Vom ökonomischen Wert der Biodiversität zu deliberativen Bewertungsmethoden

Doktorarbeiten sind ein seltsames Ding – während der Promotion wird man häufig von Zweifeln geplagt, ob das, woran man da arbeitet, wirklich relevant/innovativ/etc. ist. Man tendiert also dazu, die Bedeutung der eigenen Arbeit zu unterschätzen. Dann ist die Arbeit fertig, man verteidigt sie und befindet sich kurzzeitig im siebten Himmel – endlich ist es geschafft! Nach relativ kurzer Zeit weicht die Euphorie allerdings und man zweifelt wieder, ja man schämt sich womöglich dafür, was man da „zusammengebraut“ hat. Oder zumindest ging es mir und einigen meiner Kolleg*innen so. Lange habe ich mich gefragt, ob und was eigentlich an meiner Dissertation besonders war. Um dann festzustellen, dass ich sie einfach falsch betrachtet habe.

In meiner Dissertation ging es um den ökonomischen Wert von Biodiversität: ich habe versucht, konzeptionell aufzuzeigen, warum biologische Vielfalt ökonomisch wertvoll ist (eine Zusammenfassung hier). Nun waren die Erkenntnisse dieses eigentlichen Kernteils meiner Diss – in dem ich verschiedene Kategorien des ökonomischen Wertes von Biodiversität in einen konsistenten Rahmen gebracht habe – nicht besonders innovativ oder neu. Angesichts dessen, wie schwer es ist, konzeptionelle Arbeiten veröffentlicht zu bekommen, war ich denn auch sehr froh, dass mir das trotzdem gelungen ist (beim dritten Anlauf; dieser Artikel ist es). Nichtsdestotrotz: meine Leistung bestand vor allem darin, etwas mehr Klarheit und Konsistenz in die bereits vorhandene Literatur zu bringen sowie zu diesem Zweck einige begriffliche Kategorien geringfügig umzuinterpretieren. Das ist schon „ganz nett“, aber doch nicht richtig zufriedenstellend, selbst wenn man nicht Arrow’sche Standards anlegt.

War meine Arbeit also unterm Strich wissenschaftlich wertlos, Publikationserfolge hin oder her (an denen wissenschaftliche Qualität zu messen, ist ja sowieso problematisch)? Nach langem Hadern und Überlegen und trotz des zeitweisen Entschlusses, meine Diss einfach nicht an die große Glocke zu hängen (was nicht so schwer ist, weil ich inzwischen in einem ganz anderen Feld arbeite), fiel mir ein, dass es nicht ohne Grund einen Nebenaspekt meiner Dissertation gibt, mit dem ich mich bis heute „nebenbei“ und mit Begeisterung befasse – nämlich die deliberativen Bewertungsmethoden (Deliberative Monetary Valuation, DMV).

In meiner Diss habe ich nicht nur eine operationale Biodiversitäts-Definition formuliert (oder zumindest einen dahingehenden Versuch unternommen) und auf ihrer Grundlage konzeptionell einen kategoriellen Rahmen entwickelt, der die verschiedenen wertvollen Eigenschaften von Biodiversität (Versicherungswert, Optionswert, räumlicher Spill-over-Wert und ästhetischer Wert) zusammenfasst – sondern ich habe auf dieser Grundlage auch analysiert, welche Bewertungsmethoden besonders geeignet sind, den ökonomischen Wert von Biodiversität zu erfassen. Das Ergebnis war recht eindeutig: aufgrund der Komplexität von Biodiversität, ihrer „Unsichtbarkeit“ und Unkenntnis/Unvertrautheit bei Laien kommt man eigentlich nicht umhin, solche Bewertungsmethoden zu verwenden, die nicht das Vorhandensein von Präferenzen für Biodiversität voraussetzen, sondern es erlauben, dass diese Präferenzen sich erst herausbilden können. Und da Präferenzen sich in sozialen Prozessen bilden, sind die geeigneten Bewertungsmethoden folgerichtig diejenigen, die man zusammenfassend als deliberative Bewertungsmethoden (DMV) bezeichnet.

DMV ist eine recht breite Kategorie von miteinander verwandten Methoden, die alle auf einer Grundidee basieren – bevor Präferenzen für eine Umweltveränderung mittels Fragebögen abgefragt werden können (wie in den konventionellen Methoden geäußerter Präferenzen, Choice Experimente und Kontingente Bewertungsmethode, üblich), wird erstmal mit den zu Befragenden ein Workshop veranstaltet. An einem solchen Workshop nehmen üblicherweise 10–12 Personen teil; die Dauer schwankt mitunter sehr, meist sind es aber 2–3 Stunden. Zu Beginn wird den Teilnehmenden das Umweltproblem, um das es geht, sowie die Bewertungsmethode vorgestellt. Im Anschluss werden die Teilnehmenden dazu animiert, das Problem zu diskutieren sowie Fragen zu stellen – in der Hoffnung, dass dieser soziale Prozess dazu führt, dass sie sich eine informierte und umfassenden Meinung (Präferenzen) bilden können, die am Ende des Workshops abgefragt werden kann. Die Abfragung kann individuell (wie in konventionellen Bewertungsmethoden) oder gruppenbasiert durch Konsensentscheidung erfolgen.

