Mirowski und Open Science: mehr Schall und Rauch als alles andere?

Philip Mirowski ist vor allem für seine wissenschaftshistorische Kritik der neoklassischen Ökonomik bekannt, insbesondere in More Heat Than Light (schon lange auf meiner Leseliste…). Wenn so jemand einen kritischen Artikel über Open Science schreibt, horche ich naturgemäß auf. Doch stellt sich heraus, dass The future(s) of open science vor allem viel Schall und Rauch ist, ein „old man’s rant“ über bösen Neoliberalismus, der hinter jeder Ecke hervorlugt. Dabei enthält Mirowskis Text durchaus interessante Erkenntnisse – geht aber gleichzeitig sehr selektiv und einseitig mit Open Science um.

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Das Open-Science-Logo.

Ein Grundproblem des Open-Science-Themas ist, und da hat Mirowski definitiv Recht, dass es keine klare Definition von Open Science gibt–- es gibt eine Vielzahl von Ideen und Initiativen, die in Debatten unter diesem Begriff auftauchen, die aber nur teilweise miteinander kompatibel sind und mitunter sehr verschiedene Aspekte von Wissenschaft betreffen. Der kleinste gemeinsame Nenner scheint dabei die Forderung nach Open Access zu sein – dass wissenschaftliche Artikel so publiziert werden sollen, dass jede*r sie legal lesen kann, ohne dafür zahlen zu müssen. Die typische Begründung ist, dass es nicht angeht, dass Ergebnisse öffentlich finanzierter Forschung sich hinter Paywalls verstecken. Zudem kommt, dass Wissenschaftsverlage dank dem bisherigen Modell unverhältnismäßig hohe Margen erzielen, die wenig damit zu tun haben, wie viel die Veröffentlichung eines Fachartikels tatsächlich kostet und was der tatsächliche Beitrag des Verlags ist. Doch Open Science ist nicht nur Open Access, sondern umfasst eine Reihe weiterer Ideen und Forderungen. Die prominentesten von ihnen nennt Mirowski auch: Open Data (frei zugängliche Forschungsdaten), Open Peer Review (Öffnung des Peer Review in der einen oder anderen Form, z. B. durch post-publication-Begutachtung, ggf. in einem Forum-Format) und Citizen Science. Was Mirowski bei der Auflistung nicht erwähnt, obwohl er später in seinem Artikel implizit auch auf diesen Aspekt eingeht, ist Wissenschaftskommunikation (science communication bzw. scicomm) über Blogs, soziale Medien etc. Viel überraschender ist jedoch, dass er Open Access erst gegen Ende des Artikels, und dazu noch recht knapp, diskutiert.

Im Kern kritisiert Mirowski in seinem Artikel eine Reihe von Behauptungen, was Open Science denn erreichen soll, und unterstellt ihm, stattdessen eine höchst problematische Erscheinung des „neoliberalen Plattform-Kapitalismus“ zu sein. Der Artikel leidet an mehreren Schwächen, deren wichtigste wohl die sehr selektive Auswahl von Themen und Aspekten ist. Außerdem basiert die Argumentation größtenteils auf unbegründet generalisierten Anekdoten und ist dadurch an vielen Stellen einfach platt – ein Eindruck, der durch die Häufung von negativ konnotierten Begriffen wie „Kapitalismus“ und „neoliberal“ noch verstärkt wird. Old man ranting eben – den hier und da verstreuten richtigen und wichtigen Einsichten zum Trotz bzw. auch zum Schaden, denn sie gehen teilweise in der Tirade unter.

Aber der Reihe nach. In dem Moment, in dem ich las, dass Mirowski vorhat, „[to] survey[…] the infirmities of recent science that the open science advocates claim they can fix“, schrieb ich mir kurz auf, was für mich die Hauptgründe für Open Science sind:

  • monopolistische Dominanz von Elsevier & Co. (aufzubrechen durch Open Access, insb. wegen Entlohnung von tatsächlichen Kosten, anstatt völlig intransparenter Lizenzverträge)
  • fehlender Zugang für Wissenschaftler*innen und interessierte Andere zu Forschungsergebnissen (Open Access)
  • öffentlich finanzierte Forschungsergebnisse hinter Paywalls (Open Access)
  • Zurückhalten von Daten, die für Andere nützlich sein könnten (Open Data)
  • Wissenschaft im Elfenbeinturm, gesellschaftlich irrelevante Arbeit, gerade in Sozialwissenschaften Vernachlässigung relevanten, „lokalen“ Wissens (scicomm, Citizen Science – hier natürlich ohne Illusionen, dass alles viel besser wird, es geht eher um kleine, graduelle Verbesserungen)

Es war gut, dies vorher festzuhalten, denn – siehe da! – auf die meisten dieser Punkte bezieht sich Mirowski nur marginal (was ihn nicht daran hindert, Open Science mehr oder minder grundsätzlich abzulehnen – ohne übrigens auch nur ansatzweise eine Alternative zu nennen, obwohl er den meisten Problemfeststellungen zuzustimmen schien). Ich werde später noch auf sie zurückkommen.

