Von guten Landwirten und bürokratischer Belastung

Das Schöne an Wissenschaft ist, dass ein typisches Forschungsprojekt mehr neue Fragen aufkommen lässt, als es ursprünglich beantworten sollte. So auch in einem Versuch, den ich kürzlich mit einem Kollegen unternahm – wir setzten uns zum Ziel, empirische Forschung zu den Determinanten des Verhaltens von Landwirt*innen zusammenzufassen, um daraus Schlussfolgerungen für Agrarumweltpolitik im Bodenschutzkontext zu ziehen. Doch viel spannender als unsere Schlussfolgerungen finde ich die Forschungslücken, auf die wir stießen.

Bevor ich zu den Forschungslücken komme, ein paar sehr kurze Worte zu dem Literaturüberblick selbst (Leverage Points for Governing Agricultural Soils: A Review of Empirical Studies of European Farmers’ Decision-Making): wir schauten uns 87 sehr unterschiedliche empirische Studien zum Entscheidungsverhalten von Landwirt*innen in der EU. Die allermeisten Studien kommen aus Brexit-UK (30) und Deutschland (10). Was uns primär interessierte, waren die Determinanten bzw. Einflussfaktoren auf Entscheidungsverhalten. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse findet man in der folgenden Grafik (die Erklärungen hierzu im Artikel selbst).

sustainability-10-03179-ag

In Gruppen zusammengefasste meist erforschte Verhaltensdeterminanten und deren Häufigkeit/Signifikanz im analysierten Literaturkorpus; es fehlt gänzlich die Gruppe „Social-institutional factors“, in der kein einziger Teilfaktor 10mal oder häufiger untersucht wurde (cut-off-Zahl für die Abbildung). [CC BY 4.0]

Doch nun zu den Forschungslücken:

Was macht einen „guten Landwirt“ aus? Es gibt aus Großbritannien eine Handvoll Studien, die sich mit dem Bild des „guten Landwirts“ (bzw. der „guten Landwirtin“) befassten, vor allem dahingehend, wie dieses Bild die Bereitschaft beeinflusst, an Agrarumweltmaßnahmen teilzunehmen. Dabei war das Ergebnis, dass ein „guter Landwirt“ sich durch eine besondere Art symbolischen Kapitals auszeichnet, das vor allem mit „handwerklichen“ Kompetenzen einhergeht. Symbolisches Kapital bezeichnet nach Pierre Bourdieu Ausprägungen des kulturellen Kapitals (d. h. der Anerkennung im eigenen sozio-kulturellen Umfeld), die für Dritte leicht zu beobachten sind. Bei Wall-Street-Managern wäre dies vielleicht ein Porsche; bei britischen Landwirt*innen, so zumindest die Ergebnisse von Rob Burton, Mark Riley und Anderen, sind dies zum Beispiel „ordentlich“ bestellte Felder mit parallelen Furchen – an ihnen erkennt man sofort, dass die Landwirtin mit ihrer Maschinerie (Traktor, Pflug etc.) geschickt umgehen kann. Die Feststellung der britischen Forscher*innen war, dass das Bild des „guten Landwirts“ sich mit solchen Aktivitäten, die Agrarumweltmaßnahmen üblicherweise implizieren, wenn nicht beißt, dann zumindest dahingehend nicht kompatibel ist, als diese nicht wirklich zu beobachtbaren Beweisen der eigenen ackerbaulichen oder züchterischen Fertigkeiten führen (also kein symbolisches Kapital schaffen). Nun könnte dieses „Leitbild“ noch viele weitere Effekte zeitigen – bei manchen Agrarumweltmaßnahmen (z. B. Heckenpflanzungen) könnte man durchaus handwerkliches Können zur Schau stellen, bei anderen (z. B. Brachen) weniger oder gar nicht. Wie ist das Verhältnis? Wie umweltrelevant sind die verschiedenen Varianten? Wie stark wirkt es sich auf alltägliche Entscheidungen aus? Wie ist es bei „großen“ Entscheidungen, die die generelle Ausrichtung des Betriebs bestimmen? Wie stabil ist dieses Bild überhaupt? Ist der „gute Landwirt“ von heute derselbe wie der von gestern? Ein Problem ist, dass es meines Wissens solche Forschung nur in Großbritannien geht – dabei ließe sich argumentieren (und ggf. empirisch prüfen), dass das Bild des „guten Landwirts“ stark zwischen Ländern variiert, weil es kulturell, historisch und aber auch strukturell geprägt ist. Für Agrarumweltpolitik auch in Deutschland dürfte dieses Bild gleich in mehrfacher Hinsicht von Bedeutung sein. Zum einen kann man Landwirt*innen zu vielen umweltfreundlichen Handlungen kaum zwingen – man kann zwar bestimmte umweltschädliche Handlungen verbieten (obwohl es auch dagegen gute Argumente gibt); bei anderen versucht man stattdessen, sie auf vielen Wegen „schmackhaft“ zu machen. Da dürfte es hilfreich sein, zu wissen, was für einen „guten Landwirt“ schmackhaft ist. Des Weiteren befindet sich die europäische Landwirtschaft gerade in einem schwierigen demografischen Wandel – auf der einen Seite suchen viele Betriebe händeringend nach Nachfolger*innen, auf der anderen zeigen Untersuchungen, dass die neue Generation offener zu sein scheint, als die ältere. Auch hier also dürfte es Auswirkungen geben auf das Bild des „guten Landwirts“ und damit, mittelbar, auch auf umweltrelevantes Verhalten.

