The Art of the Reply

Früher war bekanntlich mehr Lametta. Und obwohl die in allen möglichen Kontexten vorkommenden Beschwerden, früher wäre alles besser gewesen, sich bei näherem Hinschauen und Überprüfung allzu oft als retrospektive Täuschung herausstellen – hin und wieder trifft die Feststellung doch zu. Zum Beispiel: früher wurden in ökonomischen Fachzeitschriften viel mehr Repliken veröffentlicht, als dies heutzutage der Fall ist.

replies_economics_over_time_Scopus

Anzahl von Scopus-indexierten Artikeln, die „reply“ im Titel haben und in einer Zeitschrift veröffentlicht wurden, deren Titel „economic*“ enthält.

Was ist eine Replik? Es ist ein üblicherweise eher kurzer Fachartikel, der sich explizit und direkt auf einen anderen, bereits veröffentlichten Artikel meistens in derselben Zeitschrift bezieht. In der Regel sind Repliken kritisch (für eine seltene Ausnahme siehe bspw. diese Replik auf dieses Paper, die nur leicht kritisch ist und vor allem eine alternative Perspektive auf dieselbe Fragestellung bietet). Die Kritik kann die angewandte Methodik betreffen; die Interpretation der Daten; die aus der Interpretation gezogene Schlussfolgerungen (bspw. Politikempfehlungen) etc. Ein großer „strategischer“ Vorteil von Repliken ist die Tatsache, dass sie eine low-cost-Option darstellen, eine Publikation zu generieren – man braucht keine eigenen Daten, kein eigenes Modell oder Konzept. Man kommentiert lediglich die Arbeit von Anderen – der Idee nach auf eine konstruktive Art und Weise, was durchaus eine Herausforderung sein kann. Doch eine Replik zu schreiben ist definitiv weniger aufwendig, als ein originäres Paper (der Nachteil: Repliken werden bis auf wenige Ausnahmen eher selten zitiert).

Die oben eingefügte Grafik zeigt einen groben Indikator der Replik-Freudigkeit in ökonomischen Zeitschriften seit dem zweiten Weltkrieg. Vergleicht man diesen Trend mit dem Ergebnis einer ähnlichen, allerdings nicht auf ökonomische Journals beschränkten Suche, stellt man fest, dass der Einbruch im ungefähren Zeitraum 1995-2005 zwar ein disziplinübergreifendes Phänomen zu sein scheint (das ich mir nicht erklären kann, muss ich gestehen) – doch anderswo kehrte die Replik-Freudigkeit im Anschluss sehr schnell auf das vor-95-Niveau, während in der Ökonomik die 70er und 80er recht eindeutig eine Hochzeit (dieses Indikators) der Diskussionskultur waren; nach der erwähnten Pause hat sich die Situation zwar etwas erholt, stagniert aber gar mit leichtem Abwärtstrend auf einem wesentlich niedrigeren Niveau als vor 1995 (bedenkt man, dass es über die Zeit insgesamt immer mehr wissenschaftliche Veröffentlichungen gibt, wird der negative Trend noch stärker).

Was folgt daraus? Eines ist sicher: die Debattenkultur in der Ökonomik hat sich gewandelt. Ob inzwischen weniger Debatte stattfindet oder ob sie einfach die Form gewechselt hat, vermag ich nicht zu beurteilen – um das herauszufinden, reicht nicht ein kurzer Blick auf Scopus-Statistiken. Mein Eindruck ist dennoch, dass man der Replik wieder einen höheren Wert beimessen sollte. Vielleicht sogar noch höher als früher. Und das aus mindestens zwei miteinander verwandten Gründen: zum einen wird heute so viel publiziert, dass zwangsläufig einiges davon „Quark“ ist, Publikationen von zweifelhafter wissenschaftlicher Qualität. Repliken helfen solch problematische Veröffentlichungen zu erkennen und aus ihren Fehlern zu lernen. Zum anderen wird heutzutage so viel publiziert, dass man keine Chance hat, die Literatur auch nur innerhalb einer kleinen Subdisziplin gut im Auge zu behalten. Damit man also später nicht problematische oder unpassende, weil nur schnell überflogene Publikationen zitiert – auch da helfen Repliken in ihrer Funktion als „Quark-Alerts“.

Doch diese Funktion ist natürlich nur zweitrangig. Die Hauptfunktion von Repliken – und diese ist heutzutage genauso wichtig wie früher – besteht darin, den wissenschaftlichen Diskurs zu fördern. Denn eine Replik muss nicht bedeuten, dass die betreffende Publikation „Quark“ ist – sondern erstmal nur, dass ihre Autoren und die Autoren der Replik unterschiedlicher Meinungen sind. Ein konstruktiver und respektvoller Austausch über diese Differenzen kann beiden Seiten helfen – wenn er öffentlich, in einer Fachzeitschrift ausgeführt wird, kann er aber darüber hinaus auch Anderen helfen, die mit den Argumenten beider Seiten konfrontiert werden und die Gelegenheit bekommen, diese Argumente für sich selbst abzuwägen. Repliken können auf generelle Schwächen und Probleme von Ansätzen, Methoden, Konzepten hinweisen, die einem selbst gar nicht aufgefallen wären. Sie deuten auch ganz allgemein auf die Vielfalt von Theorien, Methodiken etc. innerhalb einer gegebenen Disziplin hin – oder auch darüber hinaus, wie in dem oben verlinkten „wenig-kritischen“ Replik-Fall.

Letztlich können Repliken gerade in den Sozial- und Geisteswissenschaften (aber nicht nur) eine weitere Funktion erfüllen. Wenn man einen wie auch immer „ungewöhnlichen“ Artikel schreibt und ihn bei einer Zeitschrift einreicht, kann es gut sein, dass man einen Gutachter erwischt, der Vertreter einer ganz anderen Denkschule ist – und statt auf die wissenschaftliche Qualität des Artikels zu achten, in seinem Gutachten vor allem auf Meinungsverschiedenheiten herumreitet. Das sollte nicht passieren, und wenn es mal passiert, sollte der Herausgeber der Zeitschrift eingreifen. Leider ist die Welt nicht perfekt, solche Fälle sind nicht unbedingt selten. Doch das, was da bereits im Gutachtenprozess stattfindet, sollte stattdessen als öffentlicher wissenschaftlicher Diskurs ausgetragen werden – und genau dazu sind Repliken gedacht. Wäre die Praxis der Replik, the art of the reply, verbreiteter und etablierter, wären solche Gutachter-Ausfälle vielleicht seltener.

Die Wissenschaft lebt von der Kontroverse. Sie kann sich nur weiter entwickeln, das zeigte schon Thomas Kuhn, indem das herrschende Paradigma angezweifelt und alternative Ansätze präsentiert und zur Debatte gestellt werden. Wenn sich alle über alles einig wären, würden wir immer noch die Erde für flach halten. Daher ist es zu bedauern, dass in der Ökonomik, die ja nicht ohne Grund unter zunehmenden Druck seitens der Plurale-Ökonomik-Bewegung gerät, immer mehr ohne the art of the reply auszukommen scheint.

 

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