„You cannot manage what you cannot measure“?

„You cannot manage what you cannot measure“. Der Autor dieser Worte heißt Pavan Sukhdev, ist ehemaliger Manager der Deutschen Bank und derzeit Koordinator und Sprecher der TEEB-Initiative. TEEB steht für The Economics of Ecosystem and Biodiversity und ist ein recht umstrittenes internationales Projekt. Für manche ist es der Versuch zu zeigen, wie ökonomische Bewertung der Natur sinnvollerweise funktionieren kann. Für andere ist es die Quelle alles Bösen bzw. Terrible Economics, Ecosystems and Banking. Und die Behauptung, Naturschutz käme ohne Quantifizierung nicht aus, stößt vielen Naturschützern besonders sauer auf. Man reduziere die Natur auf zählbare, klar voneinander abgrenzende Einheiten, womit ihre inhärente Komplexität verkannt werde. Zudem sei die Quantifizierung der erste Schritt in der vermeintlich logisch zwingenden Kette Quantifizierung → Monetarisierung → Kommodifizierung → Privatisierung → Zerstörung.

Über die „logisch zwingende Kette“ habe ich mich hier bereits mehrmals ausgelassen, werde die Argumente also nicht noch einmal wiederholen. Das Argument, dass Quantifizierung der Komplexität der Natur nicht wirklich gerecht wird, hat schon eher Gewicht. Ökosysteme bestehen nicht aus einzelnen, voneinander isolierten Ökosystemdienstleistungen, sondern sind höchst interdependente Systeme, in denen, bildlich gesprochen, „alles mit allem zusammenhängt“. Doch bedeutet das, dass Quantifizierungsversuche zu unterlassen wären? Das bezweifle ich stark.

Zum einen ist der Angriff auf die Ökosystemdienstleistungsforschung (großartiges Wort!), sie betrachte die Natur atomistisch, als eine Sammlung voneinander isolierter Dienstleistungen, verfehlt. Gerade in der Ökologie gibt es eine große Zahl von Publikationen und Forschungsprojekten, die sich mit Ökosystemdienstleistungs-Bündeln bzw. generell mit den Interaktionen zwischen verschiedenen Ökosystemdienstleistungen befassen (ich bin selbst an einem Überblicksartikel zu diesem Thema beteiligt). Weder die Ökologen noch die Umweltökonomen sind dumm (zumindest nicht alle). Sie arbeiten aber, zwangsläufig, mit Modellen. Ökosystemdienstleistungen sind ein Modell, das, wie jedes andere auch, die Realität vereinfacht abbildet. Und wie jedes andere Modell auch wird es, historisch betrachtet, zunächst in einer recht einfachen, stark simplifizierenden Form verwendet. Erst mit der Zeit kommen Verfeinerungen, die helfen, der Realität näher zu kommen und sie somit besser zu verstehen.

Doch es gibt noch ein gewichtigeres Argument für Pavan Sukhdevs These, und dieses besteht in der „klassischen“ Frage nach einer Alternative. Es dürfte klar sein, dass wir nicht einfach alle Ökosysteme „in Ruhe lassen“ können. Das Ziel ist nicht, sie gar nicht zu nutzen, sondern es nachhaltig zu tun. Doch die Nutzung von Ökosystemen (und sonstigen Ressourcen) ist inhärent mit Zielkonflikten verbunden. Bei der nachhaltigen Nutzung, zumindest nach dem land-sharing-Paradigma, sind dies zwar selten entweder-oder-Konflikte, sondern eher graduelle Abwägungen: bspw., wie viel Beweidung kann ich zulassen, ohne dass meine Aue aufhört, eine Aue zu sein? Welche landwirtschaftlichen Erträge sind ohne Monokultur (d. h. radikale Reduzierung der Artenvielfalt) erreichbar? Etc. Doch auch zwischen solchen Zielkonflikten muss man abwägen. Und wie soll man abwägen, wenn man nicht weiß, welche Quantitäten involviert sind?

Muss die Quantifizierung zwangsläufig monetär sein? Selbstverständlich nicht! Und oft genug ist sie es auch nicht. Doch monetäre Betrachtungen haben einen wichtigen Vorteil: sie bringen die abzuwägenden Größen auf einen Nenner. Ein Individuum kann zwar zwischen 10 t CO2-Speicherung und einer zusätzlichen Amphibienart abwägen – wären wir dazu nicht fähig, könnte ökonomische Bewertung nicht funktionieren. Und, viel schlimmer, wir wären nicht handlungsfähig. Problematischer wird es, wenn Kollektive abwägen müssen. Man kann natürlich alle Beteiligten über die abzuwägenden Alternativen informieren und abstimmen lassen. Dies hat jedoch zwei Nachteile: erstens, derartige Abstimmungen sind in ihrer Natur binär (ja/nein, Grauschattierungen gibt es nicht) und spätestens wenn mehr als 2 Alternativen zur Verfügung stehen, für Paradoxen anfällig. Zweitens, ökonomische Bewertungen sind in der Regel einfacher durchzuführen, als wenn wir über jede Landnutzungsänderung abstimmen ließen, weil man die Ergebnisse einer Bewertungsstudie auf ähnliche Fälle übertragen kann. Natürlich ist die Generalisierbarkeit dieser Ergebnisse begrenzt. Daher ist ökonomische Bewertung immer mit Vorsicht zu genießen und liefert nur grobe Orientierung. Unterm Strich kann ihre Anwendung jedoch vorteilhaft sein.

Ein letztes Argument lässt sich gegen die Quantifizierungsidee noch ins Feld führen: nicht-quantifizierbare Aspekte fallen untern Tisch. Ein typisches Beispiel ist Ästhetik. Diese lässt sich zwar bedingt mit quantifizierbaren Landschaftscharakteristika verknüpfen, dies ist aber ein sehr begrenzt nützliches Unterfangen. Und es gibt Sachen, die sich noch schwerer quantifizieren lassen als die Schönheit einer Landschaft. Was tun? Da kommt man nicht umhin, die Grenzen der Quantifizierungsansätze anzuerkennen und immer daran zu denken, dass das, was quantifizierbar ist, nicht alleinige Grundlage für Entscheidungen sein muss. Die Gefahr besteht allerdings, dass Nicht-Quantifizierbares untern Tisch fällt – was auch oft genug passiert. Das ist ein Problem, dass es zu bekämpfen/vermeiden gilt. Doch ist die Ablehnung jeglicher Quantifizierung die Lösung? Ich denke, nein. Denn letzten Endes hat Pavan Sukhdev recht: was nicht zumindest grob gemessen werden kann, kann kaum gemanaged werden. Bloß darf man daraus nicht den Schluss ziehen, dass das, was nicht gemessen werden kann, bei Managemententscheidungen keine Rolle spielen könnte.

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