BIOECON 2016: Naturschutz für wen?

Die zweite Keynote Speech der BIOECON-Konferenz wurde von Amy Ando von der University of Illinois gehalten. Ich muss gestehen, dass mir der Name vorher völlig unbekannt gewesen war – ihr Vortrag war aber vermutlich der interessantere der beiden Keynotes. Es ging in ihm um eine Reihe von lose miteinander zusammenhängenden Fragestellungen, die sich aber um die Frage drehten: welche Rolle kann und sollte Ökonomik im Kontext des Naturschutzes spielen?

Der Ausgangspunkt war der Hinweis, dass Naturschutz in aller Regel im Kontext von Unsicherheit stattfindet. Beispiel Klimaschutz: wir wissen nicht, wie hoch genau die Klimasensitivität ist (sprich, wie stark die globalen Temperaturen auf einen gegebenen Anstieg der atmosphärischen CO2-Konzentrationen reagieren); wie die räumliche Verteilung der Auswirkungen eines gegebenen Temperaturanstiegs sein würde; wie stark einzelne Staaten ihren international vereinbarten Verpflichtungen nachkommen werden; wie die weitere Entwicklung klimarelevanter Technologien sein wird. Bereits diese Feststellung – dass wir es hier mit Entscheidungen unter Unsicherheit zu tun haben – legt nahe, dass Ökonomik helfen könnte. Denn die Entwicklung von Strategien für Entscheidungen unter Unsicherheit ist ein wichtiger Forschungsbereich der Disziplin. Und so nutzen beispielsweise Ando und ihre KollegInnen die Portfolio-Theorie, um effiziente Naturschutzstrategien zu entwickeln (bspw. bezüglich der Frage, wie ein Netzwerk von Naturschutzgebieten räumlich verteilt sein sollte).

Doch das ist erst der Anfang. Denn üblicherweise basieren solche Ansätze – Andos eigener ebenfalls – auf biophysikalischen Parametern als Zielgrößen. Was ist das optimale Portfolio von Schutzgebieten, wenn das Ziel der Schutz einer bedrohten Art ist? Doch wollen wir diese Art wirklich schützen? Und sind die Kosten ihres Schutzes nicht zu hoch, wenn man bedenkt, dass die zu ihrem Schutz verwendeten knappen Ressourcen auch woanders eingesetzt werden könnten, sei es im Bildungssystem oder um eine andere Art effektiver zu schützen? Zur Abbildung solcher multidimensionaler Abwägungen wurde die ökonomische Bewertung entwickelt. Natürlich ist sie nicht immer vonnutzen – wie Ando in ihrem Vortrag zurecht bemerkte, gibt es Fälle, in denen die Gesellschaft ein bestimmtes Ziel als einen Imperativ betrachtet, sodass dieses schlicht und einfach zu erreichen ist, ohne Rücksicht auf Abwägungen (wir nehmen hier der Einfachheit halber an, dass es so etwas gibt wie einen „gesellschaftlichen Willen“). Dann braucht man die ökonomische Bewertung zwar nicht – eine Kosten-Effektivitätsanalyse schadet allerdings nicht (und in diese Kategorie gehört die oben erwähnte Portfolio-Analyse). In vielen Fällen sind die gesellschaftlichen Präferenzen allerdings nicht derart lexikografisch, Abwägungen spielen eine Rolle – und die Ökonomik kann helfen, diese Abwägungen verständlich abzubilden, um die Entscheidungsfindung zu unterstützen.

Damit können Ökonomen zur Beantwortung der Frage beitragen, Naturschutz zu welchem Zweck und in welchem Ausmaß? Mit der ökonomischen Bewertung wird ebenfalls die Frage angeschnitten, Naturschutz für wen? Aber nur teilweise. Und hier begann der eigentlich interessante Teil von Andos Vortrag.

