Die Illusion der Befreiung von der Natur

Mein Arbeitgeber organisiert hin und wieder medienwirksame öffentliche Vorlesungen, genannt Helmholtz Environmental Lecture (HEL), zu denen bevorzugt prominente Redner aus dem Bereich Forschung und „Drumherum“ eingeladen werden. Kürzlich hatten wir das Vergnügen, uns einen Vortrag aus dem Bereich „Drumherum“ anzuhören – Matthias Horx war zu Gast, ein Publizist und Zukunftsforscher. Der Vortrag war eher mäßig und von ungesundem Technologie-Optimismus geprägt (relativ früh kam bei mir die Frage auf, wie lange es wohl dauern würde, bis das Ecomodernist Manifesto erwähnt wird – es hat eine Weile gedauert, aber meine Erwartung wurde nicht enttäuscht). Über diesen Technologie-Optimismus möchte ich heute schreiben – um genauer zu sein, möchte ich die implizite Hypothese anzweifeln, dass die Befreiung von den Zwängen der Natur durch Technologie eine tatsächliche Befreiung ist.

Wenn ich das Narrativ Horx’ und anderer Ökomodernisten grob nacherzählen sollte, würde dies etwa so aussehen: früher, d. h. bis etwa zur Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert, waren wir Menschen trostlos abhängig von der Natur. Das Wohl der Gesellschaft hing entscheidend von den landwirtschaftlichen Ernten und generell von den Leistungen verschiedenster, vorwiegend lokaler Ökosysteme ab. Seit der Industriellen Revolution fingen wir an, uns von der Natur (scheinbar) zu befreien, indem wir ihre Leistungen mit Maschinen, fossilen Brennstoffen, später Chemikalien und sonstigen Technologien ersetzten oder verbesserten. Doch leider waren und sind wir damit bisher recht unbeholfen, wodurch wir die Umwelt zerstören, von der wir weiterhin, wenn auch in geringerem Maße, abhängig sind. Wie sollen wir das Problem lösen – die Abhängigkeit von der Natur minimieren, ohne sie gleichzeitig zu zerstören? Die Antwort von Horx & Co. ist recht einfach: wir müssen Technologien einfach vernünftig einsetzen. Wir brauchen, mit anderen Worten, Effizienz im Umgang mit natürlichen Ressourcen (keine Verschwendung) sowie „konsistente“ Produktionsprozesse, d. h. solche, die möglichst keinen Müll generieren – im Idealfall soll alles entweder re-/upcyclebar oder zumindest biodegradierbar sein (Stichwort cradle-to-cradle). Die Menschen sollten in Städten leben, die Wirtschaft nach den Prinzipien der Bioökonomie/Kreislaufwirtschaft organisiert werden. Wenn wir das alles erreicht haben, haben wir uns endlich von der Abhängigkeit von der Natur befreit – vom „Knappheitsdenken“, wie Horx es nennt. Adieu Malthus und Konsorten, willkommen in der schönen neuen Welt des „Füllhorns“! Julian Simon wäre stolz.

Das problematische an dieser Vision ist, dass sie auf der Annahme der Aufhebung von Abhängigkeit menschlicher Gesellschaften (von der Natur) basiert – und dabei übersieht, dass es sich hierbei im besten Falle um eine Abhängigkeitsverlagerung handelt.

Es ist wahr, dass moderne Gesellschaften in die Lage gekommen sind, mittels technologischer und institutioneller Innovationen bestimmte von der Natur auferlegte Grenzen zu überschreiten bzw. eher – auszudehnen. Man denke nur an den globalen Handel in Rohstoffen oder Lebensmitteln, an moderne landwirtschaftliche Techniken (z. B. Gewächshäuser), Energieerzeugungs-, Mobilitäts- oder Kommunikationstechnologien. Doch sind, wie bereits erwähnt, viele dieser „Befreiungsschläge“ zweischneidige Schwerter, weil ihr großskaliges Betreiben zu Umweltzerstörung führt(e), die uns wiederum in eine neue Abhängigkeit von ebender Natur stürzt, derer überlegen wir uns wähnten. Wenn wir bspw. den Klimawandel nicht aufhalten können, dürften wir unsere Abhängigkeit von einem stabilen Klima bald deutlich zu spüren bekommen.

