Ökonomen vs. Naturschützer?

Die Debatte über die ökonomische Bewertung von Natur wird in Deutschland stark geprägt von der Auseinandersetzung zwischen den Umweltökonomen (sowie Vertretern anderer Disziplinen) von Naturkapital Deutschland – TEEB DE einerseits und der Heinrich-Böll-Stiftung andererseits. Besonders häufig wird diese Kontroverse zwischen zwei Personen ausgetragen: meinem Doktorvater und Leiter von Naturkapital Deutschland, Bernd Hansjürgens, sowie Barbara Unmüßig, Vostand der HBS. Auch ich habe mal an dieser Kontroverse teilgenommen. Doch zunehmend komme ich zu dem Schluss, dass, obwohl ich die HBS-Kritik oft überzogen und ungerechtfertigt finde, solche Scharmützel zu leicht vergessen lassen, dass man zumindest kurz- bis mittelfristig ähnliche Ziele verfolgt.

Eigentlich „verlasse“ ich den Bereich der ökonomischen Bewertung gerade; mein neuer Fokus liegt auf Governance der nachhaltigen Nutzung von Böden. Doch die Thematik verfolgt mich, wie man sieht, weiterhin.

Bevor wir zum eigentlichen Thema, der deutschen Debatte über ökonomische Bewertung (kurz für unsere Zwecke: TEEB-HBS-Kontroverse), kommen, möchte ich kurz ein paar Worte über Amartya Sens Gerechtigkeitstheorie verlieren, denn diese bietet eine sehr gute Analogie für meine Einschätzung dieser Debatte. Der Ausgangspunkt von Sen ist die Feststellung, dass die besonders einflussreichen Gerechtigkeitstheorien – insbesondere die von John Rawls entwickelte – darunter leiden, dass sie „transzendental“ sind. Sie definieren einen Idealzustand, eine perfekt gerechte Welt. Was Sen ihnen nun vorwirft ist, dass sie dadurch nicht dazu taugen, tatsächliche Zustände in der realen Welt zu beurteilen; ihre praktische Relevanz ist somit relativ gering. Stattdessen fordert Sen eine Gerechtigkeitstheorie, die sich ausdrücklich zum Ziel macht, reale Weltzustände, ausgehend vom Status quo zu analysieren. Mit anderen Worten: es geht erst einmal vordergründig um die Beseitigung von akuten Ungerechtigkeiten.

Hier kommt der zweite Hauptaspekt des Sen’schen Gerechtigkeitsansatzes ins Spiel: obwohl er die Bedeutung von öffentlicher Deliberation („democracy as government by discussion“) betont, geht er im Gegensatz zu bspw. Rawls oder Jürgen Habermas davon aus, dass auch eine „ideale Sprechsituation“ (Habermas) nicht dazu führen muss, dass man sich einig wird bzw. zu einem Konsens findet (siehe dazu auch diesen Artikel von John Dryzek). Sen spricht da von einer irreduziblen „plurality of impartial reasons“ (etwa: Pluralität objektiver bzw. intersubjektiver1 Gründe) und leitet daraus ein ähnliches Argument für den politischen Liberalismus ab wie einst John Stuart Mill in On Liberty: da wir nie wissen können, ob wir mit unseren Überzeugungen wirklich Recht haben (bzw., in Sens Variante: da auch Andere „impartial reasons“ vorbringen können, die sich von unseren unterscheiden), ist es ethisch unumgänglich, die persönliche Freiheit Anderer anzuerkennen, zumindest solange sie mit unserer eigenen Freiheit nicht konfligiert. Soweit Amartya Sens Gerechtigkeitstheorie (bzw. ihre Prämissen) in a nutshell.

