Ist Wirtschaftswachstum vorbei?

…the most important economic question of all – what will economic growth be like over the next couple of generations?

Man sehe sich dieses Zitat von Larry Summers, dem wichtigsten Wirtschaftsberater Barack Obamas und einem der prominenteren Ökonomen unserer Zeit, an und behaupte, die Ökonomen litten nicht unter einem Wachstumsfetischismus. Dennoch werden immer mehr Ökonomen – Summers eingeschlossen – zunehmend pessimistisch über Möglichkeiten künftigen Wachstums. Die Begründungen sind allerdings nicht, wie bei den „üblichen Verdächtigen“ aus der degrowth-Szene, normativ (Wachstum sollte aufhören wegen seiner negativen Begleiterscheinungen wie soziale Ungerechtigkeit, Umweltzerstörung etc.), sondern rein positiv – die betreffenden Kommentatoren sind schlicht und einfach der Meinung, die kurze „Wachstumsepisode“ der Menschheitsgeschichte könnte sich allmählich dem Ende nähern.

Die spezifischen Begründungen sind sehr unterschiedlich. Summers beispielsweise spricht von einer secular stagnation, für die er den Mangel an investitionswürdigen Projekten verantwortlich macht bzw. einen Überhang an Kapital gegenüber einem beschränkten Investitionsangebot. Andere, darunter ein Bekannter von mir, landen mit rein statistischen Analysen bei Spiegel Online, in denen sie zeigen, dass Wirtschaftswachstum in Industrieländern schon lange nicht mehr exponentiell verläuft, sondern linear. Was bedeutet, dass es immer langsamer wird. Die interessante Hypothese jedoch, auf die ich bisher stieß, ist die von Robert J. Gordon, dem Autor von The Rise and Fall of American Growth (das Buch ist 750 Seiten lang, die Kernargumente gibt es aber auch in einer kürzeren bzw. richtig kurzen Form). Die Kernthese von Gordon: im 20. Jahrhundert konnten wir ungewöhnlich schnell wachsen, weil wir eine Reihe von low-hanging-fruit-Innovationen nutzen konnten, von denen die meisten Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt wurden und bis in die 1970er hinein das Wirtschaftswachstum prägten: Elektrizität, Verbrennungsmotoren, Impfungen, Sanitätsanlagen, Autos, Flugzeuge, Zentralheizungen und Klimaanlagen, Film, Radio, Telefon, Fotografie… Laut Gordon kommen solche wegweisenden Innovationen nicht wieder. Alles, was wir in letzter Zeit entwickeln, ist zwar nett – all die Tablets, selbstfahrenden Autos und Ähnliches –, hat allerdings keinen dramatischen Einfluss auf Arbeitsproduktivität oder gar generell auf den Lebensstandard. Und um die geht es letztlich.

Natürlich gibt es auch Kritik an Gordons Thesen, vor allem mit dem Hinweis, dass er sich zu stark auf eigene Prognosen verlässt. Er geht von künftigen Innovationen aus, die wir antizipieren (vor allem AI, Robotik, Biotechnologie) und schließt, dass diese keinen so dramatischen Einfluss auf Produktivität und Lebensstandard haben würden wie bspw. Sanitäranlagen. Das klingt zwar z. T. plausibel (obwohl Verfechter von AI es wohl anders sähen), doch verweist Gordon ja selbst auf historische Fälle, in denen das Potenzial von Technologien massiv unterschätzt wurde:

There are four classic examples in the past of innovation pessimism that turned out to be wildly wrong. In 1876, an internal memo at Western Union, the telegraph monopolists, said, „The telephone has too many shortcomings to be considered as a serious means of communication.“ In 1927, a year before The Jazz Singer [einer der ersten Tonfilme], the head of Warner Brothers said, „Who the hell wants to hear actors talk?“ In 1943, Thomas Watson, then president of IBM, said, „I think there is a world market for maybe five computers.“ And in 1981, in the most famous of these ill-fated quotes, Bill Gates himself said in defense of the capacity of the first floppy disks, „640 kilobytes ought to be enough for anyone.“

Zudem kommen Entdeckungen und Erfindungen, die von niemandem antizipiert wurden, mit denen man auch „rechnen“ muss (im Sinne von: da könnte etwas auf uns zukommen, was wir uns gar nicht vorstellen können). Wenn man sich den Ridley-Scott-Klassiker Alien anguckt, in dem in ferner Zukunft immer noch schwarz-grüne Röhrenbildschirme flackern, der bekommt eine Idee davon, was damit gemeint.