Und währenf die Degrowth- und Postwachstums-Apologeten Verzicht, Suffizienz und die „Befreiung vom Überfluss“ als Lösung dieses Problems predigen, widersprechen Horx und andere Ökomodernisten – dieses „Knappheitsdenken“ sei überholt, denn der Mensch sei in der Lage, seinen Wohlstand zu wahren, ohne die Umwelt zu belasten. Technologie sei dank. Siehe oben. Nun lasst uns annehmen, dies wäre alles potentiell möglich und ausreichend – Smart grids und moderne Speichertechnologien würden den Klimawandel „erledigen“, Bioökonomie, cradle-to-cradle-Produktion und Kreislaufwirtschaft würden das Müllproblem lösen, weitere Steigerungen in der Produktivität der Landwirtschaft würden die Ernährungsfrage aufheben, ohne zu viel Fläche zu beanspruchen, und den Biodiversitätsverlust würden wir aufhalten und ggf. gar rückgängig machen durch a) Urbanisierung (=geringerer Flächenbedarf für Siedlungen) und b) resurrection biology. Ich sehe an dieser Stelle davon ab, dass ich sehr bezweifle, dass diese Maßnahmen a) ausreichend, b) alle durchführbar und c) sinnvoll sind. Was mich eher bewegt, ist die Beobachtung, dass die Technologie-Optimisten/Ökomodernisten völlig übersehen, dass sie sich, in ihrem Bestreben, sich von den Zwängen der Natur zu befreien, bereitwillig in die Abhängigkeit von hochkomplexen technologisch-institutionellen Systemen stürzen möchten. Die Frage ist, ob damit irgendwas gewonnen ist?

Was meine ich mit der „Abhängigkeit von hochkomplexen technologisch-institutionellen Systemen“? Die Welt, in der wir leben, basiert bereits jetzt und zunehmend auf Technologien und Institutionen, die der durchschnittliche Mensch nicht nachvollziehen kann. Wer versteht schon die Funktionsweise seines Smartphones? Oder kann es reparieren? Wie funktionieren eigentlich Finanzmärkte, auf denen unser in Banken angelegtes Geld hin und her gereicht wird, um ein abstraktes „Mehr“ für alle Beteiligten zu erwirtschaften? Was ist Geld überhaupt? Wie sind globale Wertschöpfungsketten gestrickt, durch die wir bspw. in Deutschland Jeans kaufen, die zwischendurch u. a. in Indien, auf den Philippinen und in Kasachstan waren? Nur um ein paar besonders auffällige Beispiele zu nennen. Nun möchten die Ökomodernisten auch noch einen oben drauf setzen – denn wenn Verzicht, Suffizienz keine Option ist, dann bleiben nur die technologischen Alternativen, deren Beispiele ich oben aufgezählt habe. Problem? Eine erfolgreiche Kreislaufwirtschaft, in der die Produkte so hergestellt werden, dass sie nach Ablauf der Nutzungsdauer anderen Verwendungen zugeführt werden können, setzt ein hochkomplexes Geflecht aus Beziehungen zwischen einzelnen Produzenten voraus. Ganz abgesehen von der recht simplen Frage nach den intellektuellen Eigentumsrechten und der zu erwartenden Unwilligkeit von Unternehmen, mit anderen allzu eng zu kooperieren (weil man dann viel preisgeben muss), gerade in innovativen Branchen – wer soll dieses System entwerfen und überwachen? Zu welchen Kosten? Die gleiche Frage betrifft bspw. die so hochgepriesenen Smart grids und virtuellen Kraftwerke – heute erst habe ich am UFZ einen spannenden Vortrag von einem Kollegen gehört, der sich mit der Regulierung und Koordinierung von Energieversorgungsnetzen befasst. Es ist Wahnsinn, wie schwer zu überblicken die Netze bereits heute sind – dabei sind sie, gemessen an den Erfordernissen einer Transformation zu 100% Erneuerbaren, lächerlich unterkomplex.

Es stellt sich also die Frage: sind die Kosten des Designs und der Aufrechterhaltung solch komplexer technologisch-institutioneller Gebilde nicht prohibitiv? Gerade, wenn man seinen Blick etwas weitet und nicht nur auf Europa, Nordamerika und Japan/Südkorea schaut, sondern auch Entwicklungsländer mit einbezieht, die essentiellen institutionellen und Know-how-Restriktionen unterliegen? Und was ist mit dem Risiko, das bei komplexen Systemen immer vorhanden ist – was passiert, wenn ein solches System plötzlich ausfällt (und wegen der Verflechtungen wahrscheinlich einige weitere mit sich zieht)? Die immer noch aktuelle Wirtschafts-/Finanzkrise ist ein Paradebeispiel für dieses Problem – erst als es steil bergab ging, wurde den beteiligten Akteuren klar, wie eng miteinander verflochten sie waren und welche weitreichenden Auswirkungen Störungen an einzelnen Stellen im Systemen für den Rest hatten. Warum war Polen da lange Zeit eine „grüne Insel“? Weil es vergleichsweise schwach in das System eingebettet war.

