Die Leiden des jungen Wissenschaftlers

Heute wird es persönlich. Oder zumindest persönlicher als sonst. Heute möchte ich meinem Frust über das deutsche Wissenschaftssystem Ausdruck geben.

Als ich vor mehr als 8 Jahren das Studium begann, hatte ich nicht die geringste Ahnung, was ich will. Ich habe im Bachelor Slavistik studiert, nicht weil ich mir nichts Anderes vorstellen konnte (Psychologie in Jena oder Translation in Leipzig waren auch Optionen), sondern weil mir diese Option good enough erschien. Im Laufe des Bachelors vollzog ich dann eine Wende hin zur Volkswirtschaftslehre, insbesondere Umweltökonomik. Aber auch noch gegen Ende meines VWL-Master-Studiums war ich nicht sicher, was ich danach tun möchte. Dass es mich letztlich in die Forschung verschlug, war zwar kein Zufall; doch selbstverständlich und offensichtlich war die Entscheidung nicht. Das UFZ war nun mal schneller als die anderen potenziellen Arbeitgeber.

Seit ich jedoch promoviere, weiß ich endlich mit (fast – dazu gleich) 100%iger Sicherheit, was ich in Zukunft tun möchte. Ich fühle mich als Wissenschaftler extrem wohl; das geht so weit, dass ich mir sehr schwer vorstellen kann, irgendwas Anderes zu tun. Auch wenn ich weiß, dass man als Doktorand noch eine relativ entspannte Zeit hat (man muss keine Projektberichte schreiben, Drittmittel anwerben etc.), so zweifle ich kaum daran, dass mir auch künftig die Arbeit in der Wissenschaft Spaß machen würde. Dies hat mit vielen Faktoren zu tun: (relative) Freiheit bei der Wahl dessen, womit man sich beschäftigt; die damit einhergehende thematische Abwechslung; ständige intellektuelle Herausforderung; ggf. die Möglichkeit, in der Lehre sein Wissen weiterzugeben; gute Bezahlung. Hin und wieder hat man sogar das Gefühl, etwas Gutes für die Gesellschaft zu leisten.

Doch all das hat eine Kehrseite, die in Deutschland relativ stark ausgeprägt ist. Ihr Name: Unsicherheit. Meine Doktorarbeit ist bald fertig, mein Vertrag läuft in einem halben Jahr aus. Aufgrund der relativ schlechten finanziellen Situation meines Arbeitgebers (nichts Untypisches, wie übrigens alles, was ich hier beschreibe) habe ich erstmal keine Chance auf eine Haushaltsstelle. Haushaltsstellen sind begehrt, weil sie vergleichsweise ein Gefühl der Stabilität verleihen. Die Alternative, Drittmittelprojekte, kann attraktiv sein, ist aber viel arbeitsaufwendiger. Auch kommt es oft vor, dass Drittmittelprojekte relativ kurze Laufzeiten haben (1-2 Jahre), wohingegen Haushaltsstellen etwas länger laufen. Allerdings ist dies keine in Stein gemeißelte Regel, es gibt auch langfristige Projekte (Glückspilz, wer in einem solchen gelandet ist). Der Hauptvorteil von Haushaltsstellen ist die größere Flexibilität in der Gestaltung der eigenen Arbeit und in der Regel eine höhere Planungssicherheit.

Doch auch Haushaltsstellen sind mitnichten unbefristet. So etwas gibt es in Deutschland im Bereich der Wissenschaft kaum noch. Unbefristete Veträge haben fast ausschließlich Professoren und andere gestandene Wissenschaftler (aber von Letzteren auch nicht alle). Um einen unbefristeten Vertrag bekommen zu können, muss man in der Regel mind. 10-20 Jahre Erfahrung haben, bevorzugt an verschiedenen Institutionen. Und auch dann kann es sein, dass man keine Entfristung bekommt.

