Die Ambivalenz des vermeintlich „natürlichen“

Als ich mich hier vor einer Weile über die Verwendung des Begriffs „natürlich“ im Naturschutzkontext ausgelassen habe, wies mich ein guter Freund darauf hin, dass ebendieser Begriff im Kontext politischer Debatten auch als „Herrschaftsinstrument“ verstanden werden kann. Es ging ihm um die Darstellung von „Heterosexualität, Geschlechterrollen oder andere[n] Verhaltensarten wie Egoismus“ als der Natur des Menschen entsprechend, und er fügte korrekt hinzu: „[d]er Naturbegriff wird hier also zu einer Legitimation von Herrschaftsverhältnissen. Der Status quo ist die Norm, man kennt die Welt auch nicht anders, deswegen sind jegliche Abweichungen Anomalien.“ Warum ich das so ausführlich zitiere? Weil ich von ebendiesem Freund ein Buch zum Geburtstag bekommen hatte, das mich kürzlich an diese Betrachtung des Begriffs „natürlich“ auf eine unerwartete Art und Weise erinnerte. Die folgende Diskussion verbindet gewissermaßen einige „non-ökonomische“ Motive meiner hiesigen Schreiberei.

Das erwähnte Buch ist Erich Fromms Anatomie der menschlichen Destruktivität – ein recht langatmiges, weil sehr detailreiches, aber gleichwohl sehr anregendes Buch über die „Natur des Menschen“. Fromm versucht in ihm, unter Rückgriff auf viele empirische Erkenntnisse aus Anthropologie, Verhaltensbiologie, Sozialpsychologie und Psychoanalyse, zu erklären, warum die menschliche Geschichte voller Grausamkeiten ist. Auch wenn ich der Analyse und den Interpretationen des Autors nicht immer zustimme, ist es doch ein sehr wertvolles und tiefgründiges Buch. Doch damit wir mit Vorreden nicht allzu viel Zeit verschwenden, möchte ich nun gleich die Stelle zitieren, die mich an unsere Diskussion über „natürlich“ als Herrschaftsinstrument erinnerte (alle Hervorhebungen im Original):

Die Biophilie ist die leidenschaftliche Liebe zum Leben und allem Lebendigen; sie ist der Wunsch, das Wachstum zu fördern, ob es sich nun um einen Menschen, eine Pflanze, eine Idee oder eine soziale Gruppe handelt. Der biophile Mensch baut lieber etwas Neues auf, als daß er das Alte bewahrt. Er will mehr sein, statt mehr zu haben. Er besitzt die Fähigkeit, sich zu wundern, und er erlebt lieber etwas Neues, als daß er das Alte bestätigt findet. Das Abenteuer zu leben ist ihm lieber als Sicherheit. Er hat mehr das Ganze im Auge als nur die Teile, mehr Strukturen als Summierungen. Er möchte formen und durch Liebe, Vernunft und Beispiel seinen Einfluß geltend machen – nicht durch Gewalt und dadurch, daß er die Dinge auseinanderreißt, nicht dadurch, daß er auf bürokratische Weise die Menschen behandelt, als ob es sich um tote Gegenstände handelte. Da er Freude am Leben und allen seinen Manifestationen hat, ist er kein leidenschaftlicher Konsument von frisch verpackten «Sensationen».

Die biophile Ethik besitzt ihr eigenes Prinzip des Guten und Bösen. Gut ist alles, was dem Leben dient; böse alles, was dem Tod dient. Gut ist die Ehrfurcht vor dem Leben, alles, was dem Leben, dem Wachstum, der Entfaltung förderlich ist. Böse ist alles, was das Leben erstickt, einengt und alles, was zerstückelt. […] Jedoch ist die Biophilie als ein biologisch normaler Impuls zu verstehen, während die Nekrophilie als psychopathologisches Phänomen anzusehen ist.

Der Gegensatz zwischen Biophilie und Nekrophilie ist zentral für Fromms Theorie. Das obige Zitat gibt diese Theorie in a nutshell wieder. Ich möchte mich an dieser Stelle nicht damit befassen, ob die für Fromm so wichtige Unterscheidung richtig, relevant etc. ist oder ob sie seinem Ziel, die menschliche Destruktivität zu erklären, zuträglich ist. Stattdessen möchte ich auf einige Besonderheiten des Zitats hinweisen.

