Mehr Technologie, weniger Ideologie

Wenn man sich die Welt um uns herum ansieht, kann man schon verzweifeln. Wir wissen seit Jahrzehnten, dass wir gravierende ökologische und soziale Probleme haben, global wie lokal. Und trotz der jahrelangen Versuche von degrowth und ähnlichen Bewegungen, den reicheren Teil der Menschheit zum Umdenken, zu weniger Konsum, mehr Subsistenz und Suffizienz zu bewegen, sieht man keine großen Fortschritte. Rhetorisch sind alle dafür, umweltverträglicher zu leben, angefangen mit der „Klimakanzlerin“ Angela M. Aber sobald es um die Praxis geht, sieht es dünn aus, und alsbald irgendjemand in Griechenland oder sonst wo Mist baut, vergessen alle sofort das Klima, die Biodiversität, das Trinkwasser und die Wale. Es ist schwierig, vor diesem Hintergrund nicht desillusioniert zu sein und nicht an der Möglichkeit einer kulturellen Nachhaltigkeitstransformation zu zweifeln. Aber vielleicht gibt es einen anderen Weg? Einen schmerzloseren? Wie wär’s mit technologischen Lösungsansätzen?

lynasIn dem kürzlich veröffentlichten Ecomodernist Manifesto melden sich umweltbewegte Menschen zu Wort, die genau diesen Desillusionierungs-Prozess durchgemacht zu haben scheinen. Statt für Wachstumsrücknahme, Suffizienz, lokales Wirtschaften und mehr Verbundenheit mit der Natur zu plädieren, schlagen die Ökomodernisten Entkopplung der wirtschaftlichen Entwicklung vom Naturverbrauch, den mutigen und gezielten Einsatz von (Groß-)Technologien (einschließlich Gentechnik und Atomkraft), Intensivierung der Landwirtschaft, Urbanisierung vor. Ihr Kernargument: in einer Welt, in der wir bereits jetzt 7 Milliarden sind, von denen aber ein Großteil weiterhin in Armut lebt, ist es illusorisch zu glauben, wir könnten Nachhaltigkeit durch Ideologien erreichen. Also müssen Technologien her. Eine gute Zusammenfassung der Ansichten eines Ökomodernisten bietet das Buch The God Species des britischen Guardian-Journalisten Mark Lynas, der nach eigener Aussage von einem Idealisten, der an Feldbefreiungen teilnahm und Bjørn Lomborg einen Kuchen ins Gesicht schmiss, zu einem Technologie-Optimisten und Pragmatiker wurde. Sein credo: Suffizienz ist nicht erreichbar, Wirtschaftswachstum notwendig, Technologien können helfen, wenn wir sie nur vernünftig nutzen.

Eine ähnliche Diskussion, wenn auch nicht ganz so „radikal“ wie das Ecomodernist Manifesto, wird derzeit auch im Bereich der Naturschutzbiologie geführt, dieser eigentümlichen Mischung aus Biologie, Politik und Ethik. Traditionell argumentierten Naturschutzbiologen ähnlich den „Idealisten“, gegen die sich die Ökomodernisten wenden – wir müssten die Natur wegen ihres intrinsischen Wertes schützen, unsere Gebundenheit an sie erkennen etc. Inzwischen gibt es aber Naturschutzbiologen, die der Meinung sind, dass diese Ansätze nicht funktionieren, und man sich mehr auf „technokratische“ (so die Kritiker) Ansätze wie das Konzept der Ökosystemdienstleistungen fokussieren sollte. Auch fordern sie mehr Zusammenarbeit mit Unternehmen. Man erkennt hier ähnliche Spannungen wie im NGO-Bereich zwischen WWF und Greenpeace.

Nun stellt sich die Frage, wie wertvoll der ökomodernistische Ansatz ist. Ich vermute, sein Wert besteht hauptsächlich darin, dass er unbequeme Fragen aufwirft und an Dogmen von großen Teilen der Umweltbewegung rüttelt. Das fängt mit der Grundprämisse an: kulturelle Änderungen seien a) aussichtslos und b) nicht ausreichend, um die Natur zu schützen. Technologische Lösungen und ökonomische Argumente könnten wesentlich mehr Schlagkraft entfalten als die bisher wirkungslosen Appelle zur Mäßigung. Bevölkerungswachstum sei kein so relevantes Problem, weil es a) stagniere und b) mittelfristig sowieso nicht beeinflussbar sei. Moderne Technologien hätten das Potenzial, bei der Lösung vieler Umweltprobleme zumindest zu helfen.

Man mag an der Richtigkeit dieser Argumente zweifeln. Der teilweise recht verkrusteten Umweltbewegung (einschließlich der erwähnten Naturschutzbiologie) dürfte eine radikal andere Perspektive gut tun, gerade wenn es den Ökomodernisten gelingt, zu zeigen, dass sie nicht nur eine Industrielobby sind. Denn wenn sie es nicht sind, würde das heißen, dass sie sich tatsächlich um das „Wohl“ der Natur sorgen. Dass sie dabei zu so unkonventionellen Schlüssen kommen, wie sie es tun, dürfte den einen oder anderen Umweltschützer zum Nachdenken über die Grundpfeiler seines eigenen Weltbildes anregen.

