Marktmacht der Wissenschaftsverlage: Drei kurze Anekdoten

Bis zur Entfristung (üblicherweise: Professur) gilt für einen jeden Wissenschaftler das Credo: „Publish or perish!“ Dies führt zu mannigfaltigen Problemen. Zum einen wird dieses Prinzip oft sehr quantitativ interpretiert – je mehr, desto besser. Qualität ist schwer messbar und daher nebensächlich. Zum anderen bedeutet es, dass Wissenschaftsverlage in vielen Situationen am längeren Hebel sitzen – denn ohne sie geht das so wichtige Publizieren (bisher) kaum. Diese Marktmacht lässt sich sehr gut ausnutzen.

Ich werde heute keine tiefgehende Analyse des Themas bieten. Um das zu tun, müsste ich viel mehr Zeit investieren, als mir gerade zur Verfügung steht. Daher möchte ich mich auf drei aktuelle Anekdoten beschränken, die die Marktmacht der Wissenschaftsverlage verdeutlichen.

Um eine kurze Einführung kommen wir dennoch nicht umhin. Was meine ich mit Wissenschaftsverlagen? Es sind dies all die großen Verlagshäuser, die Fachzeitschriften und Fachbücher herausgeben. Zu den größten und bekanntesten gehören (ohne Anspruch auf Vollständigkeit): Elsevier (v. a. Zeitschriften), Springer (Bücher und Zeitschriften), Taylor & Francis (beides), Wiley (v. a. Zeitschriften), Oxford University Press (eher Bücher), Cambridge University Press (Bücher), [Name bekannter angelsächsischer Universität einfügen] Press… Im Bereich der Fachzeitschriften wird der Markt vor allem von den beiden Erstgenannten beherrscht und gerade Elsevier befindet sich oft wegen seines Monpolisten-Gebahrens in der Kritik; immer wieder wird von Einzelpersonen, Gruppen und auch respektablen Institutionen dazu aufgerufen, Elsevier zu boykottieren (was allerdings gerade für junge WissenschaftlerInnen wie mich schwierig ist, denn viele der besonders relevanten Fachzeitschriften bei diesem Verlagshaus beheimatet sind). Seit einiger Zeit gibt es eine wachsende Zahl von Open-Access-Journals, die versuchen, die Marktmacht der großen Verlagshäuser zu untergraben (am bekanntesten ist wohl PLOS One); doch das institutionelle System ist immer noch primär auf den klassischen Modus ausgerichtet, bei dem es die Leser bzw. vor allem Bibliotheken sind, die für das Recht, auf Artikel zuzugreifen, z. T. horrende Summen bezahlen müssen. Open Access dreht den Spieß um und lässt die Autoren (bzw. deren Institutionen – immer häufiger sind in Projekten Mittel für Open-Access-Veröffentlichungen vorgesehen, auch Bibliotheken unterstützen teilweise das Publizieren in Open-Access-Journals) bezahlen – für die Leser sind die Artikel dann kostenlos. Das bedeutet zwar, dass die Autoren irgendwo Geld für die Veröffentlichung auftreiben müssen (und zwar nicht wenig – nach meiner Erfahrung ca. 500-1000 € pro Artikel); dafür haben die Herausgeber Planungssicherheit und keine Möglichkeit, Bibliotheken und individuelle Leser zu schröpfen.

Bei den auf Bücher spezialisierten Verlagen ist die Situation weniger offensichtlich problematisch, denn der Markt ist nicht ganz so stark oligopolisiert (doch siehe unten). Auch gibt es hier interessante internationale Unterschiede – möchte man in einem deutschen wissenschaftlichen Verlag ein Buch veröffentlichen, muss man üblicherweise als Autor zahlen, und zwar in einer ähnlichen Größenordnung wie bei Open-Access-Artikeln (was gerade für Doktoranden teilweise unangenehm ist, denn man ist üblicherweise verpflichtet, seine Dissertation zu veröffentlichen, um den Titel verliehen zu bekommen). Bei größeren internationalen Verlagshäusern ist es zwar schwieriger unterzukommen – dafür muss man nichts zahlen. Aber ein Verlag wie Cambridge University Press hat auch genug Standing und produziert ausreichend Bestseller (für Wissenschaftsverhältnisse), um weniger erfolgreiche Publikationen querzusubventionieren. Das ist bspw. für Mohr Siebeck wesentlich schwieriger.

So weit die Einführung. Nun zu den versprochenen Anekdoten:

