Skeptische Ökonomie veröffentlichten Beiträge

11.773: so oft wurde Skeptische Ökonomie vergangenes Jahr aufgerufen

20.000: diese Gesamtzahl von Aufrufen knackte Skeptische Ökonomie im Dezember

Die populärsten neuen (d. h. 2017 verfassten) Beiträge waren:

  1. Warum es OK ist, Sci-Hub zu nutzen (obwohl es illegal ist)
  2. Marktmacht der Wissenschaftsverlage: drei kurze Anekdoten
  3. Misanthropischer Humanismus
  4. Energiewende – einige Klarstellungen
  5. Nun sag, wie hast du’s mit dem bedingungslosen Grundeinkommen?
  6. Afrikas Misere und Fair Trade
  7. Bioökonomie in einer begrenzten Welt

Dauerbrenner (die populärsten älteren Beiträge):

  1. Diskontieren, Kosten-Nutzen-Analyse und Nachhaltigkeit
  2. Logische Konsistenz, moralische Intuition und das Trolley-Problem
  3. Die sozialen Dilemmata des Umweltschutzes

Was sonst noch geschah:

Danke fürs Lesen!

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Grüne Agrarpolitiker fordern ein Ende der Direktzahlungen!

Eine mit mehr Expertise unterfütterte Analyse des GAP-Problems, zu dem ich letztens auch geschrieben habe:

Lakners Kommentare

Endlich, möchte man laut rufen, dieser Schritt war lange fällig!

Die grünen Agrarpolitiker Robert Habeck und Martin Häusling fordern ein Ende der Direktzahlungen und schlagen mit einem Positionspapier „Fundamente statt Säulen – Ressourcen schonend, tiergerecht und sozial nachhaltig! Plädoyer für eine Neuordnung der europäischen Agrarpolitik“ eine Kursänderung in der Agrarpolitik von Bündnis 90 /Die Grünen vor. Ziel ist es, die Zahlungen der ersten Säule schrittweise abzubauen und die gesparten Gelder für öffentliche Güter und auf andere Politikziele auszugeben. Das Papier skizziert einige andere Bereiche, die ergänzend gestärkt werden sollten: Agrarforschung stellen die zwei Autoren in den Vordergrund, da dies für den Agrarsektor wichtig sei. Dem kann man nur zustimmen: So eingesetzte Gelder würden mittelfristig eine sehr viel günstigere Wirkung für die Landwirtschaft entfalten. Sehr naheliegend finde ich auch den Hinweis, dass auch mehr Mittel für Naturschutz im Rahmen der Fauna Flora Habitat (FFH)-Richtlinie bereitgestellt werden sollen, da dies eine europäische Politik, die man dann endlich mit europäischen Geldern finanzieren würde.

Keine Direktzahlungen bedeutet mehr Geld für Naturschutz - Naturschutzgebiet Korrö, Småland, Schweden Keine Direktzahlungen…

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Close the GAP?

OK, ich gestehe, der Titel ist mir heute etwas holprig geraten: im Englischen wäre es nämlich eigentlich CAP, gemeint ist nämlich die Common Agricultural Policy (dt. Gemeinsame Agrarpolitik alias GAP) der EU. Die hinter dem holprigen Wortspiel stehende Frage ist nichtsdestotrotz gewichtig: wird das reichliche Drittel des EU-Haushalts, das in das System von Agrarsubventionen fließt, denn sinnvoll verwendet? Und falls nicht, was folgt daraus?

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Die (begrenzte) Aussagekraft von Experimenten zum bedingungslosen Grundeinkommen

Die Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) erfährt in der letzten Zeit einen Aufschub – nicht zuletzt wegen der geplanten oder bereits laufenden Experimente in Finnland, Kanada, Kenia oder Indien [weitere Beispiele bei Wikipedia]. Ich habe mich hier bereits als BGE-Skeptiker geoutet (und hier eine Alternative sehr grob skizziert); dennoch finde ich die Debatte fruchtbar, denn es geht um wichtige gesellschaftliche Herausforderungen wie technologischer Fortschritt oder Gerechtigkeit, die wir irgendwie angehen müssen – ob mit BGE oder nicht. Daher finde ich auch die betreffenden Experimente interessant – gleichwohl ist ihre Aussagekraft gleich aus mehreren Gründen sehr begrenzt. Weiterlesen

Wenn nicht bedingungsloses Grundeinkommen – was dann?

Ich habe vor einer Weile versucht zu begründen, warum ich von der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) nicht überzeugt bin. Meine Ablehnung dieser Idee bedeutet allerdings nicht, dass ich mit dem gesellschaftlich-politisch-ökonomischen Status Quo glücklich wäre. Die Frage ist also: wenn nicht BGE, was dann? Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir klar, dass ich viele Fragen und nur wenige, eher halbgare Antworten habe. Weiterlesen

Bioökonomie in einer begrenzten Welt

Mit ihren vielfältigen Möglichkeiten kann die Bioökonomie einen wichtigen Beitrag zur Lösung globaler Probleme leisten. Darunter fallen die Gesundheit und Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung, deren nachhaltige Versorgung mit Energie, Wasser und Rohstoffen sowie der Boden, Klima- und Umweltschutz.

Bioökonomie ist in der EU und insbesondere in Deutschland gerade das Buzzword der Stunde. Sogar das vom BMBF finanzierte Projekt, in dem ich die nächsten paar Jahre arbeiten werde und in dem sich kaum jemand explizit mit diesem Konzept befasst, heißt Boden als nachhaltige Ressource in der Bioökonomie (Bonares). Wie das obige Zitat, das ich der Homepage des Bioökonomierates entnommen habe, suggeriert, soll die Bioökonomie zur Lösung so ziemlich aller Umwelt- und verwandter Probleme beitragen, mit denen wir uns zur Zeit konfrontiert sehen. Weiterlesen

Energiewende – einige Klarstellungen

Immer wieder gerate ich in letzter Zeit in Diskussionen darüber, wie man die deutsche Energiewende zu bewerten hat. Dieser wird ja regelmäßig vorgeworfen, sie sei zu teuer, führe zur Energiearmut, könne in eine wirtschaftliche Katastrophe münden, basiere auf staatlichem Zwang, sei erfolglos (da erneuerbare Energien größtenteils immer noch auf Förderung angewiesen sind), und überhaupt wäre Atomkraft viel sinnvoller als Wind und Sonne. An manchen dieser Argumente ist was dran, an vielen nicht. Daher nun ein paar Klarstellungen. Weiterlesen