Fairphone – das Smartphone, das Pigou gekauft hätte?

Früher gehörte zu einem Gutmensch ein Jutebeutel, heutzutage ist es das Fairphone. OK, das ist vielleicht ein etwas weit hergeholter Vergleich, aber Tatsache ist, dass man heutzutage nur noch sehr schwer um den Besitz eines Smartphones herumkommt. Und wenn man ein sog. Gutmensch ist, dann entscheidet man sich oft eben für das Fairphone – ein Handy, das mit dem Slogan „buy a phone, join a movement“ wirbt und als das umwelt- und sozialverträglichste gilt, was der Smartphone-Markt zu bieten hat.

Da ich mich viel unter sog. Gutmenschen bewege (nach vielen Definitionen bin ich wahrscheinlich selbst einer), habe ich des Öfteren mit Fairphone-Besitzern zu tun. Das „faire“ Mobiltelefon gehört zu meinem sozialen Umfeld inzwischen fast so sehr wie Bio-Lebensmittel, Vegetarismus und Fahrräder. Dies ist auch verständlich – Elektronik ist besonders berüchtigt als eine unerschöpfliche Quelle von Problemen. Von Koltan-Minen in der Demokratischen Republik Kongo bis hin zu Foxconn bringt die Herstellung von Smartphones eine Menge an sozialen Problemen mit sich. Hinzu kommen Umweltprobleme, die vor allem mit dem von den Herstellern angeheizten Konsumverhalten zusammenhängen (s. die regelmäßigen, medienwirksamen Präsentationen der immer „neuen“ Produktgenerationen) sowie mit der Tatsache, dass die iPhones und Galaxys dieser Welt nicht gerade so gebaut sind, dass man sie gut reparieren könnte.

Noch eine schöne Sache an Fairphone: das Foto ist CC-lizenziert (CC BY-NC-SA).

Noch eine schöne Sache an Fairphone: das Foto ist CC-lizenziert (CC BY-NC-SA).

All diese Probleme möchten die Fairphone-Erfinder angehen. Die Idee ist, dass man möglichst nur mit Zulieferern zusammenarbeitet, bei denen man weiß, was man kauft, woher die Rohstoffe kommen, unter welchen Bedingungen die beteiligten Arbeiter arbeiten etc. Das funktioniert natürlich nicht 100%ig, dennoch ist das Fairphone in Sachen „Sozialverträglichkeit“ allen anderen Smartphone-Produzenten weit voraus. Ähnlich verhält es sich mit der Reparatur– und Nutzungsfreundlichkeit dieses „Öko-Handys“.

Doch all das hat seinen Preis – und genau um diesen geht es mir heute. Denn es wurde bspw. in einem Test des Fachmagazins Chip festgestellt, das Fairphone sei „rund 150 Euro teurer als ein normales Smartphone mit vergleichbarer Ausstattung und Verarbeitung“. Was Technisches anbetrifft, ist das Fairphone mäßig – nicht schlecht, aber es gibt wesentlich leistungsstärkere Smartphones, die mitunter ähnlich viel kosten.

Doch genau das ist es, was das Fairphone in einem gewissen Sinne zu dem „einzig wahren“ Smartphone macht. Dabei geht es mir weniger darum, dass es so öko, sozialverträglich etc. ist und dass jeder ein Fairphone haben sollte (ich bin kein geborener Moralapostel) – sondern darum, dass dieses Produkt ein Paradebeispiel für die (relativ) erfolgreiche Internalisierung von externen Effekten ist. Denn warum sind andere Smartphone günstiger (im Sinne des Preis-Leistungsverhältnisses)? Weil die sozialen und Umweltkosten, die ihre Produktion und Nutzung verursachen, nicht von den Herstellern und damit auch nicht von den Nutzern getragen werden. Sie werden abgewälzt – auf die Taiwaner, die keine Alternative zu einem ausbeuterischen Job bei Foxconn haben, auf die Kongolesen, die ohne die ausbeuterische und mitunter auch gefährliche Arbeit in Koltan-Minen gar keine Arbeit hätten, auf die zukünftigen Generationen, die mit dem Müll werden klarkommen müssen, den die kurzlebigen iPhone-Generationen verursachen. Dass das Fairphone relativ so viel teurer ist, liegt schlicht und einfach daran, dass sein Preis relativ viel näher an dem „wahren“ Preis liegt, der soziale und nicht nur private Kosten widerspiegelt. Mit anderen Worten: Arthur Cecil Pigou würde sich wahrscheinlich auch ein Fairphone zulegen.

