Schützenswert ist das Individuum, nicht das Kollektiv

Seit einiger Zeit – spätestens, seit ich mich als Anthropozentriker deklariert habe – habe ich mir den Kopf zerbrochen darüber, wie dies mit meinem ethisch motivierten Vegetarismus in Einklang zu bringen ist. Die Lösung des Problems stellte sich als relativ banal heraus, hat aber interessante Konsequenzen auf anderen Gebieten: es geht letztlich um die Frage, ob Individuen oder Kollektive schützenswert sind.

Meinen ethisch motivierten Vegetarismus könnte man als Ausdruck eines schleichenden Pathozentrismus interpretieren, d. h. die Überzeugung, dass nicht nur Menschen, sondern auch leidensfähige Tiere (vor allem Wirbeltiere) einen intrinsischen Wert haben und damit schützenswert sind. Nun ist mein Pathozentrismus nicht allzu streng – ich finde Tiere essen nicht grundsätzlich und unter allen Umständen verwerflich, sehe aber keinen Grund, durch meinen Konsum die Tötung von Tieren herbeizuführen, obwohl ich gesundheitlich ohne Fleisch bestens auskommen kann. Nichtsdestotrotz scheint dies zumindest auf den ersten Blick mit meinen ansonsten stark anthropozentrischen Argumentationen hier im Widerspruch zu stehen. Warum finde ich es nicht OK, Tiere zu essen, sehe aber nicht ein, Natur um ihrer selbst willen zu schützen? Die (vorläufige) Antwort: weil die von mir nicht konsumierten leidensfähigen Tiere Individuen sind, während „Natur“ ein abstraktes Konzept, bestenfalls ein Kollektiv ist.

Aus demselben Grund habe ich hier auch mal gegen die Idee des Artenschutzes argumentiert – Arten sind abstrakte und dazu noch arbiträr definierte Kollektive. Warum sollten Kollektive schützenswert sein? Ich gestehe, dass ich kein positives Argument habe, die Schützenswürdigkeit von Kollektiven in Zweifel zu ziehen. Stattdessen rührt meine Kritik an jeglichen Versuchen, Kollektive als schützenswert darzustellen, vor allem daher, dass mir kein Argument einfällt, das für diese Idee sprechen würde. Kollektive handeln nicht; sie haben keine Meinung, keine Interessen, keinen Willen. Es wäre vermutlich zu einfach, zu behaupten, dass Kollektive nur die Summe der ihnen (in der Regel arbiträr) zugeordneten Individuen sind – dafür sind sie oft zu komplex, sodass das kollektive Verhalten (im weitesten Sinne) emergente Eigenschaften hat, d. h. solche, die nur dann auftreten, wenn man das Kollektiv als Ganzes betrachtet. Doch diese Komplexität hat – so wie ich es sehe – keine normative Komponente. Diese besitzen lediglich Individuen.

Daher ist es eben doch kein Widerspruch, Individuen schützen zu wollen – oder auch lokale Populationen –, z. B. indem man darauf verzichtet, sie zu essen; gleichzeitig aber nicht einzusehen, dass man eine Art oder „die Natur“ schützen sollte. Zumal dies zahlreiche Definitions-, Abgrenzungs- und ähnliche Probleme mit sich bringt.

Man kann diese Argumentation übrigens auch auf Menschen übertragen. Da ich bei Menschen allerdings von einer absoluten Schützenwürdigkeit ausgehen würde (im Gegensatz zu meinem „aufgeweichten“ Pathozentrismus, der Abwägungen zulässt), impliziert der Schutz von Individuen zwangsläufig den Schutz des Kollektivs – sei es die Menschheit, sei es eine Nation (was auch immer das sein mag). Doch auch hier ist dies lediglich eine positive (nicht-normative) Feststellung, nämlich dass der Schutz von Menschen dazu führt, dass auch die Menschheit und sonstige Gruppen, deren Mitglieder die betreffenden Menschen sind, bestehen bleiben. Diese Beobachtung sagt nichts darüber aus, was schützenswert ist. Ist das Kollektiv „Menschheit“ schützenswert? Ist es wichtig, dass Homo sapiens bestehen bleibt? Wenn jemand eine affirmative Antwort auf diese Frage zu begründen vermag, wäre ich an der Begründung sehr interessiert. Denn bisher sehe ich nur Gründe, warum ein menschliches Individuum schützenswert sein sollte – es hat Interessen, es hat Ziele, es hat einen Willen (falls wir keinen freien Willen haben, falls radikale Deterministen also Recht haben, ist all das, was ich hier schreibe, sowieso ethisch völlig irrelevant – ja, dann ist Ethik völlig irrelevant bzw. eigentlich eine Fiktion), man kann von der Autonomie dieses Individuums sprechen, von seiner Freiheit, es kann glücklich werden. All dies sind Kategorien und Begriffe, mit denen üblicherweise Schützenswürdigkeit begründet wird. Kollektive – ob Menschheit, Nation oder Natur – besitzen nichts dergleichen. Sie werden zwar geschützt – als Nebenfolge des Schutzes von Individuen –, sind aber nicht an sich schützenswert.