Grundsätzlich verfolgen DMV-Studien zwei Ziele: zum einen geht es eben darum, dass informierte Präferenzen für komplexe Umweltprobleme sich herausbilden können. Zum anderen gelten deliberative Bewertungsmethoden als in besonderem Maße „demokratisch“ – im Sinne deliberativer Demokratie, von der DMV sich inspirieren lässt. Die vor allem auf Jürgen Habermas und John Rawls zurückgehende Theorie deliberativer Demokratie geht davon aus, dass kollektive Entscheidungen dann „rational“ sind, wenn sie das Resultat einer sachlichen Debatte unter Gleichen sind, an der alle Betroffenen gleichermaßen teilnehmen und ihre Argumente und Gründe vortragen und zur Diskussion stellen können. Entscheidend dabei soll idealiter allein der „eigentümlich zwanglose Zwang des besseren Arguments“ (Habermas) sein. DMV-Studien hoffen, sich einer solchen Rationalität zu nähern, indem sie Präferenzabfragen aus der Ökonomik mit Gruppendiskussionen verbinden, deren Formate wiederum von Anwendungen der Theorie deliberativer Demokratie inspiriert sind (vor allem die US-amerikanischen citizens’ juries und deliberative polls, in Deutschland die sog. Plannungszellen).

Das Kernergebnis meiner Dissertation (im Nachhinein betrachtet zumindest) war also die Einsicht, dass der ökonomische Wert von Biodiversität aus mehreren Gründen dazu prädestiniert ist, in DMV-Studien ermittelt zu werden. Doch damit war meine Beschäftigung mit DMV noch lange nicht abgeschlossen. Es gibt mindestens drei Probleme von DMV, auf die meine Lieblings-Ko-Autorin und seinerzeit Diss-Betreuerin Nele Lienhoop und ich seitdem versucht haben, Antworten zu geben.

Erstens sind DMV-Studien nicht immer das Mittel der Wahl. Das hat mindestens zwei Gründe: erstens sind sie ungeheuer aufwendig, was Zeit, Geld und Expertise anbetrifft. Zweitens kann man aus genau diesen Gründen keine größer skaligen, statistisch repräsentativen DMV-Studien durchführen. Daher muss man abwägen – wann ist eine DMV-Studie sinnvoll, wann nicht? In welchen Kontexten ist eine konventionelle Bewertungsmethode vertretbar? Und in welchen ist vielleicht sogar DMV immer noch zu „ökonomisch“? Um diesbezüglich pragmatische Orientierung zu geben, haben wir einen Kriterienkatalog entwickelt:

  • Bewertungsziel (Geht es um eine Kosten–Nutzen–Analyse? Um bloße Demonstrierung von Werten? Ermittlung von Strafzahlungen?)
  • Komplexität und Vertrautheit des Problems
  • Annahmen bezüglich relevanter Werte (insb.: Sollen plurale oder soziale Werte einbezogen werden?)
  • Zur Verfügung stehende finanzielle Mittel
  • Räumliche Skala und (statistische) Repräsentativität
  • Anwendbarkeit in Entwicklungsland-Kontexten (wo monetäre Kategorien oft keine große Rolle spielen)

Anhand dieser groben Kriterien lässt sich im speziellen Fall entscheiden, ob DMV die richtige Methode zur Ermittlung von Umweltwerten darstellt. [Lienhoop, N., Bartkowski, B., Hansjürgens, B. (2015): Informing biodiversity policy: The role of economic valuation, deliberative institutions and deliberative economic valuation. Environmental Science and Policy 54: 522–532.]

