Was macht einen guten Wissenschaftler aus?

Es ist jedenfalls eher nicht die Bereitschaft, auf Stabilität und Familienleben zu verzichten. Auch nicht wirklich die Fähigkeit, mit Unsicherheit im eigenen Leben umzugehen. Doch dies sind Eigenschaften, die man mitbringen sollte, wenn man in Deutschland Wissenschaftler werden möchte.

Ich habe bereits vor einer Weile darüber geschrieben, wie schwierig man es gerade als junger Wissenschaftler in Deutschland hat. Damals ging es mir insbesondere um die Ich-Perspektive, die Zweifel, die man hat, wenn man entscheiden muss, ob man sich auf eine wissenschaftliche Karriere einlassen möchte. Denn einerseits ist der Job eines Wissenschaftlers großartig: man arbeitet immer wieder zu neuen Problemen, oft ist die eigene Arbeit sowieso nahezu ein Hobby, für dessen Ausübung man (ganz gut) bezahlt wird, und wenn man Glück hat, trägt man vielleicht noch dazu bei, dass gesellschaftliche Probleme gelöst werden. Andererseits ist die berufliche Situation von jungen Wissenschaftlern in vielerlei Hinsicht prekär. Zwar wurde das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) kürzlich reformiert, doch das Hauptproblem besteht weiterhin – nämlich die Regelung, dass man nach max. 12 Jahren (ab Promotion max. sechs) nicht mehr befristet angestellt werden kann/darf (ausgenommen sind Drittmittelprojekte). In anderen Worten – da die meisten Forschungseinrichtungen ihre Mitarbeiter nicht so gern entfristen, bekommt man spätestens 6 Jahre nach Promotion Probleme. Nicht jeder bekommt eine Professur, und andere unbefristete Stellen sind rar. Gleichwohl sind die sunk costs von 6+ Jahren Wissenschaft mitunter enorm. Für viele gibt es dann nur zwei Alternativen: entweder verlässt man die Wissenschaft und sucht sich einen Job anderswo (wobei man oft als überqualifiziert und nicht wirklich für die „freie Wirtschaft“ tauglich gilt); oder man hangelt sich nun von einem Drittmittelprojekt zum nächsten. Jobsicherheit? Nicht gegeben.

Vermutlich um Letzterem vorzubeugen, d. h. um Forschungseinrichtungen einen Anreiz zu geben, mehr Haushaltsstellen zu vergeben und weniger Menschen dauerhaft über Drittmittel zu beschäftigen, hat sich das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) etwas ganz Besonderes ausgedacht: um ein BMBF-finanziertes Projekt zu bekommen, muss man seit neulich mindestens die Hälfte der Stellen aus dem eigenen Haushalt bezahlen. Sprich: wenn ich für das Projekt gern 2 vom BMBF finanzierte Stellen hätte, muss ich 2 zumindest nominell dem Projekt zugeordnete Haushaltsstellen vorweisen. Gute Intentionen sind zu würdigen, aber leider funktioniert der Anreiz nicht. Die Reform spannt den Karren vor das Pferd. Denn was tut man, um die sog. 50%-Regel einzuhalten? Man nennt im Projektantrag Senior Scientists (meistens Leute mit unbefristeten Stellen), die dort nur der Form halber stehen, aber in Wirklichkeit nicht an dem Projekt mitarbeiten. Ggf. sind diese Personen, wenn man sich alle laufenden Projekte (geschweige denn alle laufenden Anträge) angucken würde, „überbucht“ – sie haben mehr als 100%-Stellen (da ihre eine Haushaltsstelle in verschiedenen Anteilen in mehreren Projekten/Anträgen auftaucht, die sich zu mehr als 100% Wochenarbeitszeit aufsummieren). Was eigentlich nicht sein darf. Warum ist das so? Gerade in größeren Forschungseinrichtungen (wie das UFZ, wo ich arbeite) bekommen die einzelnen Abteilungen/Departments oft Haushaltsgelder zum Teil in Abhängigkeit davon, wie viel Drittmittel sie einwerben. D. h., die Anzahl der Haushaltsstellen ist abhängig von der Anzahl der eingeworbenen Drittmittelstellen. Doch um Letztere einzuwerben, zumindest beim BMBF (neben der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG wohl der größte Geldgeber), braucht man Haushaltsstellen. Es ist ein Teufelskreis.

Kurzum: es sieht, was die Stabilität, Sicherheit der Beschäftigung anbetrifft, mäßig aus in der deutschen Wissenschaft. Doch das setzt völlig perverse Anreize. Es gibt viele Faktoren, die einen guten Wissenschaftler ausmachen: überdurchschnittliche Intelligenz, Fähigkeit zur Teamarbeit, zum kritischen Denken, zum abstrakten Denken, Kreativität, intellektuelle Flexibilität… Wenn man an einer Hochschule arbeitet, sind auch didaktische Fertigkeiten, die Fähigkeit, wissenschaftliche Probleme klar und spannend zu erläutern sowie die gerade gelisteten Fertigkeiten zu fördern äußerst wichtig. Doch was ich oben beschrieben habe, das fördert Selbstselektion von künftigen Wissenschaftlern und Hochschullehrern nach ganz anderen Kriterien: man sollte mit Unsicherheit bezüglich eigener Zukunft umgehen können; gut klingende Anträge in Fließbandarbeit schreiben und sie stützende Netzwerke bilden; mit einem nomadischen Lebensstil klarkommen; keinen großen Wert auf eine eigene Familie legen; mit Arbeit in Projekten zu Themen zurechtkommen, mit denen man eigentlich wenig am Hut hat, aber wo gerade Stellen verfügbar sind… Ich mag mich irren, aber ich erkenne keine offensichtliche Verbindung zwischen den zunächst gelisteten Eigenschaften eines guten Wissenschaftlers und Hochschullehrers einerseits und den vom derzeitigen System geförderten andererseits. Dies bedeutet aber, dass man sich hier saftig ins Knie schießt. In vielen Bereichen hat die „freie Wirtschaft“ bereits den Vorteil, dass sie wesentlich besser zahlt. Was technische und infrastrukturelle Ausstattung anbetrifft, unterliegen zumindest deutsche Hochschulen ebenfalls meistens in diesem Vergleich (außeruniversitären Forschungseinrichtungen geht es in dieser Hinsicht in aller Regel deutlich besser). Um sich längerfristig für die Wissenschaft zu entscheiden, muss man wirklich großen Wert auf, eben, Wissenschaft legen. Man muss Bock darauf haben. Und wenn man ihn hat, dann hat man in vielen Fällen gleichzeitig das Zeug dazu (da wir Menschen meistens das gern tun, worin wir gut sind). Wäre da nur nicht dieses verrückte System, insbesondere das WissZeitVG… Es schreckt ab.

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