Darf man die Sowjetunion mit dem Dritten Reich vergleichen?

Mal wieder ein Off-topic. Als Aufhänger diesmal ein Foto (es war meine Reaktion auf „Cпасибо, Thanks, Merci!“ als Danksagung am Tag der Befreiung):

Bildschirmfoto vom 2016-05-09 17:39:16

Darf man das? Darf man die Taten irgendeines Regimes auch nur in die Nähe des für die Shoa verantwortlichen NS-Regimes stellen? Gleich vorweg: ich möchte nicht gesagt haben, dass Stalin/die Sowjetunion zu seiner Zeit gleich böse waren wie die Vernichtungsmaschine NS-Deutschland. Was ich sehr wohl behaupte, ist jedoch, dass Stalin und Hitler in eine Klasse gehören. (Ich werde in beiden Fällen die Namen der Diktatoren als Kürzel für die Systeme verwenden, denen sie vorstanden – obgleich mir unter dem oben abgebildeten Kommentar vorgeworfen wurde: „Befreit haben uns die Sowjetsoldaten und nicht Stalin. 20 Millionen Sowjetbürger sind auch für unsere Befreiung gestorben, Stalin nicht.“ Ich halte dies für ein problematisches Argument, weil es eine Reduktion des stalinistischen Systems auf die Person Stalin bedeutet, die ich für genauso unzulässig halte wie die Reduktion des NS-Systems auf Hitler. Daher verwende ich die beiden Namen eben nur als Kürzel, nicht um eine solche Reduktion vorzunehmen.) Und zwar in die Klasse, in der Verbrechen zu finden sind, die unverzeihlich und abscheulich sind, ohne ihresgleichen.

Dass Hitler für solche Verbrechen verantwortlich ist, ist unbestreitbar. Ist es Stalin auch? Und sonst noch jemand? Um diese Frage zu beantworten, muss man erst klären, was die angenommene Perspektive ist. Zwei Kriterien definieren für mich diese Kategorie, die sich jenseits jeglicher Vergleichbarkeit befindet, innerhalb derer es nicht möglich ist, von „kleinerem Übel“ zu sprechen:

  1. Es zählt nicht nur das Resultat, sondern auch und vor allem die Motivation. Dieses Kriterium schließt wohl beispielsweise Mao Zedong aus, der zwar mehr Menschen auf dem Gewissen hat als Hitler und Stalin (Schätzungen zufolge kostete allein der Große Sprung nach vorn 15–45 Mio. Menschen das Leben), doch war sein Ziel nicht deren Vernichtung. Er hatte „bloß“ eine absurde Idee, wie man ein Land zu industrialisieren hat, und die politische Kultur in seinem System führte dazu, dass lange Zeit keiner eine Vorstellung davon hatte, wie viele Menschen in ganz China hungern (weil lokale Funktionäre sich nicht trauten, Misserfolge zu berichten). Von einer gezielten Vernichtung konkreter Menschengruppen kann man bei Hitler, Stalin, Pol Pot, aber auch bspw. in Rwanda ’94 sprechen, obgleich die Gruppen unterschiedlich definiert wurden (bei Pol Pot und Stalin war die ethnische Zugehörigkeit zweitrangig, sogar im Fall des Holodomor in der Ukraine, bei dem 1932/33 mehrere Millionen Menschen verhungerten).
  2. Es handelt sich um eine geplante, systematische Vernichtung. Die Systematik war im Falle NS-Deutschlands am offensichtlichsten. Doch auch bei Stalin erkennt man sie zumindest in Zügen: das Gulag-System bestand zwar primär aus Arbeits-, nicht Vernichtungslagern. Einige von ihnen (Magadan, Workuta) waren aber bewusst so angelegt, dass Überleben an ein Wunder grenzte. Auch der bereits erwähnte Holodomor wurde durch eine systematische Unterlassung von Hilfe (bis hin zu Ausfuhr von Nahrungsmitteln aus einem bereits an Hungersnot leidenden Land) bewirkt. Die Frage ist natürlich berechtigt, ob man hier Tötung durch Unterlassung von Hilfe mit aktiver Tötung gleichsetzen darf. Ich würde zu einer bejahenden Antwort tendieren. Ein drittes Beispiel für die Stalin’sche Systematik ist die Große Säuberung, bei der Tausende von Menschen nach impliziten Quoten(!) getötet wurden, weil sie vermeintliche Gegner des Systems waren.

