Eine Sozialwissenschaft oder viele Sozialwissenschaften?

Vor ein paar Tagen hörte ich mir am UFZ einen Vortrag über den Klimaschutzbeitrag an (der kurz danach begraben wurde). In der Diskussion kam die Frage der „Vorreiterrolle“ Deutschlands in der Klimapolitik auf. Einer der Kollegen – ein Professor und gestandener Klimaökonom – sagte sinngemäß, dass die Wirksamkeit der „Vorreiterrolle“ ökonomisch nicht erklärbar sei (was wohl stimmt). Es könne eine politikwissenschaftliche Erklärung geben, aber eine ökonomische gebe es nicht. Damit schien dieser Aspekt der Diskussion für ihn abgeschlossen. Was ich nicht nachvollziehen kann. Ist es wirklich relevant, welche sozialwissenschaftliche Disziplin einen Sachverhalt erklären kann und welche nicht? Anders formuliert: Gibt es eine Sozialwissenschaft, die nur in verschiedene Subdisziplinen eingeteilt ist, welche sich mit verschiedenen Teilaspekten gesellschaftlichen Lebens befassen? Oder gibt es vielmehr mehrere Sozialwissenschaften, die die Gesellschaft aus verschiedenen Perspektiven betrachten und miteinander unvereinbar sind?

Wie bereits in einem kürzlich veröffentlichten Beitrag angedeutet, tendiere ich zu ersterer Interpretation: für mich gehören die Sozialwissenschaften zusammen. Ich halte die strikte Trennung der einzelnen sozialwissenschaftlichen Teildisziplinen – Ökonomie, Soziologie, Psychologie, Politologie, Philosophie, Anthropologie etc. – weder für sinnvoll noch für harmlos. Doch leider scheinen die meisten Sozialwissenschaftler die letztere Interpretation zu bevorzugen, was man auch an „meinem“ UFZ merkt, wo es immer wieder kleine Scharmützel zwischen den Soziologen und Politikwissenschaftlern einer-, und den Ökonomen andererseits gibt (die Juristen verhalten sich meistens neutral). Es gibt natürlich auch interdisziplinäre Zusammenarbeit, diese ist aber schwierig und nicht unbedingt die Regel. Wenn man sich etwas breiter umsieht, merkt man, dass in der Forschung die strikte Trennung der Sozialwissenschaften voneinander weiterhin kultiviert wird. Nicht ohne Grund wird den Ökonomen Imperialismus vorgeworfen, die ihrerseits in der Lehre nicht einmal daran denken, „fremde“ Perspektiven einzubeziehen.

Doch es muss nicht so sein. Gerade habe ich ein ziemlich gutes Buch des norwegischen… eben, Sozialwissenschaftlers Jon Elster gelesen, Nuts and Bolts for the Social Sciences, das eine Art niederschwellige aber durchaus lesenswerte Einführung in die Sozialwissenschaften darstellt. Das Schöne an Elster ist, dass er sich nicht in eine Schublade mit der Aufschrift „Ökonomie“, „Soziologie“, „Politikwissenschaft“ oder „Philosophie“ stecken lässt. Er ist von allem ein bisschen. Zwar enthält das besagte Buch von ihm viele ökonomische Konzepte (die aber größtenteils kritisch dargestellt werden), es gibt aber auch Kapitel zu so „un-ökonomischen“ Aspekten des gesellschaftlichen Lebens wie soziale Normen oder Emotionen.

Es gibt auch andere Denker, die sich mit sozialwissenschaftlicher Forschung befass(t)en, ohne einer Sozialwissenschaft leicht zuzuordnen zu sein – außer Elster würden mir da bspw. noch Amartya Sen, Elinor Ostrom und Albert Hirschman einfallen. Doch es geht hier heute nicht so sehr um Vordenker, sondern um die Frage, ob es generell sinnvoll ist, Sozialwissenschaften strikt voneinander zu trennen. Meiner Meinung nach ist es dies nicht. Es besteht zwar nicht unbedingt die Notwendigkeit, von nur einer homogenen „Sozialwissenschaft“ zu sprechen – dies wäre wohl künstlich. Aber sozialwissenschaftliche Interdisziplinarität, eine Verwobenheit von Konzepten aus verschiedenen Teildisziplinen, halte ich durchaus für sinnvoll. In vielen Fällen stellen sich Sozialwissenschaftler unnötig vor Probleme, wenn sie versuchen, die soziale Komplexität anhand eines konzeptionellen Frameworks, das aus einer einzelnen Disziplin stammt, anzugehen. Dies resultiert zum Teil aus der Befürchtung, inkohärente Erklärungen abzugeben, wenn man sich mehrer verschiedener theoretischer Ansätze bedient (z. B., wenn man als Klimaökonom „Vorreiterrollen“ nicht spieltheoretisch, sondern politikwissenschaftlich zu erklären sucht, ansonsten aber mit ökonomischen Argumenten hantiert). Nun ist die soziale Realität aber selbst oft inkohärent. Menschen, aus denen die Gesellschaft besteht, handeln inkohärent, nach verschiedenen situationsabhängigen Heuristiken, geleitet mal von Vernunft, mal von emotionalen Impulsen, dann wieder von sozialen Normen. Das alles in ein Korsett z. B. der Theorie rationaler Entscheidungen zu pressen, ist sinnlos und schränkt die Erklärungskraft sozialwissenschaftlicher Forschung unnötig ein. Auch ist es schädlich für die Weiterentwicklung theoretischer Gebäude, wenn sie sich hermetisch von äußeren Einflüssen abschotten.

Mit der Kehrseite konzeptioneller Flexibilität – dass man unter geschickter Nutzung verschiedener theoretischer Ansätze alles auf seine eigene Art und Weise erklären kann – müssen wir Sozialwissenschaftler wohl leben. Zudem theoretischer Monismus da nicht unbedingt besser ist – man kann alles auf individuelle Nutzenmaximierung reduzieren, wenn man unbedingt will. Die Frage ist, ob das einen epistemischen Mehrwert darstellt.

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