Energiewende – einige Klarstellungen

Immer wieder gerate ich in letzter Zeit in Diskussionen darüber, wie man die deutsche Energiewende zu bewerten hat. Dieser wird ja regelmäßig vorgeworfen, sie sei zu teuer, führe zur Energiearmut, könne in eine wirtschaftliche Katastrophe münden, basiere auf staatlichem Zwang, sei erfolglos (da erneuerbare Energien größtenteils immer noch auf Förderung angewiesen sind), und überhaupt wäre Atomkraft viel sinnvoller als Wind und Sonne. An manchen dieser Argumente ist was dran, an vielen nicht. Daher nun ein paar Klarstellungen.

Da die Energiewende nicht mein Forschungsthema ist, muss ich mich auf die Entkräftung ausgewählter Kritiken beschränken – und verweise dabei auf Publikationen meiner UFZ-Kollegen aus dem Energy-Trans-Verbund, die viel detaillierter und umfassender den Sinn und Unsinn der deutschen Energiewende aus wissenschaftlicher Sicht analysieren.

Zunächst eine kurze Klarstellung, was genau unter der „deutschen Energiewende“ üblicherweise verstanden wird. Es handelt sich primär um das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), in dem die finanzielle Förderung und der Einspeisevorrang von Energie (insb. Strom, auf den ich mich im Folgenden konzentrieren werde) aus erneuerbaren Quellen, d. h. Wind, Sonne, Wasserkraft, Biomasse, Geothermie, geregelt ist. Des Weiteren wird hier oft explizit oder implizit das EU-Emissionshandelssystem für CO2-Zertifikate mit einbezogen. Zusammen sollen das EEG und das EU ETS dazu führen, dass Deutschland (und die EU) ihre Klimaschutzziele einhält.

Zunächst die Prinzipienfrage: ist es überhaupt sinnvoll/geboten, eine Energiewende anzustreben? Die kurze Antwort ist: ja. Denn fossile Energieträger, auf denen die Energieversorgung in den meisten Ländern der Welt bis heute basiert, sind zwar nach Marktpreisen günstig – sie generieren aber eine Menge von Externalitäten, d. h. Effekten, die weder von den Herstellern von Energie/Strom noch von deren Empfängern beachtet werden. Die wohl wichtigste Externalität der fossilen Energieproduktion betrifft die klimaschädliche Wirkung von Treibhausgasen (hier insb. CO2, aber auch Methan, bspw. aus lecken Gas-Pipelines), aber es gibt auch weitere – Umweltzerstörung durch Abbau (v. a. bei Tagebauen), gesundheits- und umweltschädliche Emissionen (z. B. Quecksilber, Schwefelverbindungen)… Das Kernargument für die Energiewende lautet wie folgt: die Probleme, die mit diesen Externalitäten zusammenhängen, überwiegen die Vorteile der fossilen Energieproduktion.

Dies führt uns geradewegs zu einem Kernproblem der Debatten über die Sinnhaftigkeit der Energiewende: es wird immer wieder argumentiert, dass erneuerbare Energien viel zu teuer seien. Rein „technisch“, gemessen an den Marktpreisen, ist dies richtig – Energie aus erneuerbaren Quellen ist teurer als Energie aus fossilen Brennstoffen. Und dennoch ist diese „technische“ Perspektive irreführend und die daraus gezogenen Schlüsse letztlich unsinnig. Denn das Problem ist, dass all die oben genannten Externalitäten im Marktpreis (ohne EEG und ETS) nicht enthalten sind! Wären sie darin enthalten, wäre fossile Energieerzeugung gar nicht mehr so billig. Die genaue Bemessung der „volkswirtschaftlichen Kosten“ von Externalitäten ist alles andere als einfach – darüber habe ich schon öfters geschrieben, sowohl im Bezug auf CO2 als auch allgemein. Doch es ist relativ klar ersichtlich, dass der Marktpreis von Kohle und Gas viel zu niedrig ist. Das Argument, die erneuerbaren Energien „lohnten sich nicht“, ist damit unsinnig, denn es bezieht sich auf die aus politischer Sicht irrelevanten privaten/Marktkosten.

Die raison d’être der Hauptinstrumente der Energiewende – EEG und Emissionshandel – besteht darin, diese Diskrepanz zwischen Marktpreisen/-kosten und volkswirtschaftlichen Kosten zu beheben. Dies wird sozusagen „von zwei Seiten“ gemacht – der Emissionshandel bewirkt, dass fossile Energieerzeugung relativ teurer wird, während das EEG dazu führt, dass die Erzeugung von Energie aus erneuerbaren Quellen günstiger wird. Warum man beides braucht, das haben meine Kollegen en detail ausbuchstabiert (hier) – ich beschränke mich auf den Verweis auf die zwei Hauptgründe: erstens funktioniert der Emissionshandel nicht so, wie er sollte, weil viel zu viele Zertifikate im Umlauf sind; zweitens zielt er lediglich auf die Klima-Externalität ab. Beides sind gute Gründe für die komplementäre Verwendung des EEG.

