Nachhaltigkeit bedeutet Verpflichtungen – aber gegenüber wem?

Nachhaltige Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.

Dies ist die wohl berühmteste und einflussreichste Definition von Nachhaltigkeit. Sie stammt aus dem sog. Brundtland-Bericht Our Common Future. Sie wurde aus vielen Gründen kritisiert, vor allem, weil sie sehr unspezifisch ist. Doch ein weiteres gravierendes Problem ist: wer sind diese „künftigen Generationen“, denen gegenüber wir vermeintlich Verpflichtungen haben? Wer sind sozusagen die Adressaten der Nachhaltigkeit?

Wenn neoklassische Ökonomen sich mit Nachhaltigkeit befassen, beginnen sie wie üblich: „Nehmen wir an, dass…“ Sie verstehen Nachhaltigkeit als Erhaltung des Kapitalbestandes. Sofern man den Kapitalbegriff weit genug fasst, ist das gar nicht so dumm. Doch dann kommen zwei Annahmen, die problematisch sind: (i) alle Typen von Kapital lassen sich mittels sog. Schattenpreise miteinander vergleichen bzw. aggregieren (sodass wir nur eine Zahl betrachten müssen); (ii) um diese Schattenpreise zu kalkulieren, betrachte man den von dem gegebenen Kapitalbestand in die unendliche Zukunft gestifteten Nutzen. Mit der ersten Annahme werde ich mich bei Gelegenheit nochmal beschäftigen. Heute nehmen wir jedoch erstmal die zweite unter die Lupe, zumal sie nicht nur für die enge ökonomische Perspektive ein Problem darstellt.

Das Problem ist eigentlich recht banal: wir sind der Hellseherei nicht mächtig. Wie wird die Welt in 50, 100, 1000 Jahren aussehen? Welche Technologien werden unseren Nachfahren zur Verfügung stehen? Wie werden deren Wünsche, Bedürfnisse, deren Vorstellung vom guten Leben sein? Wir wissen all dies nicht. Und wer glaubt, sich dies ausmalen zu können, der sollte versuchen, sich in unsere Vorfahren, sagen wir, um 1900 herum, zu versetzen. Hätten sie die Welt von heute und uns auch nur grob antizipieren können? Wohl kaum.

Kurzum: ein weiter Blick in die Zukunft ist sehr, sehr schwierig und mit extrem viel Unsicherheit behaftet. Wenn man ernsthaft Nachhaltigkeit anstrebt, kommt man da nicht ganz umhin – zumindest wenn man vermeiden möchte, was ein Bekannter von mir als Umweltherrschaft bezeichnet. Was wir tun, wie wir die Welt formen, determiniert den „Optionsraum“ der künftigen Generationen, d. h. wie gut sie in der Lage sein werden, so zu leben, wie sie es möchten.

Nichtsdestotrotz, auch wenn man sich der Gefahr der Umweltherrschaft bewusst ist, ändert dies nichts an der Tatsache, dass ein weiter Blick in die Zukunft nicht wirklich eine Option ist, zumindest wenn man sich Präzision erhofft (die bspw. von dem mainstreamökonomischen Ansatz vorgetäuscht wird). Die Schlussfolgerungen vieler Nachhaltigkeitstheoretiker: lasst uns Nachhaltigkeit als Verpflichtung gegenüber der jeweils nächsten Generation fassen. Das ist viel einfacher, realistischer, weniger abstrakt. Ein Beispiel für diesen Ansatz ist das Konzept der fairen Hinterlassenschaft (fair bequest): um Nachhaltigkeit zu erreichen, müssen wir unseren Nachkommen, der nächsten Generation, eine faire Menge an Kapital (in weitestem Sinne) hinterlassen. Wie diese faire Hinterlassenschaft zu bestimmen ist, ist eine schwierige Frage, mit der wir uns ein andermal befassen werden. Heute geht es aber um die Frage: wer ist die nächste Generation?

Diese Frage lässt sich nur scheinbar einfach beantworten. Denn was wir üblicherweise als eine Generation bezeichnen, ist in Wirklichkeit eine Reihe verschiedener Alterskohorten: von Säuglingen bis zu Greisen ist alles dabei. So haben manche Ökonomen versucht, das Nachhaltigkeitsproblem im Rahmen des sog. Modells überlappender Generationen zu betrachten. Doch auch dieses simplifiziert: es geht von zwei sich überlappenden Generationen aus, den „Jungen“ und den „Alten“. Doch das Problem ist gerade, dass sich Generationen nicht scharf voneinander trennen lassen! Zugespitzt ausgedrückt: alles überlappt sich mit allem, es ist ein Kontinuum. Aber wenn es ein Kontinuum ist, lassen sich die beiden Seiten des „Nachhaltigkeitsspiels“ nicht identifizieren. Wir sind wieder da, wo wir begonnen haben.

Was bedeutet dies nun? Erstmal bedeutet es, dass Nachhaltigkeit kaum auf Grundlage von Stichtagen funktionieren kann, nach dem Motto: „So, heute übergeben wir die Erde mit dem ganzen Kapitalbestand an die nächste Generation.“ Nein, Nachhaltigkeit muss uns dauerhaft beschäftigen. Und es gibt wohl keine Möglichkeit, ihren Adressaten klar und trennscharf zu bestimmen. Wir müssen mit einer gewissen Unbestimmtheit leben.

Das legt nahe, wie man mit dem Problem umgehen kann. Das magische Stichwort heißt Institutionen. Um Nachhaltigkeit im Sinne einer Verpflichtung gegenüber einem unklaren Adressaten zu sichern, tagein und tagaus, braucht es institutioneller Lösungen. Institutionen im sozialwissenschaftlichen Sinne sind alles Mögliche: soziale Normen, Gesetze und sonstige Regelwerke/Mechanismen, die unser gesellschaftliches Zusammeleben regulieren. Der Vorteil von Institutionen ist, dass wenn man sie einmal definiert hat, man nicht ständig das Problem im Hinterkopf behalten muss (bspw. Nachhaltigkeit), das zu lösen ihre Aufgabe ist. Gleichwohl sind viele Institutionen flexibel genug, um angepasst zu werden, falls man feststellt, dass sie doch nicht das liefern, was sie liefern sollten.

Nun erwartet man von mir vermutlich eine Liste von solchen Institutionen. Die kenne ich nicht. Bzw. mein Ziel heute war vor allem, aufzuzeigen, dass Nachhaltigkeit nichts Präzises ist. Wie die Nachhaltigkeit sichernde Institutionen nun aussehen sollten, welche Lebensbereiche sie betreffen sollten, das sollte Gegenstand einer öffentlichen Debatte sein. Einige Anhaltspunkte können zwar bereits im Voraus gegeben werden, doch dazu bald.

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