Kein Zugang mehr zu Elsevier

Die erste Anekdote ist (noch) nicht persönlich, sondern etwas, was ich kürzlich gelesen habe: deutsche Wissenschaftsinstitutionen haben kürzlich ein Konsortium gebildet, genannt DEAL, dessen Ziel und Zweck es ist, bundesweite Lizenzen für die Nutzung der Angebote der großen Wissenschaftsverlage im Namen der Mitgliederinstitutionen zu verhandeln. Von Elsevier fordert DEAL konkret u. a. geringere Preise und, noch viel „schlimmer“, die Open-Access-Veröffentlichung aller Artikel, die von deutschen Autoren (mit)geschrieben werden. Bisher ließ sich das niederländische Verlagshaus nicht überzeugen, was dazu geführt hat, dass einige deutsche Universitäten und Forschungsinstitute zzt. keine Lizenzvereinbarung mit Elsevier haben und auf dessen Inhalte nicht zugreifen können. Die meisten Institutionen haben immer noch ihre alten Individuallizenzen laufen – einige sind jedoch bereits jetzt auf eine DEAL-Lizenz angewiesen. Wie es mit den Verhandlungen weitergeht, ist zunächst unklar. Als individueller Wissenschaftler kommt man an die meisten Artikel trotzdem heran – über Repositorien wie ResearchGate, über die Autoren oder auch auf wenier legalen Wegen, wie insb. Sci-Hub. Doch es bedeutet definitiv mehr Aufwand als sonst. Dabei sind die Forderungen von DEAL gar nicht unbedingt übertrieben – allerdings ist Elsevier der größte Wissenschaftsverlag der Welt und kann es sich leisten, in Verhandlungen erst einmal auf Konfrontation zu gehen. Selbst wenn das Gegenüber die versammelte deutsche Wissenschaft ist.

Buchpreise bei Springer

Wie bereits oben erwähnt, muss in Deutschland die Dissertation, sofern sie nicht kumulativ, d. h. in Form von (meistens drei) Artikeln, entsteht, üblicherweise als Buch veröffentlicht werden. Auch wenn der Trend hin zu kumulativen Dissertationen gerade im naturwissenschaftlichen Bereich sehr stark ist, müssen viele Doktoranden, um ihren Titel zu bekommen, immer noch Verlagen hinterher rennen. Ist die Dissertation deutschsprachig, kommt man in der Regel nicht umhin, einige Hundert Euro für die Veröffentlichung zu bezahlen. Ist sie englischsprachig, kann man sein Glück bei den großen internationalen Verlagen versuchen. Einer Kollegin von mir ist dies kürzlich gelungen – sie ist mit ihrer Dissertation bei Springer untergekommen. Doch als sie den Preis ihres Buchs gesehen hat, war sie etwas baff: es kostet 160 €. Im Gegensatz zu mir, der ich von Routledge für mein Dissertations-Buch geringfügige Royalties bekommen werde (sofern irgendjemand es kauft; wie viel das Buch kosten wird, weiß ich nicht), bekommt sie nichts von den 160 € pro Exemplar. An dem herausragenden wissenschaftlichen Beitrag kann der Preis also nicht liegen. Klar, Bücher von Springer sind ansprechend und qualitativ hochwertig verarbeitet – aber 160 €?! Doch es gibt eine recht banale Erklärung für den Preis, der übrigens in seiner Höhe gar nicht unüblich ist – ein Handbook, in dem bald ein Beitrag von zwei Kollegen und mir erscheinen wird, kostet bei Edward Elgar 135 £. Die Erklärung dafür ist ein einfaches Kalkül. Fachbücher werden nur selten von Individuen gekauft; die Hauptabnehmer sind Bibliotheken. Und für eine Bibliothek sind 100-200 € für ein einzelnes Buch ein Klacks. Natürlich summiert sich das über die Zeit zu enormen Beträgen auf – aber solange man die Perspektive auf ein einzelnes Buch legt, kann sich der Verlag leisten, eigentlich völlig überhöhte Preise zu fordern.

Leidige Permissions

Zuletzt eine Anekdote aus dem eigenen Leiden. Wie bereits oben erwähnt, bin ich gerade dabei, meine Dissertation als Buch zu veröffentlichen. So weit lief alles recht problemlos – der Begutachtungsprozess, die überraschende Zusage von Routledge, die Überarbeitung der Diss… Doch bevor das Buch in den Produktionsprozess gehen kann (Lektorat, Satz, Druck), muss ich noch eine Formalität erledigen – für alle Abbildungen und Tabellen, die ich anderen Veröffentlichungen entnommen habe, brauche ich die schriftliche Erlaubnis (Permission) des Copyright-Trägers, sie zu verwenden. Mit den allermeisten war es kein Problem – sogar Elsevier gab die Erlaubnis, ohne zu meckern. Cambridge University Press schreibt auf seiner Website gar, dass die Verwendung einzelner Abbildungen oder Tabellen aus deren Publikationen keiner schriftlichen Erlaubnis bedarf. Umso mehr erstaunt war ich, als ich eine Antwort auf die Permission-Anfrage für eine Abbildung aus einem Buch von Island Press bekam. Dieser in den USA beheimatete, ebenfalls recht große und bekannte Verlag möchte von mir 100 $ dafür, dass ich „deren“ Abbildung verwende. Man sollte dazu sagen, dass es sich um eine Darstellung des Ökonomischen Gesamtwertes (Total Economic Value, TEV) handelt, von dem es glücklicherweise Hunderte verschiedene Varianten gibt, sodass ich nicht auf die Island-Press-Version angewiesen bin. Besonders hübsch ist sie sowieso nicht. Aber man stelle sich vor, ich müsste aus irgendeinem Grund zwingend ebendiese Abbildung verwenden – ich wäre um 100 $ leichter. Nicht dass die Abbildung so viel wert wäre; aber der Verlag kann es sich leisten, so viel zu fordern. Früher oder später findet sich schon noch ein Dummer, der zahlt.cropped-dscn47091.jpg

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