Das sozialwissenschaftliche Grundproblem der teilnehmenden Beobachtung

Eigentlich ist „teilnehmende Beobachtung“ der Name einer Methode bzw. Herangehensweise der qualitativen Sozialforschung. Gleichzeitig spiegelt der Begriff aber auch ein Grunddilemma nahezu jeder sozialwissenschaftlichen Forschung wider: die Erhebung sozialwissenschaftlicher Primärdaten setzt faktisch immer eine Interaktion mit den „Forschungsobjekten“ (Menschen, individuell oder als Gruppen) voraus; eine neutrale Beobachtung bzw. Datenerhebung ohne Risiko eines invasiven Einflusses ist nicht möglich.

Die Forschungsobjekte aller Sozialwissenschaften sind Menschen – sei es als Individuen oder als Kollektive. Um sie zu untersuchen und Erkenntnisse über sie zu gewinnen, muss man sie in der einen oder anderen Weise beobachten. Dazu verwendet man viele verschiedene Methoden, von direkten Interviews und Gruppendiskussionen über die relativ passive „teilnehmenden Beobachtung“ sensu stricto bis hin zur Auswertung von aggregierten statistischen Daten (die allerdings in den allermeisten Fällen ihrerseits auf Interviews, Fragebögen o. Ä. basieren). Fast all diese Methoden setzen Interaktionen mit den Untersuchungsobjekten voraus (zu den vor allem in der Ökonomik verbreiteten Ausnahmen s. weiter unten). Das Problem hierbei ist jedoch, dass sich nie ausschließen lässt – ja, es ist geradezu davon auszugehen, dass die Interaktion Einfluss auf die erhobenen, sei es qualitativen oder quantitativen Daten hat. Im Sinne einer losen Analogie hat dieses Problem Ähnlichkeit mit dem, was die Kopenhagener Deutung der Quantenphysik besagt, nämlich dass jede Beobachtung bzw. Messung das Messobjekt unvermeidlich beeinflusst.

Aber zurück zu den Sozialwissenschaften. Das Problem der unvermeidlichen Interaktion als Grundvoraussetzung einer Beobachtung ist besonders gravierend, und daher viel diskutiert worden, im Kontext der Ethnologie: hier geht es explizit um die Untersuchung und das Verstehen der Funktionsweise, der kulturellen Praxis von Gruppen, denen die Forscherin zunächst nicht angehört, für die sie ein Externer ist – ursprünglich waren dies vor allem „primitive“ Völker, heutzutage auch bspw. bestimmte Berufsgruppen. Um eine Gruppe von Menschen zu verstehen, muss man mit ihr interagieren – sie beobachten, Fragen stellen, ihre Begrifflichkeiten in die eigenen übersetzen und interpretieren… Doch wie soll man dies tun, ohne das Untersuchungsobjekt in seiner Praxis zu beeinflussen? Ein Extrembeispiel für dieses Problem, sowohl in seiner epistemologischen (wie können wir etwas über das Untersuchungsobjekt erfahren, ohne das Ergebnis durch die Beobachtung zu verzerren?) als auch normativen Dimension (dürfen wir dem untersuchten Kollektiv Informationen vorenthalten, um möglichst wenig Verzerrungen zu generieren?), ist Thema eines meiner Lieblingsromane, Sprecher für die Toten von Orson Scott Card. In diesem Science-Fiction-Roman geht es um einen Planeten, auf dem Menschen eine technologisch primitive, intelligente Rasse entdecken – die sog. Pequeninos („Schweinchen“). Eine kleine Gruppe von Menschen wird auf dem Planeten mit dem Ziel angesiedelt, möglichst nicht-invasiv die Pequeninos in ihrer „ursprünglichen“ Lebensweise zu studieren. Den Forscher*innen ist u. a. aufgrund des riesigen technologischen Gefälles nicht erlaubt, mehr als ein Minimum an Informationen über ihre eigene Zivilisation preiszugeben – gleichzeitig aber ein Maximum an Informationen über die Zivilisation der Anderen zu gewinnen. Abgesehen davon, dass die Untersuchungsobjekte, die Pequeninos, Ignoranz verweigern und den Forscher*innen ihrerseits möglichst viel Information zu entlocken versuchen, führen sogar minimale Interaktionen zu Verwebungen zwischen den beiden Gemeinschaften – Menschen und Pequeninos –, denn um die eine Gruppe zu verstehen, muss man in sie „eintauchen“, was allerdings kein neutraler Prozess ist. Dies ist auch die Erfahrung, die frühe Ethnologen gemacht haben, die Völker studiert haben, die bis dahin keinen Kontakt mit der westlichen Zivilisation gehabt hatten.

Doch auch in weniger extremen Kontexten kann eine Beeinflussung der Untersuchungsobjekte nicht ausgeschlossen werden. Selbst wenn man sich innerhalb des eigenen Kulturkreises bewegt und lediglich das Ziel hat, bestimmte soziale Prozesse oder psychische Eigenschaften besser zu verstehen, wozu man üblicherweise Fragebögen, Interviews oder Gruppendiskussionen verwendet (oder Sekundärdaten, die auf solchen Primärdaten basieren) – allein das Ansprechen dessen, was uns interessiert, weckt in den Untersuchten ggf. reflexive Vorgänge, lässt sie über Sachen nachdenken, die sie bisher einfach getan haben. Dies kann Verhaltensabweichungen oder -anpassungen hervorrufen, sodass das, was man letztlich untersucht, nicht das ist, worauf man ursprünglich abgezielt hat. Natürlich könnte man legitimerweise fragen, ob dies wirklich ein Problem ist – sofern die Forscherin als Teil der untersuchten Gruppe betrachtet werden kann, könnte man ihren Eingriff qua Forscherin als einen „normalen“ Teil der sozialen Dynamik betrachten, als einen weiteren Faktor, der das Untersuchungsobjekt beeinflusst. Doch lässt sich dieser Einfluss kaum isolieren und von anderen Faktoren trennen; dies ist, was Sozialwissenschaften von Naturwissenschaften (abgesehen von der Quantenphysik) unterscheidet. Sofern sie an genau denselben Qualitätsstandards und Kriterien gemessen werden sollen, sind Sozialwissenschaften definitiv und unvermeidlich im Nachteil.