Falls ich Recht habe – wie man an der zugegebenermaßen noch recht unausgegorenen Argumentation erkennt, bin ich mir dessen keineswegs sicher –, irren radikale Naturschützer genauso sehr wie Nationalisten oder auch die vielen scheinbar(?) vernünftigen Menschen, die „die Menschheit retten“ wollen, wovor auch immer.

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5 Gedanken zu “Schützenswert ist das Individuum, nicht das Kollektiv

  1. Die These, dass leidensfähige Tiere Individuen sind, halte ich für ziemlich steil. Abgesehen von einer formalen Individualität (als Teil eines Kollektives) und einer genetischen Individualität, kann man bezüglich Tieren kaum davon sprechen. Zumal formale und genetische Individualität auf alle Lebewesen zutrifft, was den Vegetarismus ad absurdum führen würde (man dürfte keine Lebewesen essen), solltest du diese beiden Individualitäten meinen. Die Varianz in der Lebensführung oder in den Charakteren (so es sie bei Tieren gibt) scheint mir bei Tieren so marginal, dass ich deine These zweifelhaft finde. Es gibt genügend andere gute Gründe, die für Vegetarismus oder zumindest einen reduzierten Fleischkonsum sprechen, auch als Anthropozentriker.
    Bei der Übertragung dieser Argumentation auf die Menschheit möchte ich nur zu bedenken geben, dass Individualität ohne Gesellschaft, also ohne das Kollektiv gar nicht denkbar wäre. Die isolierten Individuen wären ähnlich wie Tiere zu einer sehr gleichförmigen Lebensführung gezwungen. Es ist die Arbeitsteilung in komplexen Gesellschaften, die Individualität ermöglicht. Das Kollektiv ist somit die Voraussetzung für das Individuum.

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    • Gerade den zweiten Teil deines Kommentars habe ich von dir erwartet 😉 Auf deinen ersten Aufwand möchte ich mit dem Hinweis antworten, dass ich Individualität hier nicht als konstitutiv für Schutzwürdigkeit verstehe. Es geht nicht darum, dass Entitäten schützenswert sind, weil sie Individuen sind, sondern lediglich, dass nur bei Individuen Eigenschaften auffindbar sind, die Schutzwürdigkeit begründen können. Tiere sind nicht (bedingt) schützenswert, weil sie Individuen sind, sondern weil bzw insofern sie leidensfähig sind (was Kollektive offensichtlich nicht sind).

      Zum zweiten Einwand – er ist natürlich richtig. Meine Argumentation setzt nirgendwo eine atomistische Sicht des Individuums voraus. Und auch die konstitutive Bedeutung von Kollektiven für die Sinnhaftigkeit des Konzepts des Individuums bedeutet nicht, dass irgendein konkretes Kollektiv schützenswert wäre.

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  2. Okay. Also setzt du voraus, dass Leidensfähigkeit als Kriterium der Schützenswürdigkeit akzeptabel ist, und diskutierst davon ausgehend nur, wer als Träger dieses Kriteriums in Frage kommt. Das leuchtet ein (auch wenn ich das vorausgesetzte Kriterium anzweifeln würde). Aber dann lässt sich diese Argumentation nur schwer auf die Menschen übertragen. Denn das menschliche Kollektiv ist mehr als nur eine Subsumtion von Individuen, wie du selbst richtig schreibst. Möchte man das Individuum schützen, muss man das auch das Kollektiv als die konstitutionelle Voraussetzung schützen. Gewiss nicht einige bestimmte Eigenschaften des Kollektives, die schwer bestimmbar sind, doch aber die Existenz. Und darum ging es doch, oder?

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    • Die Übertragbarkeit ist insofern gegeben, als der Kern des Arguments ist, dass Kollektive keine Eigenschaften besitzen, die eine Schutzwürdigkeit begründen könnten. Auch wenn ich das explizit nicht so geschrieben habe, geht es um intrinsische Schutzwürdigkeit, keine instrumentelle. Was du meinst, ist hingegen eine lediglich instrumentelle Schutzwürdigkeit – der Mensch braucht Kollektive (bzw.: er braucht andere Individuen), um ein Individuum sein zu können. Wenn wir also das Individuum schützen wollen, müssen wir sicherstellen, dass es in irgendwelche Kollektive/Gruppen eingebettet ist. Es lässt sich hingegen nicht begründen, dass irgendein Kollektiv oder gar die Menschheit als solche schützenswert wären. Das ist, was ich meinte.

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