Nun ist es aber tatsächlich so, dass insbesondere durch das EEG Energie teurer wird – vor allem für kleinere Unternehmen und private Haushalte, denn unverschämt viele größere Unternehmen sind davon befreit, die EEG-Umlage zu bezahlen. Oft wird hier von Energie-Armut gesprochen, von Menschen, die sich die Grundversorgung mit Energie nicht mehr leisten könnten. Zunächst einmal – dass Energie teurer wird, ist der Sinn der Sache. Es soll ein Anreiz sein – für private Haushalte und für Unternehmen gleichermaßen –, Energie zu sparen, in Effizienzmaßnahmen zu investieren. Und falls es tatsächlich Haushalte gibt, für die Energie dadurch zu teuer wird – dafür gibt es Sozialhilfe und redistributive Politik. Energiearmut, zumindest solange sie im beherrschbaren Bereich bleibt (und es gibt keine ernstzunehmenden Hinweise, dass dies nicht der Fall wäre), ist kein Grund, das EEG und/oder den Emissionshandel aufzugeben. Es gibt übrigens schon lange Vorschläge, wie eine CO2-Steuer oder die Einnahmen aus einer Versteigerung von CO2-Zertifikaten dazu genutzt werden könnten, problematische Verteilungseffekte der Energiewende auszugleichen – dass sie bisher nicht umgesetzt werden, sollte nicht der Idee der Energiewende als solcher angelastet werden.

Ein großes Problem der Energiewende besteht darin, dass sie schnell vorangehen muss – und es auch tut. Anders als von Skeptikern der ersten Stunde vermutet, stieg der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung seit der Einführung des EEG rasant (siehe Grafik unten). Hinzu kam der Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Atomkraft. Das immer noch bestehende Stromnetz ist jedoch nicht für die fluktuationsreiche Erzeugung von Strom aus Erneuerbaren gedacht. Gerade weil es so schnell ging, hinkt der Umbau des Übertragungsnetzes der Entwicklung im Erzeugungsbereich hinterher – und es stehen uns immer noch keine ernstzunehmenden Speichermöglichkeiten zur Verfügung. Zwar gibt es Ideen wie Pumpspeicherkraftwerke (für die jedoch Deutschland selbst kaum Potenzial hat), intelligente Stromnetze oder virtuelle Kraftwerke, doch sind sie noch weit davon entfernt, praktisch im großen Stil umsetzbar zu sein. Dies ist auch die Hauptherausforderung der Energiewende – denn wenn der bisherige Wachstumstrend der Erneuerbaren weitergeht, bekommen wir ohne Speicheroptionen sehr bald große Probleme.Energiemix_Deutschland.svgBis dahin müssen konventionelle Kraftwerke aushelfen. Das ist in mehrfacher Hinsicht problematisch – für die Betreiber ist die Bereitstellung von fossilen „Reservekapazitäten“ nicht rentabel, zumal der deutsche fossile Kraftwerkspark von Kohle dominiert ist, während Gaskraftwerke hier eigentlich viel sinnvoller wären, da sie wesentlich flexibler sind; hinzu kommen die bereits erwähnten Limitationen des bestehenden Übertragungsnetzes… Die Schlussfolgerung, die viele daraus ziehen, ist: Atomenergie! Denn diese ist aus Klimasicht tatsächlich recht unproblematisch. Des Weiteren sind Atomkraftwerke grundlastfähig und ihr Brennstoff hat eine enorme Energiedichte.

Doch gegen Atomkraft gibt es gewichtige Argumente: sie generiert radioaktive Abfälle (daran ändert auch der häufige Verweis von Atomkraft-Befürwortern auf schnelle Brüter nichts); sie ist mit dem Restrisiko von schweren Unfällen verbunden; und sie ist nicht vereinbar mit erneuerbaren Energien, weil Kern- noch unflexibler als Kohlekraftwerke sind. Würde man die Kosten der von der Atomkraft generierten Externalitäten in ihren Preis einfließen lassen – zum Beispiel, indem man die Betreiber dazu verpflichtet, für die Beseitigung von Abfällen zu sorgen, statt sie nur aufzuschieben und auf die Allgemeinheit abzuwälzen –, würde vermutlich kaum jemand auf die Idee kommen, mit dieser Technologie zu arbeiten.

Zusammengefasst: die Energiewende ist notwendig und im Prinzip richtig. Das bedeutet natürlich nicht, dass es kein Verbesserungspotenzial gibt – Übertragungsnetze, Förderstruktur des EEG, Ausnahmeregelungen, Zertifikat-Menge im EU ETS, all das sind Bereiche, in denen man einiges besser machen könnte. Und die große Herausforderung der Speicherung bleibt bestehen. Zu vielen dieser Fragen kann man sich bei meinen geschätzten Kollegen von Energy-Trans belesen. Doch die Kernbotschaft bleibt davon unberührt.

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