Bio-Landwirtschaft ist schlecht?

Ich bin heute aufmerksam gemacht worden auf ein Video des New Scientist (das man sich hier ansehen können müsste; der dazugehörige Artikel ist leider hinter einer Paywall), das eine einfache und vermeintlich klare Botschaft vermittelt: wenn man den Planeten retten möchte, sollte man aufhören, den gemeinhin als Bio-Lebensmittel bekannten „Unsinn“ (mumbo jumbo) zu kaufen. Die Argumente sind knapp und bestechend: Bio-Landwirtschaft verbrauche mehr Fläche als konventionelle Landwirtschaft, u. a. führe es zu Regenwald-Rodungen, und überhaupt sei Gentechnik die bessere Lösung, weil man mit ihrer Hilfe bspw. die Stickstoffaufnahme-Effizienz von Anbaupflanzen erhöhen könne. Ich habe schon lange nicht mehr eine so einseitige Argumentation gesehen.

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Kernbotschaft des Videos [Screenshot].

Beginnen wir damit: an sich ist keine Behauptung des Videos, soweit ich es beurteilen kann, eindeutig falsch. Und dennoch ist die Gesamtbotschaft mindestens irreführend. Das beginnt mit der Behauptung, Bio-Landwirtschaft sei schlecht, weil sie mehr Fläche verbrauche. Dass sie es tut, stimmt wohl. Intensive, d. h. auf Monokulturen und dem Einsatz von Chemikalien basierende Landwirtschaft braucht weniger Fläche. Allerdings gibt es hier zwei Einwände gegen die Schlussfolgerung, Bio-Landwirtschaft sei daher schlecht. Erstens bezieht sich der relativ geringere Flächenverbrauch auf eine kurzfristige Analyse. Ob langfristig betrachtet konventionelle Landwirtschaft weniger Fläche bzw. generell weniger Ressourcen braucht, ist zumindest ungewiss. Denn durch die Intensivbearbeitung birgt sie auch die Gefahr, Böden langfristig „auszulaugen“ (d. h., nährstoffarm zu machen), Bodenerosion zu begünstigen etc. In der langen Frist könnte sich also der in der kurzen Frist tatsächlich positive Effekt auf den Flächenverbrauch umkehren. Zudem handelt es sich in dem Video implizit um eine z. T. auch wissenschaftliche Debatte, die noch lange nicht abgeschlossen ist – land sparing vs. land sharing heißt sie. Was da vom New Scientist propagiert wird, ist der land-sparing-Ansatz, der davon ausgeht, dass man Natur am besten schützt, wenn man ihr möglichst viel Platz lässt – indem man aus ihr eine Minimalfläche „herausschneidet“, um dort so intensiv wie möglich unsere Nahrungsmittel zu produzieren (im weiteren Sinne lässt sich auch unter dem land-sparing-Ansatz eine weitgehende Urbanisierung fassen, denn Städte brauchen wesentlich weniger Fläche für menschliche Aktivitäten als ländliche Gebiete). Doch ob land sparing wirklich die sinnvollere Variante ist, ist keineswegs geklärt. Viel Forschung deutet eher auf die Sinnhaftigkeit von land sharing hin, das weniger intensive Nutzung von (größeren) Flächen propagiert, im Sinne einer „Koexistenz“ zwischen menschlichen Systemen (wie Landwirtschaft) und natürlichen Ökosystemen. Ein befreundeter Blogger bezeichnet ein ähnliches Konzept als Bio-Kultur. Ganz abgesehen davon, dass gerade im Kontext der Welternährung die Sinnhaftigkeit der Gegenüberstellung von land sharing und land sparing mitunter in Frage gestellt wird, zum Beispiel weil sie über distributive Fragen hinwegtäuscht. Hier ist die Darstellung des New Scientist-Videos wahnwitzig einseitig und gaukelt Wissenschaftlichkeit vor, wo keine ist.

Auch den Punkt über grüne Gentechnik finde ich problematisch (und das obwohl ich kein Gentechnik-Gegner bin). Das Video behauptet, dass Gentechnik die Lösung sei, weil sie z. B. wesentlich effizientere Aufnahme von Nährstoffen durch Anbaupflanzen begünstigen kann. Das stimmt – sie hat das Potenzial dazu. Doch aus vielen Gründen – u. a., weil derartige Genom-Modifikationen alles andere als einfach sind – war der Fokus kommerzieller Gentechnik bisher eher auf Herbizidresistenz und die Bildung pflanzeneigener Toxine (als Pestizid-Ersatz). Dies könnte sich allerdings bald ändern – das Aufkommen des CRISPR/Cas Genome Editing, einer neuen Technologie, die genetische Veränderungen präzise und dabei viel einfacher und kostengünstiger als bisher umsetzen lässt, schafft ganz neue Potenziale. U. a. scheint CRISPR/Cas eine Hinwendung zur Cisgenese zu bewirken, d. h. zur „konventionellen Züchtung“ mit biotechnologischen Mitteln (die in dem New-Scientist-Video erwähnt wird mit dem Verweis auf sog. naturidentische Gentechnik, d. h. solche, deren Ergebnisse von Ergebnissen konventioneller Züchtung oder natürlicher Mutation nicht unterscheidbar sind). Dies führt dazu, und hier kommt die New-Scientist-Argumentation endgültig ins Schlittern, dass Befürworter der Bio-Landwirtschaft beginnen, ein Umdenken in Bezug auf die Vereinbarkeit von biologischen Anbaumethoden mit Genome-Editing-gestützter Züchtung zu fordern. Derartige Stimmen fand man übrigens bereits bevor CRISPR/Cas Genome Editing entwickelt wurde (siehe dieses Buch).

Ich kann leider nicht beurteilen, wie gut (oder schlecht) die Argumentation in dem New-Scientist-Artikel ist, der dem hier besprochenen Video zugrunde liegt. Das Video selbst ist allerdings ein Paradebeispiel für eine ideologisch diktierte, irreführend selektive Darstellung von wissenschaftlichen Ergebnissen. Dass Bio-Landwirtschaft gut ist, ist nicht eindeutig bewiesen; aber das Gegenteil eben mindestens genauso wenig.

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