Der… äh… Nobelpreis 2015

Alle Jahre wieder werden in Stockholm und Oslo die Nobelpreise vergeben. Jeder einzelne von ihnen ist umstritten, doch keiner so sehr (OK, außer vielleicht dem Friedensnobelpreis) wie der, der eigentlich keiner ist: der Sveriges Riksbanks pris i ekonomisk vetenskap till Alfred Nobels minne. Der Öffentlichkeit bekannt als der „Wirtschaftsnobelpreis“. Man kann ihn für sinnvoll halten oder nicht, aber es lässt sich nicht leugnen, dass er mit einem riesigen Prestige verbunden ist. Oft lässt es sich zum Beispiel beobachten, dass mit dem Preis ausgezeichnete Ökonomen plötzlich anfangen, sich mehr der Publizistik zu widmen (besonders markante Beispiele der jüngeren Vergangenheit: Joseph Stiglitz und Paul Krugman) – im wissenschaftlichen Bereich haben sie ja nachweislich „ausgesorgt“. Jedes Jahr stellt sich also die Frage: an wen sollte der Preis gehen? Hier meine eher unrealistischen Vorschläge.

Was Alfred wohl von meinen Vorschlägen gehalten hätte?

Was Alfred wohl von meinen Vorschlägen gehalten hätte?

Wozu sich überhaupt die Mühe geben, Vorschläge zu nennen, die sowieso chancenlos sind? Betrachten wir es als eine nette Gelegenheit, ein paar besonders interessanten und verdienstvollen Ökonomen Respekt zu zollen. Denn selbst wenn ich wollte, könnte ich keine realistischen Vorhersagen treffen – dazu mangelt es mir an Überblick bezüglich des ökonomischen Mainstreams. Vielleicht David Romer? Hal Varian? William Nordhaus? Ich weiß es nicht.

Nun zu meinen unrealistischen Vorschlägen für den Sveriges Riksbanks pris i ekonomisk vetenskap till Alfred Nobels minne 2015:

  1. Partha Dasgupta (Cambridge University): der im heutigen Bangladesch geborene Ökonom befasst sich mit all dem, was ich an der Ökonomie interessant finde: Umwelt- und Ressourcenökonomik, Entwicklungsökonomik, Wohlfahrtsmessung, Schnittstellen zwischen Ökonomie und Ethik. So ist er u. a. Mitautor (mit Geoffrey Heal) des einflussreichsten Buchs im Bereich der Ressourcenökonomik (Economic Theory and Exhaustible Resources, 1979). Im Gegensatz zu vielen Umwelt- und Ressourcenökonomen plädiert er für die gemeinsame Betrachtung dieser vermeintlich getrennten Teildisziplinen, die für ihn unter dem Begriff „Ökologische Ökonomik“ zusammengehören. Ein sehr wichtiger Bereich in Dasguptas Forschungsarbeit ist die Wohlfahrtsmessung im Kontext der Nachhaltigkeit – v. a. mit Kenneth Arrow (seines Zeichens der jüngste Wirtschaftsnobelpreisträger der Geschichte) und Karl-Göran Mäler entwickelte er den Ansatz des comprehensive investment, der auf einer vernichtenden, formaltheoretisch begründeten Kritik am BIP als Wohlfahrtsmaß basiert. Des Weiteren meldet sich Dasgupta immer wieder in der Klimaökonomik-Debatte zu Wort (v. a., wenn es ums Diskontieren geht) und schreibt Beiträge zu Armutsproblematik, oft in Verbindung mit verschiedenen Umweltaspekten. In all den genannten Bereichen hat er maßgebliche Beiträge geleistet. Interessanterweise ist seine Herangehensweise an die Ökonomik der neoklassischen Wohlfahrtstheorie sehr stark verhaftet – was ihn nicht davon abhält, Mainstream-Positionen immer wieder zu kritisieren. Und zuletzt – seine herrliche, vernichtende Kritik an Friedrich August von Hayek kann ich jedem empfehlen, der mal den Sammelband Utilitarianism and Beyond in seinen Händen halten sollte. Kurzum: wenn endlich ein Vertreter der Umwelt-/Ressourcenökonomik mit dem Nobel-Gedenkpreis ausgezeichnet werden sollte, verdient kaum jemand ihn mehr als Dasgupta.
  2. Martin Weitzman (Harvard University): ein weiterer Umweltökonom mit einem starken Hang zu mathematischem Formalismus, der nichtsdestotrotz Beachtung verdient. Ursprünglich vor allem im Bereich der Finanzökonomik aktiv, verlegte Weitzman seinen Fokus mit der Zeit immer weiter in Richtung Umweltökonomik. Sehr interessant und einflussreich sind seine Beiträge u. a. zur Wohlfahrtsmessung (einiges, was Dasgupta da zu sagen hat, entstand in konstruktiver Auseinandersetzung mit Weitzman), zu Biodiversitätsmessung und effizientem Naturschutz sowie zu Kosten-Nutzen-Analyse vor dem Hintergrund extremer Unsicherheit, insbesondere in der Klimaökonomik. Genauso wie Dasgupta, vielleicht sogar mehr, ist Weitzman ein durchaus auch im Bereich der Mainstream-Ökonomik bekannter und angesehener Forscher. Und auch bei ihm wäre eine stellvertretende Würdigung der Umwelt-/Ressourcenökonomik nicht verkehrt. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass man beide zusammen auszeichnen könnte.
  3. Jon Elster (Columbia University): der dritte meiner „Wunschlaureaten“ ist kein Umweltökonom. Ich bin nicht einmal sicher, ob man ihn tatsächlich als einen Ökonomen bezeichnen kann (was aber glücklicherweise nicht dagegen spricht, dass man mit dem Nobel-Gedenkpreis für Ökonomie ausgezeichnet wird – vide Daniel Kahneman und Elinor Ostrom). Er ist vielmehr als Sozialwissenschaftler zu bezeichnen, aktiv irgendwo im Grenzbereich zwischen Politologie, Soziologie, Philosophie und Ökonomie. Zur Letzteren trug er vor allem im Bereich der Theorie rationaler Entscheidungen bei, mit Büchern wie Sour Grapes oder Ulysses Unbound, die auch von den vernünftigeren Ökonomen rezipiert wurden. Elsters Nuts and Bolts for Social Sciences ist die beste mir bekannte Einführung in die Sozialwissenschaften und die Ökonomie. Was ich an ihm bewundere, ist nicht nur die Weigerung, sich in eine disziplinäre Schublade stecken zu lassen, sondern auch eine Eigenschaft, die ich sonst bei Ökonomen wie anderen Sozialwissenschaftlern nur sehr selten beobachtet habe: die Fähigkeit und Bereitschaft, die Grenzen des eigenen Wissens oder Verstehens einzugestehen. Dies sind zwar keine typischen Gründe für die Verleihung des Nobel-Gedenkpreises – in dieser Hinsicht sind Elsters Beiträge zur Theore rationaler Entscheidungen wahrscheinlich entscheidend –, doch sie machen meinen letzten Wunschlaureaten besonders sympathisch, wie ich finde.

Es gibt noch weitere etwas aussichtsreichere Ökonomen, mit deren Auszeichnung ich ganz zufrieden wäre – bspw. Nicholas Stern oder Richard Thaler. Doch so richtig glücklich wäre ich, wenn der drei oben genannten den Preis bekommen würde. Nur leider erscheint mir deren Auszeichnung nicht sonderlich wahrscheinlich…

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