Statt dieser aus meiner Sicht entscheidenden pro-Open-Science-Argumente kritisiert Mirowski andere, tendenziell naivere Ideen bezüglich des Potenzials von Open Science – und wittert dabei immer wieder neoliberalen Plattform-Kapitalismus. Mit seiner Kritik hat er teilweise auch Recht. So ist es tatsächlich unwahrscheinlich, dass offener Peer Review, Open Access und Citizen Science das Vertrauen in die Wissenschaft wesentlich verbessern oder Wissenschaft gar demokratisieren werden (im Sinne einer aktiven, gestaltenden Rolle von Nichtwissenschaftler*innen). Und es ist zumindest eine interessante Bemerkung, dass die Forderung, öffentlich finanzierte Forschung solle Open Access veröffentlicht werden, privat finanzierte Forschung außen vor lässt. Diese und weitere Beispiele für interessante und zum Nachdenken anregende Einsichten findet man durchaus in Mirowskis Artikel – wenn man bereit ist, sich auch den Rest seiner Tirade anzutun. Denn andere Argumente von Mirowski erscheinen nicht sehr überzeugend, weil sie auf eigentlich nicht generalisierbaren Anekdoten aufgebaut sind. So kann man z. B. das Argument, Open Access und Open Data könnten die Produktivität der Forschung erhöhen, kaum mithilfe eines spezifischen Beispiels aus dem Bereich der Pharmaforschung widerlegen. Genauso wenig spricht grundsätzlich gegen Open-Science-Ideen, dass manche von ihnen von der Industrie angeeignet und entstellt werden – denn dieses Kriterium disqualifiziert nahezu alle Versuche, irgendwas am gesellschaftlichen Status Quo zu ändern. Zur Natur des Kapitalismus gehört es nun mal, dass er gegen ihn gerichtete Kritik oft sehr erfolgreich assimiliert.

Insgesamt leidet Mirowskis Artikel an gleich mehreren Schwächen – von anekdotenhafter Evidenz, Verkürzungen und Vereinfachungen, von unzulässiger Generalisierung. Das Hauptproblem scheint jedoch zu sein, dass Mirowski überall den bösen „neoliberalen Kapitalismus“ wittert. So übersieht er, dass gerade in Europa der Staat sehr häufig hinter Open-Science-Initiativen steht und einige bereits umgesetzte oder angestrebte Lösungen auch von privatwirtschaftlichen Plattformen weitgehend unabhängig sind. Gegen Ende seines Artikels erweckt er des Weiteren den Eindruck, jegliche Versuche, Wissenschaft effizienter zu gestalten, seien aus seiner Sicht ein Ausdruck neoliberaler Ideologie. Mit so schweren Geschützen ist es nicht schwierig, Open Science „abzuschießen“. Überzeugend wird die Argumentation dadurch aber nicht. Zumal Mirowski sich nicht die Mühe macht, über Alternativen nachzudenken. Sein Artikel ist ein frontaler Angriff auf Open-Science-Ideen, dem eine durchaus kritische Diagnose zum Zustand moderner Wissenschaft zugrunde zu liegen scheint. Aber nachdem er einige Therapie-Vorschläge abgelehnt hat, versäumt er es, eine bessere Therapie auch nur anzudeuten. So beschränkt er sich auch auf die negativen Aspekte und blendet positive weitgehend aus. Natürlich sollte man von Blogging und Twittern über die eigene Forschung nicht erwarten, dass die Öffentlichkeit plötzlich begeistert anfangen wird, wissenschaftlichen Erkenntnissen statt Arte-Dokus zu glauben. Das heißt aber nicht, dass es falsch ist, durchs Bloggen und Twittern den Elfenbeinturm zu verlassen und zumindest mit interessierten Laien zu interagieren. Und ja, Citizen Science wird kaum richtig „demokratisch“ funktionieren und man kann Citizen Scientists als billige Arbeitskräfte ansehen – muss man aber nicht, und sie selbst tun es offenbar nicht. Gleichwohl helfen sie, Daten zu generieren, die Wissenschaftler*innen allein schlicht und einfach nicht in der Lage zu sammeln wären. Der Demokratie hilft das vielleicht nicht, der Wissenschaft womöglich schon. Letzteres scheint mir übrigens ein generelles Problem von Mirowski, aber auch vielen Open-Science-Befürworter*innen zu sein, die es ihm leicht machen, ihre Ideen zu kritisieren – Open Science ist vor allem dazu da, Wissenschaft besser zu machen. Man sollte daher nicht erwarten, dass sie gleich die Welt insgesamt und darüber hinaus besser machen wird.