Zweitens haben gerade diejenigen DMV-Ansätze, die das „demokratische“ betonen und ggf. gruppenbasiert Präferenzen abfragen, das Problem, dass sie sich gewissermaßen „in der Schwebe“ irgendwo zwischen ökonomischer Theorie und der Theorie deliberativer Demokratie befinden. Es gibt bisher keine konsistente theoretische Basis für DMV, was ein Grund ist, warum zumindest bis vor Kurzem die meisten Anwendungen immer noch recht nah an konventioneller ökonomischer Bewertung blieben. Um diese theoretische Lücke zu stopfen bzw. zu ihrer Stopfung beizutragen, haben Nele und ich uns angeschaut, inwiefern Amartya Sens Rationalitätsansatz – der stark von der ökonomischen Theorie geprägt ist, insbesondere von der Sozialwahltheorie, durch die Sen sich einen Namen machte, aber auch starke Neigungen zu deliberativer Demokratie aufweist – hier helfen kann bzw. welche Implikationen er für DMV hätte. Dabei zeigten wir, basierend auf Sen, dass DMV helfen kann, die Motivationen hinter Präferenzen aufzuzeigen – hier ist ein altbekanntes Problem konventioneller ökonomischer Bewertung, dass Menschen auf Basis von Motiven ihre Entscheidungen treffen und ihre Präferenzen äußern, die der ökonomischen Theorie widersprechen (Altruismus, Pflichtgefühl etc.); so gesehen bricht DMV hier nicht mit ökonomischer Theorie, sondern hilft zu verstehen, inwiefern die Realität von ihr abweicht. Des Weiteren erlaubt DMV, eine wichtige Unterscheidung zu treffen, auf die Sen einst hingewiesen hat: zwischen Präferenzen erster Ordnung, d. h. hier und jetzt, unter den äußeren Bedingungen (eigener Charakter, politischer Rahmen etc.) gelten, und Präferenzen zweiter Ordnung bzw. Metapräferenzen, die sich vielmehr auf ebendiese Rahmenbedingungen beziehen. In beiden Fällen sind die qualitativen Informationen, die die Diskussionen liefern, entscheidend. Zuletzt unterstreicht Sen die Bedeutung von zwei Elementen: der „externen“ Perspektive von unbeteiligten Personen in der Diskussion (impartial spectator, eigentlich eine Idee des Gründervaters moderner Ökonomik, Adam Smith) sowie der „irreducible plurality of impartial reasons“, d. h. der Einsicht, dass Menschen gute, rationale Gründe vorbringen können und sich trotzdem nicht einigen müssen – was wir als Argument gegen die zunehmend populäre Idee gruppenbasierter Präferenzabfragen interpretierten. [Bartkowski, B., Lienhoop, N. (2018): Beyond rationality, towards reasonableness: Enriching the theoretical foundation of deliberative monetary valuation. Ecological Economics 143: 97–104.]

Drittens ist DMV immer noch ein sehr junges Forschungsfeld und eine noch jüngere Methode – als erste theoretische Publikation in diesem Bereich gilt Brown et al. von 1995; der Begriff „deliberative monetary valuation“ tauchte erst 2001 bei Niemeyer und Spash auf; die erste Anwendung findet man in MacMillan et al. von 2002; bis heute sind erst ca. 20 DMV-Studien durchgeführt worden, die meisten entweder unter Beteiligung von Nele oder aus dem Umfeld von Jasper Kenter. Es gibt weiterhin eine große Lücke zwischen theoretischen Beiträgen und Anwendungen, wobei Letztere meist wesentlich weniger von konventioneller ökonomischer Theorie abweichen. Trotz alledem ist die Vielfalt verschiedener Ansätze, die als DMV bezeichnet werden, sehr groß. Die Autor*innen der einzelnen Studien gehen sehr unterschiedlich vor, berichten unterschiedliche Aspekte (nicht) etc. Kurzum: es bedarf allmählich einer gewissen Standardisierung, auch mit dem Ziel, eine höhere Qualität von Studien und deren Ergebnissen zu erreichen. Dies heißt nicht, dass es nur einen DMV-Typus geben sollte – sondern vielmehr, dass bestimmte Mindeststandards gerade bezüglich der Gruppendiskussionen eingehalten werden sollten und die vielen Entscheidungen, die beim Studien-Design zu treffen sind, transparent sein müssen. Um dahingehend eine Orientierung zu geben, haben wir zusammen mit einer Kollegin, Marije Schaafsma, eine umfangreiche Liste von Empfehlungen erarbeitet, basierend auf Erkenntnissen aus benachbarten Forschungsfeldern (Theorie & Praxis deliberativer Demokratie, Sozialpsychologie, qualitative Sozialforschung, Entscheidungstheorie…). Das so entstandene Paper, das ich für mein bisher bestes halte (womit das oben erwähnte Amartya-Sen-Paper abgelöst wurde), befindet sich gerade in Begutachtung.

Der Hauptbeitrag meiner Dissertation liegt also woanders, als ich lange dachte, und zwar im Bereich des Methodischen. Zum Glück, muss ich sagen, denn DMV ist definitiv neben Agrarumweltpolitik das bisher spannendste Forschungsfeld, mit dem ich mich beschäftigt habe – auch wenn die Publikationen in diesem Bereich mir nicht unbedingt sehr viele Zitationen oder viel Ruhm einbringen; zu „nischenhaft“ ist DMV immer noch (und wird es womöglich auch bleiben). Das Gefühl, wirklich etwas geleistet zu haben, ist hier aber viel mehr wert als Zitationen.

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Ein Gedanke zu “Vom ökonomischen Wert der Biodiversität zu deliberativen Bewertungsmethoden

  1. Ich werde zitieren! 😉 Ich habe mich viel Jahre von der betriebswirtschaftlichen (vorallem im Bereich der Intangibles) und ethischen Seite (Werteentstehung) dem Thema genähert. Derzeit hohle ich über ein weiteres Fachstudium die ökologischen und räumlichen Aspekte hinzu. Sehr spannend, vorallem deswegen da hier der Werteentstehungsprozess mit einbezogen wird!

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