Was ich damit sagen will, ist, dass ich den Horx’schen Technologie-Optimismus für nicht im Geringsten überzeugend halte. Nicht nur, dass ich finde, dass technologische Lösungen alleine nicht reichen (obgleich sie durchaus ein wichtiges Element jeder vernünftigen Nachhaltigkeitsstrategie sein sollten) – auch halte ich es für naiv und realitätsblind, wenn man Technologien als einen Weg preist, unsere Abhängigkeit von der Natur zu überwinden. Denn was bringt uns diese Befreiung, wenn wir sie mit der Abhängigkeit von etwas Anderem erkaufen?

Wie so oft würde ich an dieser Stelle gern für einen Mittelweg plädieren. Reine Suffizienz- und back-to-nature-Strategien halte ich für problematisch – entsprechende Vorschläge resultieren oft aus einer positiven Verklärung der Vergangenheit, als der Mensch noch „im Einklang mit der Natur“ lebte. Natürlich tat er das. Dies war auch seine einzige Möglichkeit, zu überleben. Schön war dies aber zumindest nicht immer. Andererseits ist es aber auch keine Lösung, was die Ökomodernisten vorschlagen – denn sie wollen eigentlich nur eine Abhängigkeit mit einer anderen erkaufen (ohne sich dies zu vergegenwärtigen). Stattdessen bedarf es einer Kombination – Suffizienz in Maßen, technologische Lösungen in Maßen. Damit könnte man gegenüber der heutigen Situation tatsächlich etwas gewinnen. Ganz abgesehen davon, dass diese Mittelweg-Strategie mittel- bis langfristig politisch/gesellschaftlicher überzeugender sein dürfte als ihre Alternativen – die „technophobe“ wie die „technokratische“.

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3 Gedanken zu “Die Illusion der Befreiung von der Natur

  1. Dem Beitrag ist wenig hinzufügen, außer einem Zitat von Juvenal vielleicht : „Quis custodit custodes?“, dtsch: Wer bewacht die Wächter?- der technischen Befreiungssysteme eben, die wir immer intensiver nutzen und immer weniger verstehen. Falls sich je ein Tyrannosaurier am Ende der Kreidezeit Gedanken über Meteoritenlaufbahnen gemacht hat, waren sie wohl ähnlich fruchtlos wie unser Spintisieren über eine mögliche Freiheit von Natur.

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  2. Thanks to Google Translate, I was able to follow from your previous English blog. I share the same opinion that technology optimism is problematic. I speak more from a sustainable water resources management perspective and, for example, it frustrates me when self-proclaimed philanthropic businessmen announce that they would support projects to desalinate seawater for water-scarce regions. Above and beyond this good intention, I see anthropocentrism and bias for a superficial technological quick fix, as the technology itself is energy intensive and harmful to marine life. Your middle ground solution is attractive to those who does not believe in the extremes (but don’t most of us?). My current issue is ‘how’ to reconcile the ingenuity of technocrats with a vision to see beyond our own species’ importance (e.g., employment, growth, etc.). Should there be a new discourse? Can we really sway these people who do not value nature? Maybe I’m also missing something?

    I have to add that human sufferings are real, but a lot of the times, we put ourselves in the risky situation (or the government or some big corp screws us over). It’s hard for me to share a clear opinion in without a concrete example.

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    • Thanks for your comment! Google has its good sides, obviously…

      First, I don’t think that anthropocentrism is the problem. In fact, I am an anthropocentrist myself. I don’t see this as an obstacle for achieving sustainability. You are asking ‚Can we really sway these people who do not value nature?‘ – this is precisely the thing. ‚Enlightened anthropocentrism‘, as some call it – you may also just say ‚realistic and non-myopic anthropocentrism‘ – can show that protecting the natural environment is well in our own interest. We don’t have the technological fixes to substitute most of the things nature provides us with. And even in cases where we have such fixes, they are often immensely costly. Intact ecosystems are good for us. You don’t need a philosophical stand going beyond anthropocentrism to recognise that. Which is important, as I don’t think you can convince people into anything beyond anthropocentrism. Most people will remain focusing on what is good for people, not for ’nature‘.

      You wish examples? Well, that is not easy. I view the issue mainly at the level of individual consumption patterns: I think that it is neither sufficient to pledge for sufficiency and self-subsistence. Actually, this is a self-defeating approach taken by many environmentalists. Nor is it enough to use Elon Musk’s latest Tesla or to install PV on your roof. At a higher level: sustainability cannot be achieved by even the cleverest R&D policies; but it also cannot be achieved by forcing people to extreme restraint (for forcing them is the only option – you won’t convince them). All in all, technological fixes and changes in consumption patterns are two sides of the same coin for me and cannot be viewed in isolation from each other: yes, we need less consumption, less waste, more regional production etc. But we also need at least some of the technologies. But they have to be applied where sensible and not everywhere. So, desalination may work in some areas, in others the environmental and energy costs are too high and other solutions have to be sought.

      Sorry, I am not really good in thinking in terms of examples. Abstract concepts are more what I am good at;-)

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