Doch was hat dies mit der TEEB-HBS-Kontroverse zu tun? Viel. Denn aus den oben skizzierten Prämissen zieht Sen eine wichtige Schlussfolgerung: auch wenn wir es mit einer irreduziblen Pluralität von objektiven Gründen zu tun haben, gibt es auf der Welt akute, offensichtliche Ungerechtigkeiten, auf deren Beseitigung man sich recht leicht einigen kann – auch wenn man bspw. bezüglich der Definition einer „ideal gerechten Ordnung“ einen Konsens nie erreichen wird. Meine These: mit der TEEB-HBS-Kontroverse verhält es sich ähnlich. Auch wenn Frau Unmüßig uns Umweltökonomen vorwirft, mit unserer eng anthropozentrischen Sicht könne man nie die fundamentalen Probleme der heutigen Wirtschaftsordnung überwinden, ist es doch so, dass unsere Diagnosen über die konkreten Übel im Kontext des Umweltschutzes große Überschneidungen aufweisen. Wir verwenden dabei unterschiedliche Vokabulare – während sie von Natur, ihrer Zerstörung und ihrer Schutzwürdigkeit spricht, sprechen wir vom Naturkapital, Externalitäten und ökonomischen Werten. Und dennoch sind wir uns einig: dass die EU-Agrarpolitik zu „konventionell“ ausgerichtet ist; dass Lebensmittelpreise nicht vermitteln, welche Umweltschäden eine solche Agrarpolitik generiert; dass der menschengemachte Klimawandel ein großes Problem ist und es ihn einzudämmen gilt; dass die Betrachtung von Wäldern als bloße Holzlieferanten, von Flüssen als bloße Schifffahrtswege, von Mooren nur als potentielle Landwirtschaftsflächen falsch ist.

Die Umweltpolitik verliert immer wieder in Machtkämpfen; das Umweltministerium in Ressortkonflikten. Im Bereich des Umweltschutzes bewegt sich wenig, es wird viel Symbolpolitik betrieben, und sobald ein „ernsthaftes“ Problem um die Ecke kommt – die Euro-Krise, die Flüchtlingswelle, Donald Trump –, wird Umweltschutz plötzlich als lediglich ein Luxusproblem abgetan und auf hintere Plätze der Politikprioritätenliste verdrängt. Das sieht HBS so, das sieht TEEB ebenfalls so. Ja, uns schweben unterschiedliche Idealzustände vor; auch bei der Wahl der Mittel zur Beseitigung der akut wahrgenommenen, offensichtlichen Probleme herrscht nicht immer Einigkeit. Aber so weit ist die Politik ja noch gar nicht, dass man sich Gedanken machen würde über die richtigen Mittel! Die fundamentale Einsicht fehlt immer noch, dass es echte Probleme gibt, dass dies eben nicht „Luxusprobleme“ sind. Doch statt die Kräfte zumindest aus strategischen Gründen vorübergehend zu vereinen, verliert man Zeit und sonstige Ressourcen für ständige Scharmützel – Bücher, Zeitungsartikel, Interviews –, in denen man die jeweils andere Seite kritisiert, deren Kritik entkräftet, und das im ständigen, unaufhörlichen Hin-und-Her.2

Vielleicht bin ich naiv. Vielleicht ist das Problem auch, dass ich der „gemäßigteren“ Seite angehöre, deren die andere, radikalere „höchstens“ zu weit gehen könnte; die HBS-Seite befürchtet ja, dass die Sprache, die TEEB verwendet, das Framing der Argumente, zu einer langfristigen Unterminierung von Umweltschutz führe. Doch ich habe den Eindruck, dass man vor so einem übermächtigen Gegner, wie die Gleichgültigkeit der Politik sowie der breiten Öffentlichkeit gegenüber eigentlich fundamentalen Umweltproblemen es ist – dass man vor so einem übermächtigen Gegner zumindest strategische Zusammenarbeit braucht; denn sonst bleibt das Ziel eines echten Umweltschutzes aller Wahrscheinlichkeit nach auf der Strecke, egal was man genau darunter versteht. Denn der Status quo ist aus beider Sicht nicht tragbar. In diesem Sinne: let’s agree to disagree.

Fußnoten

1. Objektivität im Sinne von Intersubjektivität bedeutet, dass man in der Lage ist, Gründe zu nennen, die ein Anderer nicht als unsinnig, falsch, unlogisch o. Ä. abtun kann – obwohl er/sie sie ggf. trotzdem ablehnen mag, weil er/sie bspw. seine/ihre persönliche Ethik auf einem anderen Fundament aufgebaut hat. Thomas Scanlon spricht in diesem Kontext von „reasons nobody could reasonably reject“.

2. Spannenderweise muss man dabei nicht nur die vermeintlich überzogene, vermeintlich auf Missverständnissen basierende, vermeintlich ideologisch verblendete Kritik der jeweils anderen Seite kontern, sondern auch mal aus den eigenen Reihen kommende Kritik „zurückpfeifen“, die den „impartial reasons“ der Anderen nicht gerecht wird und daher nur sinnlos zur Zuspitzung des Konflikts beiträgt; z. B. indem man als Gutachter eine entsprechende Einreichung eines Kollegen ablehnt bzw. dem Herausgeber der betreffenden Zeitschrift die Ablehnung empfiehlt.

bullenkuhle

Natur oder Naturkapital? (CC BY-SA 3.0 Christian Fischer)

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