Links reden, rechts handeln und soziale Dilemmata

Ich war kürzlich recht überrascht, als ich einen kurzen Text des Ökonomen Robert Shiller zur Flüchtlingskrise las, ohne mich aufregen zu müssen. Nun habe ich bei den Krautreportern einen epistolären Austausch zwischen dem Soziologen Armin Nassehi und dem Vertreter der Neuen Rechten Götz Kubitschek gelesen. Eine interessante Lektüre, obgleich ich wohl nie werde verstehen können, wie man darauf kommen kann, dass „Die Gruppenexistenz des „Wir“ im nationalen und damit auch ethnisch gebundenen Sinn […] unhintergehbar“ sei (Kubitschek). Aber dazu vielleicht ein andermal (bis dahin verweise ich auf das Buch Identity and Violence von Amartya Sen). Etwas Anderes fiel mir auf, es war ein Punkt, bei dem sich die Herren ausnahmsweise einig waren. Und der mich an ein altes ökonomisches Konzept erinnerte, das eine andere Interpretation des betreffenden Problems erlaubt.

Das Problem, bezüglich dessen Existenz sich die Herren Nassehi und Kubitschek einig waren, war die Diskrepanz zwischen „links reden“ und „rechts handeln“:

Linksintellektuelle leben so lange in einem multikulturell spannenden Stadtteil und beschimpfen jeden, der sich – obwohl alt eingesessen – dort nicht mehr wohlfühlt, bis sie selbst vor der Wahl stehen, ob sie ihr Kind in Neukölln oder doch lieber in einem braveren Viertel zur Schule schicken möchten. Ich sprach über dieses Thema einmal lange mit einem Redakteur des Magazins Neon, er wollte eigentlich eine Reportage über uns und Schnellroda machen. Er war gerade Vater geworden und gab sofort zu, dass er wohl wegziehen würde aus Kreuzberg, sobald sein Kind schulreif sei. Auf meinen Hinweis, dass diese Bewegungsfreiheit, diese Fluchtmöglichkeit nicht jeder habe, der in Kreuzberg leben müsse, zuckte er mit den Schultern und äußerte, dass dies für ihn kein Argument gegen das immens interessante Experiment einer multikulturellen Gesellschaft sei.

Kubitschek und die Neue Rechte ziehen daraus die Konsequenz, dass die Gesellschaft im Grunde durchgehend konservativ ist (Konservatismus als conditio humana), also sollte man aufhören, so zu tun, als ob dies nicht der Fall wäre und sich zum Konservatismus (einschließlich Nationalismus, Xenophobie etc.) zu bekennen. Doch so einfach ist es nicht.

Denn die Tatsache, dass die Linksintellektuellen ihre Kinder nicht auf Gesamtschulen in „Problembezirken“ schicken möchten, ist nicht zwangsläufig ihrem unterbewussten Konservatismus geschuldet. Diese Erklärung lässt sich zwar nicht vollständig von der Hand weisen, doch gibt es noch mindestens eine weitere. Wir haben es hier nämlich mit einem sozialen Dilemma zu tun.

Ich, der stilisierte Linksintellektuelle, mag mir aufrichtig wünschen, dass die Gesellschaft „vermischt“ wird und dass meine Kinder in einem multikulturellen Umfeld aufwachsen (damit sind übrigens nicht nur Migranten gemeint, sondern generell Menschen aus anderen sozialen Milieus). Doch ich weiß, dass die meisten Menschen leider dazu tendieren, ihre Kinder in „sozial homogene“ Schulen zu schicken, aus welchen Gründen auch immer. Und das bedeutet, dass meine Kinder, wenn ich sie trotzdem konsequenterweise auf eine Schule in Neukölln (um Kubitscheks Beispiel zu nutzen) schicke, sich plötzlich in einer kleinen Minderheit wiederfinden. Und das kann gerade bei Kindern und Jugendlichen oft schlecht ausgehen. Was tue ich also? Ich schicke meine Kinder sicherheitshalber auf eine Eliteschule und hoffe, dass die „Multikulturalität“ ohne meine aktive Beteiligung herbeigeführt wird. Was man mir auch nicht wirklich verübeln kann: schließlich mache ich mir bloß Sorgen um das Wohl meiner Kinder.