Auch ist es nicht möglich, „in die menschlichen Köpfe“ direkt zu schauen – was dort, auf der Ebene eines Individuums, passiert, ist zum großen Teil sogar dem betreffenden Individuum nur bedingt zugänglich. Um also (im weitesten Sinne) psychologische Erkenntnisse zu gewinnen, müssen wir mit Proxies arbeiten – und zwar mit deutlich gröberen Proxies als es in den meisten Naturwissenschaften nötig ist. Hier ist weniger die Interaktion das Problem, sondern eher die schiere Unmöglichkeit einer direkten Messung.

Nun gibt es, wie bereits angekündigt, Ausnahmen. Eine Ausnahme ist die begleitende Untersuchung von partizipativen politischen Prozessen – da hier der Fokus aus politischen Gründen auf reflexivem, deliberativem Austausch zwischen den Teilnehmern liegt, braucht die Forscherin kaum in den Prozess eingreifen, um Erkenntnisse zu generieren, zumindest sofern ihre kulturelle Nähe zu Untersuchungsobjekten groß genug ist, dass Interpretationen keine große Herausforderung sind. Auch hier sind Interaktionen nicht ganz zu vermeiden – schon allein, weil die Teilnehmer*innen aus ethischen Gründen darüber informiert sein müssen, dass sie untersucht werden –, doch ihr Einfluss dürfte minimal sein. Derart aus nicht-wissenschaftlichen Gründen für wissenschaftliche Zwecke „optimal“ ausgerichteten sozialen Prozesse sind allerdings selten – und nicht unbedingt die, die besonders spannend sind. Denn gerade das, was sich nicht vergleichsweise leicht und ohne großen Aufwand erschließen lässt, ist intellektuell besonders reizend.

Eine sozialwissenschaftliche Teildisziplin, die sich auf in unserem Kontext relativ „unproblematische“ Fragestellungen und Methoden fokussiert hat, ist die Ökonomik. Zum einen kann man gerade in Zeiten von Facebook, PayPal, Payback etc. (aber auch einfach dank Bilanzen, Steuerdaten u. Ä.) relativ leicht Daten über bestimmte Arten von Verhalten sozialer Akteure gewinnen, ohne diese Akteure darüber informieren zu müssen – zumindest solange es sich um aggregierte Daten handelt. Da viele dieser Daten de facto in aggregierter Form oder zumindest anonymisiert erhoben werden, kommt es auf keiner Ebene zu Interaktionen mit den Untersuchungsobjekten (bei Facebook & Co. verhält es sich natürlich anders, diese Daten können durchaus individuell sein – ihre Verwendung ist dann allerdings ethisch und datenschutzrechtlich problematisch). Dies liegt in der Natur der verfolgten Fragestellungen. Gerade im makroökonomischen Bereich kommt man also relativ leicht um das Dilemma der „teilnehmenden Beobachtung“ herum – allerdings häufig auf Kosten der Aussagekraft und Reichweite der möglichen Forschungsfragen. Eine andere Möglichkeit, die Ökonom*innen traditionell nutzen, um dem Dilemma zu entkommen, ist die Arbeit mit idealisierten Modellen, von denen viele zumindest ursprünglich nicht dazu gedacht waren, empirisch verifiziert zu werden (siehe dazu das großartige Buch The Methodology of Economics von Mark Blaug). Laut vielen Vordenkern der neoklassischen Ökonomik, paradigmatisch insbesondere Ludwig von Mises, seien ökonomische Modelle in Form von Gedankenexperimenten auf apriori-Annahmen über das menschliche Verhalten zu basieren; diese Annahmen seien mittels Introspektion zu gewinnen. Auch in empirischen Kontexten weiß man sich mittels Annahmen über das hier besprochene Dilemma hinweg zu helfen – bspw. basiert die Mainstream-Theorie umweltökonomischer Bewertung auf der Annahme stabiler Präferenzen. Wenn Präferenzen stabil sind, ist ihre Abfrage sogar durch „invasive“ Fragebögen unproblematisch. In letzter Zeit bröckelt solch „immunisierende“ Herangehensweise jedoch schrittweise; das Aufkommen der Verhaltensökonomik sowie der zunehmende Einfluss empirischer Wirtschaftsforschung führen dazu, dass idealisierte Modelle allein immer weniger Überzeugungskraft auch innerhalb der ökonomischen Zunft entfalten können.

Da das Untersuchungsobjekt jeglicher sozialwissenschaftlicher Forschung der Mensch bzw. Menschengruppen sind, ist die Erhebung sozialwissenschaftlicher Primärdaten inhärent mit Interaktion und damit potenziell verzerrendem Einfluss auf das Untersuchungsobjekt verbunden. In dieser Hinsicht unterscheiden sich die Sozialwissenschaften radikal von den Naturwissenschaften. Wie man mit diesem Dilemma umgeht – und ob es überhaupt ein Dilemma ist – ist eine offene Frage. Man sollte sich seiner jedoch sowohl als Sozialwissenschaftler*in als auch als Rezipient sozialwissenschaftlicher Forschungsergebnisse bewusst sein.

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