Hauptsache Nature oder Science!

Ende April 2017, ein hochprominentes Forschungsinstitut irgendwo in Mitteldeutschland. Eine Gruppe größtenteils erfahrener Wissenschaftler*innen, darunter ein paar Vertreter*innen der Naturwissenschaften, die meisten jedoch Sozialwissenschaftler*innen, trifft sich zu einem eintägigen Workshop. Ziel: gemeinsames Paper. Grobes Thema: eine bestimmte Schnittstelle zwischen Natur- und Sozialwissenschaften. Hintergrund: der Workshop soll helfen, eine neue Professur an dem hochprominenten Forschungsinstitut zu definieren. Aber eigentlich geht es darum – das wird recht bald ersichtlich -, um jeden Preis eine gemeinsame Publikation zu generieren. Möglichst hochrangig. Anvisiertes Ziel: Nature oder Science.

Zur Info: für viele Wissenschaftler*innen sind die britische Nature sowie die US-amerikanische Science der Publikations-Olymp. Über disziplinäre Grenzen hinweg prominent, mit einem Impact Factor (IF) im Bereich von 30-40 (nicht der höchste, aber einer der höchsten überhaupt). Im heutigen Wissenschaftssystem, das sehr stark von vulgarisierter Bibliometrie (publish or perish, aber möglichst in Zeitschriften mit hohem IF!) getrieben wird, sind Nature und Science (teils auch die US-amerikanischen PNAS, Proceedings of the National Academy of Sciences) der heilige Graal einer jeden Wissenschaftlerin und eines jeden Wissenschaftlers. Eine Publikation dort bedeutet Prestige, Publicity – und mit etwas Glück auch eine Entfristung (allerdings nicht mit Sicherheit, wie konkrete Fälle aus meinem Umfeld belegen).

Nun sitzt also irgendwo in Mitteldeutschland die eingangs erwähnte, recht diverse Gruppe von ca. 20 Wissenschaftler*innen. Das Ziel ihrer Zusammenkunft ist wagemutig – die Beteiligten haben einen Tag, um fast ohne Vorbereitung ein Paper zu generieren, das eine überzeugende Story enthalten soll – denn nur mit einer Story kommt man bei Nature oder Science unter. Ja, oft reicht die Story aus (insbesondere in Kombination mit einem prominenten Namen) – um nur ein Beispiel zu nennen: kürzlich erschien in Science, begleitet von begeisterten Medienberichten, ein Paper mehrerer hochprominenter Wissenschaftler mit dem Titel A roadmap for rapid decarbonization. Das Paper enthält außer dem hochtrabenden Titel und „großen“ Autorennamen lediglich heiße Luft inform einer frommen Wunschliste. Gleichwohl ist es symptomatisch dafür, was mitunter bei Nature und Science veröffentlicht wird. Damit will ich nicht sagen, dass alle dort veröffentlichten Papers wertlos sind – nichts dergleichen. Doch die These eines Bekannten von mir (seines Zeichens Erstautor einer Science-Publikation), dass die wissenschaftliche Qualität und der IF einer Zeitschrift invers proportional sind, ist zwar zugespitzt, aber nicht völlig verfehlt.

Zurück zum hochprominenten mitteldeutschen Forschungsinstitut, dem Ort, an dem sich unsere „Parabel über die Wissenschaft“ abspielt. Was bei dem waghalsigen Unterfangen zu erwarten war, tritt auch ein – die Gruppe wird in Subgruppen aufgeteilt, die Präsenz einiger Silberrücken (silverbacks, ein Begriff, den ich in diesem Kontext lernte) erschwert die Aufgabe, ein kohärentes, überzeugendes Paper zumindest auf den Weg zu bringen, zusätzlich. Die Subgruppen erarbeiten ihre Beiträge, die ebenso (weitgehend) erkenntnisfrei wie wenig komplementär zueinander sind. Doch das hält einen ja nicht davon ab, weiterhin Richtung Veröffentlichung nach dem Prinzip „Hauptsache Nature oder Science (oder zumindest PNAS)!“ zu streben. Am Ende des Tages stehen euphemistische Superlativen, teils gespielter, teils wohl tatsächlicher (wirklichkeitsleugnender?) Enthusiasmus. Man trennt sich mit der gegenseitigen Zusicherung, aus dem eigentlich zerfallenen – ja, nie wirklich aufgebauten – Kartenhaus ein Paper zu „basteln“. Erkenntnisse hat man zwar keine generiert, nicht einmal eine erkennbare Story ist vorhanden. Aber wen kümmert’s.