Warum ist dies ein soziales Dilemma? Weil ich meine Kinder auf die Eliteschule schicken werde, selbst wenn viele andere Eltern ähnlich denken wie ich. Würden wir unsere Kinder alle auf die „Neukölln-Schule“ schicken, wären wir unseren Idealen treu, ohne unsere Kinder unnötigen Gefahren auszusetzen. Doch leider koordinieren wir unsere diesbezüglichen Entscheidungen nicht. Keiner möchte, dass seine Kinder „die Dummen“ sind, die aufgrund ihres „Minderheitenstatus“ ggf. Probleme bekommen, weil andere Eltern sich doch für die Eliteschule entschieden haben. Und so wird das, was man befürchtet, zu einer self-fulfilling prophecy: Schulen werden immer homogener, sodass unkoordinierte Heterogenisierung zunehmend ein Ding der Unmöglichkeit wird. So entstehen übrigens Ghettos. Sich selbst überlassen, bleiben sie es auch.

Wie löst man dieses soziale Dilemma? Diese Frage vermag ich spontan nicht zu beantworten, zumal ich kein Bildungsexperte bin. Eine Koordination der Handlungen beteiligter Eltern wäre nötig, doch weiß ich nicht, wie diese genau aussehen sollte. Doch es sollte klar sein, dass die Interpretation des „links reden, rechts handeln“-Problems, die die Herren Kubitschek und Nassehi vorgenommen haben, nicht die einzig mögliche ist. Und falls meine Interpretation richtig ist, nimmt dies der Neuen Rechten auf jeden Fall Wind aus den Segeln. Womit ich durchaus zufrieden wäre.

Werbeanzeigen

2 Gedanken zu “Links reden, rechts handeln und soziale Dilemmata

  1. „Und das bedeutet, dass meine Kinder, wenn ich sie trotzdem konsequenterweise auf eine Schule in Neukölln (um Kubitscheks Beispiel zu nutzen) schicke, sich plötzlich in einer kleinen Minderheit wiederfinden. Und das kann gerade bei Kindern und Jugendlichen oft schlecht ausgehen. “

    Haben Sie schon mal daran gedacht, dass diese Minderheitsposition in naher Zukunft landesweit oder gar global (auf Weiße bezogen) entstehen könnte, wenn man allein die Geburtenraten miteinander vergleicht?
    Und dass auch die Kinder armer Eltern nicht in einer Minderheitsposition in der Schule oder ihrem Viertel auharren müssten, wenn man den ganzen Migrations- und No Borderschwachsinn gar nicht erst angefangen hätte?

    “ Ich schicke meine Kinder sicherheitshalber auf eine Eliteschule und hoffe, dass die „Multikulturalität“ ohne meine aktive Beteiligung herbeigeführt wird.“

    Während Sie andere Eltern, die nicht die Mittel für eine Eliteschule oder lange Anfahrtswege als abgehängte besorgte Bürger beschimpfen, die Menschen nicht mit Vorurteilen begegnen sollen, richtig?

    Wenn eine Minderheitsposition schlecht ist, dann ist Multikulti schlecht.
    Rechte sind einfach nur ehrlich genug, das realistisch zu sehen. Linke nicht.

    Liken

    • Ich denke nicht, dass „weiß“ vs. „nicht-weiß“ hier eine relevante Kategorie ist. Mir ging es um Unterschiede zwischen sozialen Milieus. Und die Seggregation nach sozialen Milieus ist erstmal weitgehend unabhängig von Zuwanderung und findet auch ohne diese statt. Es gibt weiße und nicht-weiße linksliberale Intellektuelle, genauso wie es weiße und nicht-weiße konservative Arbeiter*innen gibt, sowie alle möglichen Kombinationen und Grauschattierungen.
      An welcher Stelle beschimpfe ich irgend jemanden? Nur weil ich hier die Perspektive eines „linksliberalen Intellektuellen“ einnehme, heißt nicht, dass ich Ihrem Bild eines solchen entspreche.
      Eine Minderheitsposition ist nicht per se schlecht. Es kommt darauf an, wie die Mehrheit mit der Minderheit umgeht, was die Minderheit von der Mehrheit unterscheidet und welche Regeln (formell und informell) ihren Umgang miteinander bestimmen. Dies wiederum hängt stark von der relativen Homogenität der betreffenden Gruppe ab (d. h. ob die Mehrheit sehr viel größer ist als die Minderheit(en)). Durchmischung hilft tendenziell, auch wenn dies natürlich kein Selbstläufer ist.
      Daher: nein, die Rechte ist nicht ehrlich oder realistisch. Sie verkürzt und vereinfacht. Abgesehen davon, dass Abschottung mittel- bis längerfristig aus praktischen Gründen kaum umsetzbar sein dürfte. Sie zu fordern ist unrealistisch.

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.