Wie fühlt es sich an, am staatlichen Tropf zu hängen? Der durchschnittliche europäische Betrieb erwirtschaftet nur ca. 50% seines Einkommens – der Rest sind Transferleistungen vom Staat bzw. von der EU in Form von Zahlungen im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik. Das Gros dieser Zahlungen machen die schlicht pro Hektar berechneten Direktzahlungen, deren Existenzberechtigung viele Kritiker*innen infrage stellen. Doch Stand heute wären die meisten Betriebe ohne diese Zahlungen nicht überlebensfähig. Gleichwohl dürften diese staatlichen Leistungen ein Grund sein, warum Lebensmittel hierzulande scheinbar so günstig sind (scheinbar, denn es sind die Konsument*innen, die mit ihren Steuern die GAP finanzieren). Die Frage, auf die ich bisher keine systematische Antwort (jenseits anekdotischer Evidenz) fand, ist: wie fühlen sich Landwirt*innen in dieser Situation? Und was hielten sie davon, statt pro Fläche, wie bisher, z. B. für die Bereitstellung von öffentlichen Gütern (wie oft gefordert) entlohnt zu werden? Was wäre aus ihrer Sicht eine wünschenswerte Alternative zu der massiven Abhängigkeit vom Staat? (die übrigens gleichzeitig eine gewisse Versicherungsfunktion spielt – denn die diesjährige Dürre, um ein aktuelles Beispiel zu nennen, hat ja auf die Hektarzahl keinerlei Einfluss, und damit auch nicht auf die Höhe der Direktzahlungen) Denn ein alternatives System lässt sich kaum über die Köpfe der Landwirt*innen hinweg gestalten. Es fehlt aber das systematische Verständnis ihrer (Selbst-)Einschätzung der eigenen Situation sowie ein klares Bild, wie die Alternative auszusehen hätte (gerade aus Sicht der Betroffenen).

Wie viel Zeit frisst die Bürokratie? Eine scheinbar banale Frage, auf die ich bisher keine systematische Antwort finden konnte, ist: welchen Anteil ihrer Arbeitszeit müssen Landwirt*innen investieren, um Anträge zu stellen, Rechenschafts- und Meldepflichten nachzugehen etc.? Denn Agrarumweltpolitik hängt natürlicherweise mit diesen zusammen. Und wem nur 24 h zur Verfügung stehen – bei einem sowieso ziemlich zeitintensiven Beruf –, der wird sich dreimal überlegen, bevor er/sie sich eine weitere Agrarumweltmaßnahme „aufhalst“. Daher erscheint mir die „bürokratische Belastung“ bzw. generell die Zeitallokation innerhalb des Betriebs potenziell von enormer Bedeutung – ich konnte aber keine einzige Studie finden, die dies erfassen würde. Gerade da heutzutage viel (inkl. des EU-Agrarkommissars) über die Möglichkeiten diskutiert wird, vor-Ort-Messungen durch Datenanalysen aus Fernerkundung, Sensoren an landwirtschaftlichen Maschinen etc. zu ersetzen, was zumindest theoretisch einen Einfluss auf die bürokratische Belastung haben müsste, wäre es interessant, zu wissen, wie viel Zeit diese „frisst“.