Dabei gibt es auch positive Beispiele dafür, was Open Science bewirken kann, ohne den Plattform-Kapitalismus zu befeuern und an überhöhten Erwartungen zu zerschellen. Blogs, Twitter-Accounts und generell die vielen verschiedenen scicomm-Versuche werden nicht automatisch das Vertrauen in die Wissenschaft bewirken, auch weil sie erst einmal noch keinen Dialog bedeuten müssen. Sie sind aber ein erster Schritt, mit der restlichen Gesellschaft in einen solchen Dialog zu treten, nicht nur um die Menschen über Forschungsergebnisse zu belehren, sondern auch und gerade, um mit ihnen über deren gesellschaftliche, ethische und politische Implikationen zu diskutieren und zu streiten. Citizen Science mag nicht das Ideal partizipativer Demokratie sein – die vielen Menschen, die sich beispielsweise am deutschen Tagfalter-Monitoring beteiligen, machen dies aber freiwillig und scheinen es aus welchen Gründen auch immer gut zu finden.1 Und die Wissenschaft kommt so an Daten, die sie allein kaum generieren könnte. Was Open Data anbetrifft, machen es Kolleg*innen vom Lehrstuhl für Agrarökonomik und -politik an der ETH Zürich vor – die übrigens Repositorien nutzen, die ihnen ihre öffentlich finanzierte Universität zur Verfügung stellt, ohne auf kommerzielle Plattformen angewiesen zu sein. Und dann ist da noch das von Mirowski nur flüchtig angesprochene, aber eigentlich für die Open-Science-Idee zentrale Konzept des Open Access. Auch hier spielen öffentliche Geldgeber eine wichtige Rolle, wie in Deutschland das DEAL-Konsortium, sowie ähnliche Initiativen in Schweden oder den Niederlanden. Gerade Verträge in der Form, wie von DEAL angestrebt, relativieren einige Kritikpunkte von Mirowski und Anderen. Gemäß diesem Modell müssen sich einzelne Wissenschaftler*innen keine Sorgen machen, wie sie die publication fees für Open-Access-Veröffentlichungen finanzieren sollen, denn es sollen umfassende, zentral finanzierte Verträge abgeschlossen werden, nach denen jede Veröffentlichung aus einer deutschen (oder schwedischen oder niederländischen) Institution automatisch Open Access ist.2 Da DEAL und ähnliche Konsortien durch Bündelung von Interessen eine recht große Verhandlungsmacht haben, gleichen sie auch die bisher quasi-monopolistische Marktmacht von Giganten wie Elsevier, Springer Nature oder Wiley aus. Das dürfte die Kosten von Open Access in Maßen halten.

Open Science ist kein Panaceum für alle Übel der modernen Wissenschaft; und es gibt unter diesem Schild Initiativen, die nicht unbedingt sinnvoll sind. Dahingehend ist Mirowski zuzustimmen. Doch vermag er kaum, umfassend und systematisch überzeugende Argumente vorzulegen, die gegen Open Science insgesamt sprechen würden. Open Science ist nicht die Lösung, aber es ist ein wichtiger Teil der Lösung.

Fußnoten

  1. Natürlich ließe sich argumentieren, dass den Citizen Scientists gar nicht bewusst ist, dass sie sich ausbeuten lassen. Doch ein solches Argument kommt der viel diskutierten und viel kritisierten slippery-sloap-Logik des berühmten Entfremdungs-Arguments nahe, das Herbert Marcuse insbesondere in seinem Buch Der eindimensionale Mensch entwickelte. Denn wenn Menschen gar nicht merken, dass sie entfremdet sind, dann sei es legitim, sie zu ihrem „objektiven Glück“ zu zwingen und aus der Entfremdung herauszureißen. Solche eigentlich gut gemeinte Logik ist demokratietheoretisch sehr problematisch.
  2. Dies trifft zumindest auf Verträge mit „normalen“ Wissenschaftsverlagen zu, bei DEAL erst einmal Elsevier, Springer Nature und Wiley. Bei reinen Open-Access-Verlagen (wie bspw. MDPI oder Frontiers) ist der Trend dahingehend, dass sowohl Projektmittelgeber als auch Bibliotheken zunehmend Mittel vorhalten, die speziell solchen Veröffentlichungen gewidmet sind.
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