Obgleich Fromm den Begriff „natürlich“ nicht verwendet, so ist „biologisch normal“ ein fast perfektes Synonym. Biophilie ist also laut ihm natürlich, Nekrophilie, ihr Gegenteil, folgerichtig eine Psychopathologie. Bereits diese Feststellung halte ich für zumindest fragwürdig – obwohl auch Fromm betont, dass Menschen kaum „reine Biophile“ oder „reine Nekrophile“ seien (was in etwa meinen Ansichten entspricht), stellt er dennoch die Biophilie klar als das „biologisch normale“ dar, ohne dies, aus meiner Sicht zumindest, ausreichend zu begründen (trotz 500 kleingedruckter Seiten).

Doch das ist erst der Anfang. Während die von Magnus angesprochenen Verwendungen des Begriffs „natürlich“ meist nur impliziten normativen Charakter haben, macht Fromm ihn in der kurzen Bemerkung zur „biophilen Ethik“ explizit deutlich – Biophilie ist nicht nur natürlich, sondern auch gut. Dieses angesichts der ausbleibenden Begründung als naturalistischer Fehlschluss zu interpretierende Äquivalenzpostulat muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen. Am besten in Verbindung mit der vorangehenden Beschreibung des biophilen Menschen, denn auch die ihm implizierten Eigenschaften sind recht weit hergeholte Interpretationen des von Fromm selbst gelieferten empirischen Datenmaterials. Wenn man gut hinsieht, bemerkt man, dass der biophile Mensch dem Ideal der meisten progressiven Linken entsprechen dürfte (ich weiß, dass ich die Unterscheidung in „links“ und „rechts“ selbst kritisiert habe – an dieser Stelle erscheint sie mir jedoch zu illustrativen Zwecken nützlich, weil es nicht auf die Schärfe dieser Begriffe ankommt):

  • Der biophile Mensch ist seiner natürlichen Umwelt zugeneigt;
  • er ist nicht konservativ, sondern offen für Veränderungen (ob das wirklich als positive Beschreibung der Mehrheit von Menschen gelten kann, ist sehr zweifelhaft);
  • er ist nicht materialistisch, sondern fokussiert auf innere Werte;
  • er ist altruistisch, empathisch und keineswegs herrschaftssüchtig;
  • ganz im Sinne Immanuel Kants behandelt er die Menschen nie ausschließlich als Mittel zu einem Zweck;
  • er betrachtet die Welt auf holistische Weise, im Gegenteil bspw. zu dem Großteil moderner Wissenschaften (ein wichtiger Aspekt der Fromm’schen Definition von Nekrophilie ist das Hingezogensein zu Technik).

Wäre diese Beschreibung rein normativ, als moralische Forderung zu verstehen, hätte ich mit ihr kaum ein Problem. Fromm betont Werte, die auch mir sehr wichtig sind. Doch in seiner Argumentation verschwimmt die Grenze zwischen positiver Analyse („so sind Menschen“ bzw. „das ist natürlich“) und normativer Forderung („so sollten sie sein“ bzw. „das sollten wir anstreben“). Auch Fromm versucht, womöglich unbewusst, die Beschreibung des vermeintlich „natürlichen“ bzw. „biologisch normalen“ als gesellschaftspolitisches Herrschaftsinstrument zu missbrauchen. Und dieses Vorgehen ist genauso verwerflich, wie die Versuche vieler Konservativer, Homosexualität oder die Gleichstellung der Geschlechter als „natürlich“ abzustempeln. Das eine ist ein (stilisiert) „rechter“ naturalistischer Fehlschluss, das andere ein „linker“.

Normative Argumentationen können nicht losgelöst sein von empirischen Beobachtungen. Sie sind oft in Bezug auf diese kontingent: bspw. ist es für die pathozentrische Sichtweise höchst relevant, welche Tiere als leidfähig anzusehen sind. Leidfähigkeit ist letzten Endes eine empirische Eigenschaft (obgleich ungeheuer schwer zu definieren, geschweige denn messen), sie ist aber die Grundlage einer normativen Grenzziehung. Was Fromm und die von Magnus kritisierten Konservativen (bitte um Verzeihung wegen eines abermals verwendeten unscharfen Sammelbegriffs) jedoch tun, ist ein klarer Missbrauch (vermeintlicher) empirischer Feststellungen, aus denen direkt normative Unterscheidungen abgeleitet werden. Dies ist ethisch unzulässig. Und liefert meinem Plädoyer gegen die Verwendung des Begriffs „natürlich“ ein weiteres Argument.