Was kann man daraus schlussfolgern? Nun, man kann kaum von Samsung, Apple und Co. verlangen, dass sie mit Fairphone gleichziehen. Ich will damit nicht leugnen, dass die Elektronik-Hersteller, wie die meisten Großkonzerne, regelmäßig bestimmte rechtliche Grenzen überschreiten, für deren Überschreitung sie zur Verantwortung gezogen werden sollten. Gleichwohl wage ich die These, dass die Hauptverantwortlichen für fast* alle anderen, nicht rechtlich geregelten Übel die Konsumenten sind. Würde Apple plötzlich anfangen, seine Produkte korrekt zu bepreisen, würde es sehr schnell an Kundschaft verlieren, deren Großteil zu Konkurrenten abwandern würde, die sich weniger um „Moral“ scheren. Es ist der Staat, dem es obliegt, mittels entsprechender Ge- und Verbote, Steuern, Quoten etc. die Anpassung der Marktpreise an „wahre“ Preise (im Ökonomensprech: Schattenpreise) zu erwirken. Wie das bei Handys konkret aussehen könnte? Ein Anfang wäre gemacht, wenn die Hersteller verpflichtet würden, Informationen über ihre gesamte Wertschöpfungskette offenzulegen – Informationen, die sie heutzutage oft gar nicht haben (wollen), und an die man teilweise sehr schwer herankommt. Das würde es kritischen Konsumenten und Verbraucherschutz-Organisationen leichter machen, Probleme bei der Herstellung von Smartphones zu identifizieren. Im nächsten Schritt könnte man Standards setzen – bestimmte Bezugsquellen ausschließen, die Hersteller verpflichten, ihren Zulieferern die Einhaltung von Sozialstandards aufzuzwingen etc. Alles, wo Ge-/Verbote zu krass erscheinen (z. B., weil es derzeit keine Alternativen gibt, s. Koltan), könnte man besteuern – damit würde man den Herstellern einen Anreiz geben, nach Alternativen zu suchen.

Würde all dies umgesetzt, würde das Fairphone wahrscheinlich sehr schnell seine Marktnische verlieren, weil es sich plötzlich kaum noch von den anderen Smartphones unterscheiden würde. Doch wenn die Lösung des Problems so einfach ist, warum gibt es das Problem noch? Nun, ein Grund hierfür ist relativ trivial – die Konsumenten, die nicht bereit sind, für ein umwelt- und sozialverträgliches Smartphone mehr zu bezahlen, sind gleichzeitig auch Wähler. Wie Niko Paech gern zurecht (und desillusionierenderweise) betont, sind Regierungen zwangsläufig reaktionär – sie tun nur das, was ihr Wahlvolk bereits will und auf anderen Wegen zu erreichen sucht. Regierungen, die versuchen, die „Avantgarde des gesellschaftlichen Fortschritts“ zu sein, werden sehr schnell wieder abgewählt. Ein wohlwollender Diktator erscheint mir dennoch keine Option zu sein. Ganz aussichtslos ist die Situation dennoch nicht – wir brauchen nicht gleich eine Revolution, um das Smartphone-Problem (und viele andere Probleme) anzugehen, und selbst eine reaktionäre Regierung kann sich die eine oder andere unpopuläre Reform leisten (gerade, wenn sie die „Kunst der Raute“ beherrscht). Der andere Grund, warum Fairphone immer noch seine Nische ungefährdet okkupiert, ist wohl eine Frage der Priorisierung und des mangelnden Problembewusstseins – Umweltprobleme sind, genauso wie Sozialprobleme in fernen Ländern, meistens zu diffus und abstrakt für den Otto Normalbürger, als dass sie auf seiner Prioritätenliste oben stehen würden. Wenn nicht gerade die Donau akut verseucht wird oder eine Textilfabrik über den Köpfen der Arbeiter zusammenbricht, kommt man als normaler Mensch gar nicht darauf, sich darüber Gedanken zu machen, wie all dies hergestellt wurde, was man täglich nutzt. Wie ist dies Problem zu lösen? Dafür wüsste auch ich gern die Antwort.

*Die Einschränkung gilt insofern, als ein mündiger Konsument gut informiert sein muss – das sind wir heutzutage nicht wirklich. Auch, weil es immer noch an entsprechend stringenter Gesetzgebung mangelt. Dies würde ich den Konsumenten nicht zu Last legen. Alles andere schon.

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