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21. Oktober 2015: wo bleiben die Hoverboards und selbstschnürenden Schuhe?

Als eine Art Gegenargument nennt Gordon in seinem Buch (das ich selbst nicht gelesen habe) einige Anekdoten, in denen bestimmte Leute (bspw. Jules Verne) unerwartete und von anderen als unrealistisch abgetane Erfindungen antizipierten. Dem könnte ich aus eigenem Erfahrungsbereich meinen Lieblingsschriftsteller hinzufügen, Stanisław Lem, der dafür bekannt war, dass er einige Technologien Jahrzehnte im Voraus „vorhergesagt“ hat (wie bspw. e-Books in seinem 1961er Buch Transfer oder eine ganze Reihe von Technologien in seinem Monumentalwerk Summa technologiae von 1964). Doch hier könnte man plausiblerweise entgegnen, dass dies Glückstreffer waren – viele andere Vorhersagen gingen ins Leere. In den Worten von Peter Thiel, „We wanted flying cars, instead we got 140 characters“. Gerade wer, wie Lem, damit seinen Lebensunterhalt verdient(e), Zukunftsszenarien zu spinnen, wird bei ausreichender Masse den einen oder anderen Treffer verbuchen. Was man natürlich nur ex post facto erkennt.

Was ist nun die Quintessenz des Ganzen? Aus meiner Sicht haben beide Seiten teils Recht: Gordons Thesen sind durchaus plausibel und man sollte sie ernst nehmen. Denn falls er Recht hat, kommen einige tiefgreifende strukturelle Veränderungen auf unsere modernen Gesellschaften zu, und auf die sollte man lieber vorbereitet sein. Gleichzeitig kann es durchaus sein, dass technologischer Fortschritt eben doch munter weitergehen wird, dass er gerade nur eine Verschnaufpause einlegt. Dass wir uns nicht so richtig vorstellen können, was uns noch an bahnbrechenden Innovationen bevorstehen könnte, heißt lange nicht, dass es keine mehr geben wird.

Womit wir doch noch zu der normativen Schiene zurückkommen: unabhängig davon, ob wir noch wachsen können, sollten wir uns fragen, ob wir wachsen sollten. Denn obgleich Gordon & Co. sich auf Produktivitätswachstum konzentrieren, der ja von sich aus noch nicht bspw. zu Umweltzerstörung führt (weil es erstmal nur „besser“, nicht „mehr“ bedeutet), so ist eine der wichtigsten und erschreckendsten Erkenntnisse der wachstumskritischen Literatur, dass Produktivitätswachstum im heutigen System eigentlich automatisch zu quantitativem Wachstum führt – aus dem einfachen Grund, dass wir uns weigern, unsere durchschnittliche Arbeitszeit wesentlich zu reduzieren (wobei ich mit „weigern“ nicht unbedingt die Wünsche und Präferenzen einzelner Menschen meine, sondern eher schwer zu reformierende institutionelle Geflechte, Gesetze, soziale Dilemmata etc.). Wenn aber alle weiterhin 35-40 Wochenstunden arbeiten sollen, müssen wir immer mehr produzieren, wenn wir es durch Produktivitätswachstum immer effizienter tun.

Aus dieser Erkenntnis leiten sich einige Fragen ab, von denen zwei besonders wichtig sind: erstens, wie können wir diese „Weigerung“, weniger zu arbeiten, überwinden? Und zweitens, ist Produktivitätswachstum wirklich a) erwünscht (was Gordon & Co. implizieren) und b) außerhalb unserer Kontrolle (wie die meist zumindest bezüglich ihrer tatsächlichen Folgen überraschend „stattfindenden“ Innovationen nahelegen)? Dies sind allerdings fragen, die sich weit jenseits des von Gordon, Summers und anderen geführten Diskurses befinden.

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