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2 Gedanken zu “Die Ambivalenz des vermeintlich „natürlichen“

  1. Nunja. Schwierig. Leider erinnere ich mich so detailliert nicht mehr an den Inhalt des Buches. Kannst du die Seitenzahlen der Textstellen angeben? Anhand deines Zitates ist es schwer zu beurteilen, ob Fromm seine biophile Ethik auf dem natürlichen Impuls der Biophilie begründet oder er nur anmerkt, dass seiner Konzeption der menschlichen Natur diese Einteilung in „biologisch normal“ und „psychopathologisch“ folgt. Dennoch liegt der naturalistische Fehlschluss an dieser Stelle nahe und das erscheint auch mir ein Schwachstelle Fromms. Der Wert des Buches resultiert für mich – unabhängig von der biophilen Ethik – aus der recht fundierten Analyse, welche zweigt, dass der Mensch prinzipiell zu allem fähig und veranlagt ist.
    Ist aber Fromms biophile Ethik – mit oder ohne naturalistischen Fehlschluss – eine Herrschaftslegitimation? Angesichts dessen, dass es nicht die herrschende Moralauffassung ist, würde ich das verneinen. Seine Verwendung des Begriffes „psychopathologisch“ erinnert mich jedoch an Foucaults Untersuchungen zur Psychatrie und seiner Analyse, dass die Einteilung zwischen Vernunft und Wahnsinn auch nur Machtverhältnisse (vor allem im Diskurs) widerspiegeln oder legitimieren. Nun stellt sich mir die Frage: Geht nicht jede Ethik von einer menschlichen Natur, einem bestimmten Menschenbild aus? Gibt es eine ernstzunehmende Ethik, welche nicht dem Menschen als letzten Zweck zu dienen behauptet? Ist Ethik nicht generell auch eine Herrschaftslegitimation oder gar Herrschaft? Und wenn nicht Herrschaft von außen, dann doch zumindest eine Selbstherrschaft?

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    • Seiten 411-412 in der Rowohlt-Ausgabe von 2013 (24. Auflage).

      Der Wert des Buches resultiert für mich – unabhängig von der biophilen Ethik – aus der recht fundierten Analyse, welche zweigt, dass der Mensch prinzipiell zu allem fähig und veranlagt ist.

      Ich bin von der Fundiertheit der Analyse nicht immer überzeugt… Ich habe öfters den Eindruck, dass er empirische Befunde (leicht) im Sinne seiner Theorie überinterpretiert. Obwohl das eher ein vages Gefühl ist, als etwas, woran ich ihn festnageln könnte.

      Ist aber Fromms biophile Ethik – mit oder ohne naturalistischen Fehlschluss – eine Herrschaftslegitimation?

      Kommt darauf an, wie man Herrschaftslegitimation definiert. Natürlich verteidigt er damit nicht den politischen Status quo. Doch gerade die Tatsache, dass er die Biophilie als etwas biologisch normales bezeichnet, impliziert „Wir sind die Guten.“, wobei er diese Behauptung aber nicht ausschließlich auf einer normativen Basis stützt, sondern ihr einen Anschein des Objektiven, Faktischen gibt. Und das ist es, was ich problematisch finde.

      Geht nicht jede Ethik von einer menschlichen Natur, einem bestimmten Menschenbild aus?

      Bis zu einem bestimmten Grad, wahrscheinlich ja. Vermutlich ist dies eher eine Frage der Proportionen – soweit ich bspw. Kants Ethik kenne, basiert sie zwar auf der Annahme, der Mensch seit von Natur wegen vernunftbegabt, alles Andere ist aber mehr oder weniger rein normativ. Bei der biophilen Ethik ist die Abhängigkeit von einem recht konkreten Bild der menschlichen Natur deutlich stärker, scheint es mir.

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