An vielen Institutionen wird von einem erwartet, dass man nach der Promotion erstmal woanders hingeht, ein paar Jahre als Post-Doc seine Position festigt, um dann ggf. an einer dritten (oder vierten, fünften…) Institution etwas Gefestigteres zu bekommen. Und selbst wenn diese Erwartung nicht so ausgeprägt ist – wie bspw. am Department Ökonomie des UFZ glücklicherweise der Fall -, kann es schwierig sein, länger an einem Ort zu bleiben. Manche schaffen dies über Drittmittelprojekte, was allerdings sehr aufreibend ist, weil man immer wieder Anträge schreiben muss, von denen nur ein Teil durchkommt – man weiß nie wirklich, wo man mittel- bis langfristig steht. Und mit Haushaltsstellen kann man Glück haben, dass zum passenden Zeitpunkt eine frei wird – oft aber hat man keins. Wenn man nicht aus der Wissenschaft herausfallen möchte, muss man gerade am Anfang der Karriere oft mit einem Nomadendasein klarkommen.

Nun ist das für manche Menschen kein Problem. Nach meiner Erfahrung gehören diese aber zu einer Minderheit. Die meisten von uns – auch die Spezies der Wissenschaftler – sehnen sich nach Stabilität, nach Familie. Dummerweise tätigt man wichtige „Investitionen“ im letzteren Bereich in der Regel etwa in der Zeit, in der einem gemäß dem heutigen Wissenschaftssystem eigentlich nicht die nötige Stabilität der Beschäftigungsverhältnisse zugestanden wird.

Zurück zu mir. In einem gewissen Sinn habe ich einen Vorteil gegenüber vielen meiner Kollegen: ich habe sehr früh Kinder bekommen, sodass ich als vergleichsweise flexibel betrachtet werden kann. Die Betonung liegt auf „vergleichsweise“. Denn auch für mich ist Umziehen in einem 2-3-Jahre-Rhythmus nicht wirklich eine Option, genauso wenig wie doppelte Haushaltsführung. Ich bin räumlich weitgehend gebunden. Doch wie bereits oben angeführt, beißt sich das mit einigen Charakteristiken meines Traumjobs.

Nun stehe ich da. Einerseits würde ich ungeheuer gern in der Wissenschaft bleiben – ich empfinde diese Arbeit als sehr erfüllend und glaube auch, dass ich darin gut bin. Doch andererseits bin ich weder fähig noch willens, mich dem Nomadentum zu verschreiben. Noch habe ich Hoffnung, dass sich innerhalb des kommenden halben Jahres irgendwas ergibt (ich habe das Glück, dass sich in meiner räumlichen Nähe außer dem UFZ einige potenzielle Arbeitgeber befinden, wie die Unis in Halle und Leipzig, das Umweltbundesamt oder das hallesche IAMO). Aber je näher das Ende meines Vertrags heranrückt, desto häufiger frage ich mich, ob mein Traumjob die mit ihm verbundene Unsicherheit wirklich wert ist.

Und dies ist nicht nur mein persönliches Problem. Denn das so gestrickte Wissenschaftssystem unterminiert sich selbst. Da die Unsicherheit in den letzten Jahren eher zugenommen zu haben scheint, werden potenzielle Wissenschaftler verschreckt. Ein Selektionskriterium gewinnt zunehmend an Bedeutung, das mit Wissenschaft eigentlich nichts zu tun hat: es geht immer weniger darum, wie gut man ist, welche Qualität die eigene Forschungsarbeit hat; sondern zunehmend darum, wie gut man mit Unsicherheit zurecht kommt, wie flexibel man ist bezogen auf Raum und Zeit. Menschen, die eigentlich gute Wissenschaftler sein könnten, die aber bspw. auch ein stabiles Familienleben wünschen, werden von diesem System abgeschreckt und landen entweder direkt oder nach einer kurzen „Wissenschaftsepisode“ (meist Promotion) anderswo.

Daran ändern nichts die Versuche vieler Forschungseinrichtungen, „familienfreundlich“ zu sein. Ja, das UFZ und viele andere Institutionen bieten durchaus flexible Arbeitszeiten, mitunter betriebsnahe Kinderbetreuungseinrichtungen, Teilzeitstellen etc. Und das hilft. Aber es reicht eben nicht. Was bringt mir all das, wenn ich in 2-3 Jahren woanders hinziehen muss? Und nach weiteren 2-3 Jahren wiederum noch woanders? Da stellt sich wirklich die Frage: ist die Wissenschaft das wert?

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