Mir ist bewusst, dass es dennoch diskutabel bleibt, ob das stalinistische System oder irgendwas sonst in der Menschheitsgeschichte wirklich in die gleiche Kategorie gehört wie NS-Deutschland und Shoa. Und ich würde auch nicht zwangsläufig darauf beharren, sofern wir uns darauf einigen können, dass auch das stalinistische System für abscheuliche, unverzeihliche Verbrechen verantwortlich ist.

Der Hauptgrund, warum ich überhaupt den oben abgebildeten Kommentar verfasste, ist eigentlich, dass ich es absurd finde, die UdSSR oder die Rote Armee als „Befreier“ zu feiern. Dies ist nicht fair gegenüber all denen, die unter dem stalinistischen System gelitten haben (bevor mich jemand der Russophobie bezichtigt: einschließlich und insbesondere gegenüber der russischen Bevölkerung). Vielleicht liegt das daran, wo ich herkomme und wie ich sozialisiert wurde, aber ich komme mit dem Gedanken nicht klar, dass hier dieselbe Armee, dasselbe System gefeiert wird, das 6 Jahre vorher gemeinsam mit NS-Deutschland Polen überfiel. Dass Stalin bzw. die Rote Armee überhaupt zu „Befreiern“ wurden, liegt nur daran, dass Hitler 1941 beschloss, den Ribbentrop-Molotow-Pakt zu brechen und die UdSSR anzugreifen; nicht an ihrem guten Willen. Ganz zu schweigen davon, dass halb Europa im Anschluss an die „Befreiung“ durch ebendiese „Befreier“ sofort wieder unterworfen wurde.

Sosehr ich es nachvollziehen kann, dass die Shoa als etwas einmalig, unbeschreiblich Abscheuliches verstanden wird und meine Äußerungen daher als anstößig interpretiert wurden – ich halte es schlicht und einfach für falsch, am Tag der Befreiung die Rote Armee in die Danksagungen mit einzubeziehen.

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10 Gedanken zu “Darf man die Sowjetunion mit dem Dritten Reich vergleichen?

  1. Unanhängig davon, ob man den Stalinismus mit dem Nationalsozialismus vergleichen kann (was ich – nebenbei bemerkt – bestreiten würde), war der Ausgangspunkt eurer Debatte ja, ob man der Sowjetunion dankbar sein sollte, für die Befreiung vom Nationalsozialismus. Und in der Tat sollten wir das (auch die Polen), denn ohne die Rote Armee würden die Öfen von Auschwitz-Birkenau vielleicht noch heute brennen – zumindest aber deutlich länger als sie es dank der Roten Armee taten. Diese historische Großtat nun zu relativieren, weil der Stalinismus ein verbrecherisches Regime war, ist unangemessen. Auch die Westalliierten haben eine grausame Kolonialgeschichte vorzuweisen und denen bin ich deswegen nicht minder dankbar, dass sie Europa von der Barbarei befreiten. Auch wenn der Sieg über den Nationalsozialismus weder stalinistischen Terror noch Kolonialverbrechen rechtfertigt.

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    • Interessanter Einwand. Allerdings überzeugt er mich nicht vollends. Zum einen basiert er zumindest zum Teil auf einer Analogie, mit der ich wiederum nicht einverstanden bin (Kolonialgeschichte vs. Stalinismus). Zum anderen kann ich mich nicht dazu durchringen, Dankbarkeit gegenüber dem Stalinismus zu akzeptieren. Das ist für mich ein Widerspruch. Last but not least finde ich deine Argumentation, um es hochtrabend auszudrücken, zu konsequentialistisch: das Ergebnis (die „Befreiung“) ist zwar begrüßenswert. Was ist aber mit der Motivation? Der Roten Armee ging es nicht darum (behaupte ich), die Juden zu retten (denen haben sie ein paar Jahre später selbst ordentlich zugesetzt); es ging a) darum, die von NS-Deutschland ausgehende Gefahr für sich selbst zu beseitigen, und b) darum, Osteuropa unter die eigene totalitäre Herrschaft zu stellen. Das relativiert deutlich den „Verdienst“ der Befreiung, wie ich finde.

