Die Grenzen der Effizienz

Wenn es einen Begriff gibt, der die ökonomische Perspektive (zumindest im Sinne der Mainstream-Ökonomie) besonders gut zusammenfasst, dann ist es wohl „Effizienz“. Und genau dieses Konzept wird der Ökonomie oft zum Verhängnis, wenn ihr vorgeworfen wird, dass sie die Effizienz zum allein relevanten Kriterium privater wie öffentlichter Entscheidungen erhebe. Doch eigentlich beruht dieser Vorwurf auf einem Missverständnis, und zwar sowohl seitens der Kritiker als auch der Ökonomen selbst.

Was ist „Effizienz“? Am einfachsten erklärt man diesen Begriff, indem man auf das Antonym verweist: Verschwendung. Effizienz ist die Vermeidung von Verschwendung, entweder im Sinne des Herausholens des maximal Möglichen aus einer gegebenen Situation oder im Sinne der Minimierung des Aufwands für ein gegebenes Ziel. Des Weiteren wird in der Ökonomie oft von Pareto-Effizienz gesprochen, alternativ auch von Pareto-Optimalität. Obgleich konzeptionell verwandt, sind „Effizienz“ und „Pareto-Effizienz“ im Kern zwei verschiedene Begriffe. Während die Effizienz sensu stricto sich auf die Allokation von Ressourcen bezieht – sprich, die Verteilung der zur Verfügung stehenden Produktionsmittel (Kapital, natürliche Ressourcen, Arbeit etc.) auf verschiedene Verwendungsmöglichkeiten –, betrifft die Pareto-Effizienz die Verteilungsaspekte dieser Allokation. Ein Pareto-effizienter Zustand ist erreicht, wenn kein Akteur besser gestellt werden kann, ohne dass ein anderer schlechter gestellt würde. Ob eine Pareto-Steigerung durch mehr allokative Effizienz oder durch Umverteilung erreicht wird, ist dabei unerheblich – die Begriffe überschneiden sich also, sind aber nicht deckungsgleich.

Bevor wir zur „einfachen Effizienz“ zurückkehren, noch ein paar Worte zur Pareto-Effizienz. Das Problem mit dem Pareto-Kriterium, das Vilfredo Pareto seinerzeit als eine vermeintlich „neutrale“ Alternative zu utilitaristischen Abwägungen vorschlug, ist in der realen Welt recht zahnlos – benutzt man es als Kriterium für die Identifizierung wohlfahrtssteigernder Politiken, findet man kaum welche. Die meisten regulierenden Eingriffe haben Gewinner und Verlierer – sobald es aber Verlierer gibt, ist eine Politik aus Pareto-Sicht nicht beurteilbar, weil sie nicht effizienzsteigernd ist, die Rückkehr zum Ursprungszustand aber auch nicht. Also überlegten sich die Ökonomen John Hicks und Nicholas Kaldor ein nach ihnen benanntes Kriterium, das besagt, dass eine Politik als wohlfahrtssteigernd anzusehen ist, falls eine Pareto-Steigerung mittels Umverteilung potentiell erreichbar ist. Beispiel? Falls eine öffentliche Investition dazu führt, dass es A besser geht, B aber schlechter, As relativer Vorteil aber höher ist, könnte man umverteilen, sodass es beiden besser geht als im Ausgangszustand. Problem? Für das Erfüllen des Kaldor-Hicks-Kriteriums reicht die potentielle Möglichkeit einer solchen Umverteilung – es ist unerheblich, ob diese auch wirklich stattfindet. Kein Wunder also, dass das Kriterium sogar unter Ökonomen recht umstritten ist.

Zurück zur „einfachen“ Effizienz. In den allermeisten Fällen erreicht man Pareto-Effizienz am einfachsten, indem man Ressourcen effizient alloziiert. Und genau diese Einsicht führt oft zu Unmut, denn Ökonomen machen sehr häufig Politikempfehlungen, die allein auf Effizienzüberlegungen basieren – sei es in Kosten-Nutzen-Analysen oder weniger formalisierten Einschätzungen von Politikoptionen. Sie vergessen dabei mitunter, dass Effizienz eigentlich kein normatives Kriterium ist, sondern ein positives – es wird festgestellt, dass Politikoption A Ressourcen effizienter verwendet (d. h., zu weniger Verschwendung führt) als Politikoption B. Ob das gut oder schlecht ist bzw. ob es weitere Kriterien gibt, die hinzugezogen werden sollten, wie bspw. Verteilungseffekte, ist eine andere Frage, die der gewöhnliche Ökonom nicht zu beantworten vermag. Es ist ein ähnliches Problem wie mit der ökonomischen Bewertung: auch diese vermag nicht die Frage zu beantworten, was „gut“ oder „richtig“ ist, sondern erfasst bestenfalls nur die Präferenzen der untersuchten Bevölkerung, ohne sich mit deren Motiven und damit auch dem ethischen Status dieser Präferenzen zu beschäftigen. Ähnlich verhält es sich mit der Effizienz – man kann argumentieren, dass es gut sei, Ressourcen nicht unnötig zu verschwenden. So viel Normativität sei uns Ökonomen gestattet. Zu behaupten, die Effizienz sei das einzig relevante Kriterium, wenn öffentliche Entscheidungen getroffen werden, ist mindestens problematisch. Und sicherlich nicht Aufgabe des Ökonomen, selbst wenn er politikberatend tätig ist. Leider ist dies allen drei beteiligten Seiten nicht immer klar – weder den Entscheidungsträgern noch den Kritikern des ganzen Zirkus, noch den Ökonomen.

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