Man sollte dazu sagen, dass ihre Perspektive die einer US-Amerikanerin ist – sie ist nicht 1:1 auf Europa oder generell andere Länder übertragbar. Doch wie die Diskussion nach dem Vortrag zeigte, sind ihre Ideen durchaus auch anderswo relevant. Sie begann mit einigen Bildern, die die weiterhin vorhandene und in letzter Zeit mehrmals deutlich gewordene Spaltung der US-Gesellschaft entlang ethnischer Grenzen verdeutlichen sollten. Weiße, Schwarze, Latinos – zwar sind sie alle US-Amerikaner, aber in vielen Fällen sind dies doch voneinander getrennte Gemeinschaften. Was hat das mit Naturschutz zu tun? Sehr viel. Denn die Idee des Naturschutzes ist in den USA historisch die Idee weißer, wohlhabender, konservativer Männer – von Theodore Roosevelt über John Muir bis hin zu Aldo Leopold, dem einflussreichsten US-amerikanischen Naturschutzdenker schlechthin. Viele Naturschutzgebiete entstanden auf Indianer-Land (einschließlich Yellowstone).

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Yellowstone (Bild von Daniel Mayer, CC BY-SA 3.0)

Untersuchungen zufolge werden US-amerikanische Nationalparks überproportional häufig von Weißen besucht. Bis heute gibt es in den USA und anderswo gegen Schutzgebiete gerichtete Proteste von indigenen Gemeinschaften, die vorher in den betreffenden Gebieten gelebt haben. Generell ist die Frage: wer will Natur wie schützen? Werden betroffene Minderheiten nach ihrer Meinung, ihren Bedürfnissen gefragt? Haben sie etwas von Naturschutz? Und dabei geht es nicht nur um ethnische Gruppen, sondern auch bspw. um verschiedene Einkommensschichten. Womit wir übrigens wieder in Dasguptas Metier ankommen – wenn bspw. Einheimische in Afrika oder anderswo im globalen Süden Regenwälder abholzen, ist es die Lösung, diese Regenwälder unter Schutz zu stellen? Oder vielleicht eher, mit den Einheimischen zu arbeiten und ihnen zu helfen, Alternativen zur Abholzung zu finden?

Wie die Ökonomik mit solchen Problemen umgehen soll, ist nicht offensichtlich – Verteilungsfragen sind nicht gerade eine Stärke der Ökonomen. Gleichzeitig, wie Andos eigene Forschung zeigt, bietet die Ökonomik durchaus Techniken, solche Verteilungsaspekte des Naturschutzes empirisch festzustellen. In Zusammenarbeit mit anderen Sozialwissenschaften müsste man sie auch erklären können – um dann Naturschutzpolitiken gegebenenfalls entsprechend anzupassen. Diese Arbeit befindet sich noch an ihrem Anfang – erstmal geht es darum, die richtigen Fragen zu stellen. Hier fand ich das Argument von Ando sehr einleuchtend, warum man ethnische und sonstige Diversität gerade in den Sozialwissenschaften fördern sollte – weil man z. B. als Weißer in den USA womöglich gar nicht darauf kommt, eine für die schwarzen oder indianischen Gemeinschaften relevante Frage zu stellen. Auch wenn man selbst kein Rassist ist. Um derartige Fragestellungen, die mit kulturellen Unterschieden zwischen verschiedenen Segmenten einer Gesellschaft zu tun haben, bearbeiten zu können, muss man flexibel und kreativ sein – ein Beispiel aus Andos Forschung dafür ist, ökonomische Bewertungsstudien durchzuführen, in denen nicht Geld das „Zahlungsvehikel“ ist, sondern Zeit, die man bspw. in lokale Naturschutzinitiativen zu investieren bereit ist.

Kurzum, die Botschaft ist: im Kontext des Naturschutzes, aber auch generell in vielen Bereichen der Ökonomik ist es wichtig, einen Blick für die Heterogenität der Akteure zu haben, mit denen man arbeitet. Mit einem repräsentativen Agenten zu arbeiten, mag in bestimmten Kontexten funktionieren – in anderen könnte man kaum etwas verkehrteres tun.

P.S. Amy Andos Power-Point-Präsentation gibt es hier.

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