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      • Wir haben uns da etwas falsch verstanden. Niemand fordert Dankbarkeit gegenüber dem Stalinismus. Aber der Roten Armee und mit ihr den Menschen in der Sowjetunion, die sich der Wehrmacht widersetzt und auf den Sieg hingearbeitet oder dafür ihr Leben gelassen haben, denen bin ich dankbar. Nicht wenige von ihnen litten unter der stalinistischen Willkürherrschaft (z.B. sowjetische Soldaten*innen, welche in deutsche Kriegsgefangenschaft gerieten oder sich ergaben, waren nach ihrer Rückkehr in die Sowjetunion Repressionen ausgesetzt, weil sie als Verräter galten).
        Zum Konsequenzialismusvorwurf: Angesichts der Shoa hätte selbst Kant eine Ausnahme gemacht. Davon aber mal ganz abgesehen. Bei deiner Aufzählung der sowjetischen Intentionen im Kampf gegen den Nationalsozialismus hast du die ideologische Komponente vergessen. Die kommunistische Ideologie verstand sich als antifaschistisch. Das zeigte sich bereits im spanischen Bürgerkrieg. Bei aller Willkürherrschaft darf man nicht vergessen, dass es eine humanistische Ideologie war, welche sie (scheinbar) legitimierte und welche viele motivierte, gegen den Nationalsozialismus zu kämpfen.
        Ein Punkt, der in deinem Nationalsozialismus-Stalinismus-Vergleich ebenfalls fehlt. Denn dort argumentierst du wiederum sehr konsequenzialistisch.

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        • Die beiden Kriterien, die ich oben angebracht habe (Motivation, nicht nur Resultat; systematische Vernichtung) sind beide kaum konsequentialistisch, sodass ich deinen diesbezüglichen Einwand nicht wirklich nachvollziehen kann.

          Ich kriege eine Trennung zwischen Soldaten der Roten Armee und dem dahinter stehenden System nicht hin (genauso wenig wie zwischen Wehrmachtsoldaten und Nationalsozialismus übrigens). Sorry.

          Der Stalinismus hatte mit Humanismus nichts zu tun. Er war eine Verunglimpfung der kommunistischen Ideologie. Außerdem: war der Ribbentrop-Molotow-Pakt dann auch Ausdruck der humanistischen, antifaschistischen kommunistischen Ideologie? Point not taken.

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          • o.k. ich muß Sie aber leider auch hier enttäuschen. Solzhenizyns Geschichten (wie z.B. Archipel GULag) basieren auf den Lügen des bekannten Nazi-Propagandaministers. Der hatte nämlich 1943 eine Broschüre veröffentlichen lassen, in der er das alles erfand. Tatsächlich gab es Arbeitslager in der Sowjetunion; und tatsächlich kamen auch Unschldige darin um. Aber wer sollte das besser beurteilen können als der Sänger und Liedermacher Dean Reed in seinem Brief an Solzhenizyn, in dem er schrieb:

            „Sie haben die Sowjetunion eine ‚zutiefst kranke Gesellschaft gebrandmarkt, die vom Haß und von Ungerechtigkeit betroffen ist‘. Sie behaupten, daß die Sowjetische Regierung ‚ohne Feinde nicht leben könnte, und die ganze Atmosphäre vom Haß, und noch einmal vom Haß durchtränkt ist, der nicht einmal vor Rassenhaß haltmacht.‘ Sie sollten das über meine Heimat sagen, aber nicht über die Ihre!“ (Quelle: „Ogonjok“ № 5 (2274), 1971 / “Literaturnaja Gazeta” № 5, 1971)

            Zum anderen ist Ihnen vielleicht auch bekannt, daß Heinrich Böll, der Solzhenizyn im Westen publik machte, aufs Engste mit der CIA verbunden war.

            Nichts für ungut! Aber das sollte man vielleicht wissen!

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