Was sagt die Beratung? Eine zumindest für mich immer noch unklare (und potenziell recht komplexe) Frage ist die Rolle der Beratungsleistungen. Landwirt*innen werden verschiedentlich beraten – zu Agrarumweltmaßnahmen, zu konkreten Produkten, zu neuen Anbau- und Zuchtmethoden etc. Es gibt die verschiedensten Varianten der Beratung – individuell, kollektiv, staatlich, privat, kurzfristig, langfristig… Einige Studien zeigen, dass die Beratung durchaus Einfluss auf wichtige, auch umweltrelevante Entscheidungen von Landwirt*innen hat – doch wie genau? Welche Rolle spielt die Diversität der Varianten und Kontexte? Welche Aspekte sind dabei entscheidend? (bspw. wurde in einer britischen Studie gezeigt, dass die Erfahrung der Beraterin als Landwirtin – kulturelles Kapital lässt grüßen – eine große Bedeutung dafür hat, inwieweit der beratene Landwirt die Vorschläge und Ideen umzusetzen bereit ist)

Und die Ausbildung? Ähnliches wie für die Beratung gilt für die landwirtschaftliche Ausbildung. Entgegen dem, was so mancher Städter glauben mag (meine Wenigkeit bis zum Beginn meiner wissenschaftlichen Arbeit in diesem Kontext leider eingeschlossen), ist Landwirtschaft eine äußerst komplexe Tätigkeit, die sehr viel Wissen, Geschick und Erfahrung voraussetzt. Daher kommt der Ausbildung (formell wie informell) eine enorm große Rolle zu. Dabei kommen Landwirt*innen auf sehr unterschiedlichen Wegen zu dem für ihren Beruf notwendigen Wissen – durchs Aufwachsen auf dem Hof der Eltern, durch Berufsschule, durch universitäre Ausbildung etc. Der Einfluss dieser verschiedenen Kanäle der Wissensvermittlung sowie ihrer jeweiligen Inhalte und Gestaltung auf die Entscheidungen von Landwirt*innen sind meines Wissens kaum systematisch erforscht. Wie beispielsweise Rob Burton in seinem exzellenten Literaturüberblick zeigt, wird Ausbildung in Verhaltensanalysen sehr inkonsistent und meistens recht „stiefmütterlich“ einbezogen – oft schlicht als „Dauer der Ausbildung“ oder höchstens „Art der Ausbildung“ mit einigen wenigen Kategorien. Gerade wenn man zu dem Schluss kommen sollte, die staatlich organisierte landwirtschaftliche Ausbildung umzugestalten (bspw. um mehr Wert auf Umwelt- und landschaftspflegerische Belange zu legen), bedarf es mehr systematischen Wissens hierzu.

Die oben aufgeführten Beispiele sind ausgewählte Forschungslücken, die meine eigene Neugier des im Agrarkontext forschenden Umweltökonomen wecken (es gibt also noch weitere). Doch sie erscheinen mir gar nicht klein – und dabei ist das Verständnis von Determinanten des Verhaltens von Akteuren essentiell für jegliche politischen Interventionen, die nicht lediglich auf Ge- oder Verboten basieren. Sobald es um „weichere“ (und gleichwohl: „flexiblere“) Politikinstrumente wie Abgaben oder Subventionen geht, kommt man nicht umhin, verstehen zu müssen, wie die betroffenen Akteure auf sie reagieren werden. Sonst läuft man Gefahr, öffentliche Mittel unnötig zu verschwenden, bspw. indem man Agrarumweltzahlungen sehr hoch ansetzt, statt sie von kleinen „Hilfsinstrumenten“ (z. B. Informationsbereitstellung) begleiten zu lassen oder in ihrer Ausgestaltung geringfügig zu modifizieren, sodass die dazugehörigen Maßnahmen von Landwirt*innen auch ohne übermäßig hohe Zahlungen aufgenommen werden.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.