Das Schlimme daran? Die wenigen sogenannten „Nachwuchswissenschaftler*innen“, die an dem Zirkus beteiligt waren, stellen untereinander mehr oder minder einvernehmlich das Scheitern des Ganzen fest. Die logische Schlussfolgerung wäre, um der eigenen Integrität willen auszusteigen. Doch so einfach ist die Welt der Wissenschaft nicht. Denn man könnte sagen, dass es eine(n) Nachwuchswissenschaftler/in geradezu definiert, dass er/sie es sich nicht wirklich leisten kann, in einer solchen Situation auszusteigen. Erstens, weil das gerade erst geknüpfte Netzwerk davon einen Schaden nehmen könnte, falls die beteiligten erfahrenen Wissenschaftler*innen die negative Einschätzung nicht teilen. Zweitens, denn falls es hier jemandem tatsächlich gelingen sollte, aus (fast) nichts ein ausreichend überzeugendes Paper zu stricken – wie bereits oben erwähnt, reicht eine Story oft, Erkenntnisse sind mitunter zweitrangig -, wäre es ein Jammer, wenn einem durch Prinzipientreue eine für die wissenschaftliche Karriere womöglich sehr wichtige Publikation entgehen würde. Nicht zuletzt spielt auch die sunk cost fallacy eine wichtige Rolle – man hat einen Tag investiert, sich bemüht, Konstruktives beizutragen; es wäre schade, das nun „in die Tonne zu kloppen“.

P.S. An dieser Stelle, da ich schon dabei bin, über Nature und Science herzuziehen, möchte ich auf mein Lieblingsbeispiel aus meinem eigenen Forschungsbereich verweisen: The value of the world’s ecosystem services and natural capital von Robert Costanza und Kolleg*innen, veröffentlicht 1997 bei Nature. Es ist die mit Abstand am häufigsten zitierte ökonomische Bewertungsstudie ever: mit 5237 Zitationen (laut Web of Science, Stand heute, 30.04.2017) wurde sie fast 10mal so häufig zitiert wie die zweitplatzierte Studie aus diesem Bereich. Gleichwohl ist sie völliger Unfug, allein schon aus Sicht der ökonomischen Theorie (aber auch darüber hinaus). Aber sie hat eben eine Story, große Zahlen und globale „Relevanz“.

P.P.S. Wie man insbesondere in der Einleitung erkennt, habe ich beschlossen, auf gendersensitive Schreibweise umzusteigen. Die betroffenen Wörter sehen zwar recht sperrig aus, aber ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es inkonsequent ist, wenn ich mich einerseits darüber aufrege, dass der Nobel-Gedenkpreis für Ökonomie fast ausschließlich Männern verliehen wird – gleichzeitig aber als generischen Begriff „Wissenschaftler“ verwende. Daher heißt es auf diesem Blog ab jetzt (sofern ich es schaffe, daran zu denken) „Wissenschaftler*innen“.

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Ein Gedanke zu “Hauptsache Nature oder Science!

  1. Ja kenne diese workshops. Bin auch mal auf so nen paper gerutscht, war allerdings eher nicht so super-high impact gedöns ;). Viele Autoren heißt ja auch viele Selbstzitate… Wenn man eine Wissenschaftslaufbahn anstrebt, kann man aus diesen Prozessen aber, wie du gesagt hast, nur schwer aussteigen.

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