Gleichwohl leidet die Botschaft des Ecomodernist Manifesto (oder auch des Buches von Lynas) an einigen Schwächen. Erstens, es ist selektiv in seinem Technologie-Optimismus. Die Ökomodernisten glauben an eine Zukunft mit Kernfusion, Thorium-Kernkraftwerken und Photovoltaik-Anlagen zweiter Generation. Man bedenke: keine dieser Technologien existiert derzeit in der anvisierten Form. Was genauso auf die Alternativen zutrifft, die im Manifest aber explizit oder implizit als unrealistisch und nutzlos abgetan werden, wie z. B. virtuelle Kraftwerke oder smart grids. Dies erinnert ein bisschen an etwas, wofür ich Greenpeace einst kritisierte, nur unter umgekehrten Vorzeichen. Man wirft Anderen hoffnungslosen Idealismus vor, basiert seine eigenen Visionen aber genauso auf Hoffnung, bloß anderer Art. Diese Art von Argument ist zumindest unbefriedigend, man muss aber beachten, dass man es auf beiden Seiten der Barrikade finden kann. Zweitens, die Ökomodernisten sind inkonsistent, wenn sie gleichzeitig für eine land-sparing-Strategie plädieren und die Idee unberührter Natur in Frage stellen (was sie zurecht tun). Land sparing bedeutet, dass man zum Schutz verbleibender Natur die Landnutzung durch den Menschen intensiviert: intensive Landwirtschaft, Urbanisierung etc., um außerhalb der „menschlichen“ Systeme genug Platz für „natürliche“ Ökosysteme zu lassen. Gleichzeitig wird im Ecomodernist Manifesto zumindest angedeutet, dass „ursprüngliche Natürlichkeit“ eine Illusion ist, denn es gibt auf dieser Welt praktisch keine Ökosysteme, die nicht in der einen oder anderen Hinsicht vom Menschen beeinflusst wären. Diese beiden Sichtweisen sind aber unvereinbar miteinander, denn was soll „gespared“ werden, wenn der Mensch ein inhärenter Teil der Natur ist? Es mag sein, dass diese Dissonanz daraus resultiert, dass das Manifest viele verschiedene Autoren hat, die wohl z. T. unterschiedliche Sichtweisen vertreten. Doch ist zumindest land sparing ein logischer Bestandteil des Ökomodernismus und ich verstehe nicht, wie sich die Idee der Nonexistenz unberührter Natur da hineinschleichen konnte. Drittens, die Ökomodernisten begehen den gleichen Fehler (vielleicht aus rhetorischen Gründen), den sie der Gegenseite vorwerfen – während die „Idealisten“ angeblich Technologie grundsätzlich verteufelten, ja Luddisten seien, und die Natur nur mittels kultureller, sozialer und institutioneller Änderungen retten wollten, sind die Ökomodernisten genauso extrem unter umgekehrten Vorzeichen – sie negieren die Möglichkeit einer gesellschaftlichen Transformation grundsätzlich und sehen in der Technologie die einzige Lösung. Beide Sichtweisen sind aber unnötig extrem.

Womit wir auch zu meiner Sicht der Dinge kämen: als ich das Buch von Mark Lynas vor ein paar Jahren gelesen hatte, war das ein Schlag ins Gesicht. Es war schwer, dem Autor zu unterstellen, ihm wäre die Natur egal, und doch kam er zu völlig anderen Schlüssen als ich. Das war verstörend, aber zugleich sehr bereichernd. Inzwischen finde ich, dass die „Wahrheit“ irgendwo in der Mitte liegt: kulturelle Änderungen in ausreichendem Maße, um „die Welt zu retten“, sind illusorisch. Doch auch das totale Vertrauen in Technologien ist naiv und kann gefährlich werden. Um die großen Probleme der Menschheit lösen zu können, auch nur potentiell, brauchen wir dringend eine Mischung aus beiden: wir dürfen weder Technologien scheuen, nur weil sie Technologien sind, noch ist es sinnvoll und zielführend, kulturellen, sozialen, institutionellen Faktoren jegliche Relevanz abzusprechen.

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5 Gedanken zu “Mehr Technologie, weniger Ideologie

  1. Ich finde du triffst den Nagel auf den Kopf. Ich habe mich in der letzten zeit in einem Milieu bewegt, das sehr technologie-kritisch ist und in Richtung rein kultureller und sozialer Lösungen Zielt oder auf „alte“ Techniken oder Lebensweisen gänzlich ohne moderne Technik. Dabei kommt wie ich finde viel Halbgares und Unprofessionelles raus. Andererseits ist einiges davon sicher überlegenswert, z.B. wie man die Lebensmittelversorgung anders organisiert oder wie man Nutzpflanzen züchtet (optimiert für eine ökologische Landwirtschaft). Aber auch all diese Ansätze, wenn sie erfolgreich sein wollen sind darauf angewiesen in einem gewissen Grad von moderner Technologie Gebrauch zu machen (Biotechnik, Gentechnik, Energietechnik). Falls du jemanden kennst, der in diese Richtung einen Job/PhD zu vergeben hat sag bescheid, bin auf der Suche ;).

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  2. Es ist magisches Denken, zu glauben, Probleme, die durch technologische Fehlentwicklungen verursacht werden, seien durch „gute“ technologische Ideen zu entschärfen. Die technische Entwicklung hinkt bei weitem nicht unserer kulturellen Entwicklung hinterher; wie sollte sie auch, da sie sich gegenseitig bedingen? Ebensowenig können von uns als positiv empfundene kulturelle Errungenschaften die Menschheitsverbrechen wettmachen, derer wir uns schuldig gemacht haben.
    Einen Ausweg aus diesem Dilemma sehe ich nicht.

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    • Ich denke, man sollte dies nicht als Dilemma sehen, sondern versuchen, kulturelle, institutionelle, technologische etc. Faktoren miteinander zu kombinieren. Der Fehler, den die Ökomodernisten genauso wie viele degrowth-Aktivisten begehen, besteht darin, eine Klasse von Lösungsansätzen von vornherein auszuschließen. Das ist unnötig engstirnig und man verbaut sich damit die Möglichkeit, „die Welt besser zu machen“.

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