Erben und Gerechtigkeit

Große Nachlässe, wie bspw. der, den Paris Hilton in Aussicht hat, werden oft als ungerecht empfunden. Interessanterweise vereint sich dieser Eindruck Vertreter sehr unterschiedlicher Weltsichten: von dem neoklassischen Ökonomen, Standardlehrbuch-Autor und Google-Chefökonom Hal Varian, über (bedingt) Warren Buffett, bis hin zu einem Freund von mir, einem erklärten Marxisten. Doch ist es wirklich so, dass das Erben, oder zumindest bestimmte Arten (Ausmaße) von Nachlässen, etwas Schlechtes sind?

Paris Hilton. (Autor: Peter Schäfermeier, CC BY-SA 2.5)

Paris Hilton – ein personifiziertes Gerechtigkeitsproblem? (Autor: Peter Schäfermeier, CC BY-SA 2.5)

Das übliche Argument gegen große Nachlässe sieht etwa wie folgt aus: eine Paris Hilton braucht sich in ihrem Leben gar nicht anzustrengen, einen großen Batzen Geld bekommt sie sowieso. Dies steht in keinem Verhältnis zu ihren Bedürfnissen, ihren Leistungen oder sonst irgendeinem anerkannten Kriterium, mit dessen Hilfe man üblicherweise bestimmt, was wem zusteht. Sie hat bloß das Glück, in die Familie Hilton hineingeboren worden zu sein. Es sei ungerecht, dass Menschen nur deswegen wesentlich bessere Chancen in Leben haben sollten, weil sie entsprechend reiche/mächtige Eltern haben.

Ein etwas komplexeres Argument, das jedoch zum selben Ergebnis kommt, entfaltet Hal Varian in seinem 1974er Paper Distributive Justice, Welfare Economics, and the Theory of Fairness. Er beruft sich auf den zweiten Hauptsatz der Wohlfahrtsökonomik, der zeigt (allerdings unter recht restriktiven Bedingungen), dass eine beliebige Pareto-optimale Allokation in einer kompetitiven Marktwirtschaft erreicht werden kann (Pareto-Optimalität eines Zustands bedeutet, dass, von diesem Zustand ausgehend, niemand besser gemacht werden kann, ohne dass jemand anderes schlechter gemacht werden müsste). Er deutet darauf hin, dass dies nicht ausreichend ist, um eine gerechte Gesellschaft zu erreichen, denn das distributive Endergebnis hängt entscheidend von der „Anfangsausstattung“ der Gesellschaftsmitglieder mit Gütern, die sie dann vermeintlich Pareto-steigernd auf dem Markt tauschen können. Dies führt Varian zu der Forderung nach einer gleichen Ausstattung aller, sobald sie ein Alter erreichen, das ihnen die aktive Teilnahme an Marktgeschäften erlaubt. Damit das alles funktioniert, dürfen keine Geschenke gemacht werden – nicht nur darf nichts vererbt werden, auch andere, kleinere Geschenke kommen nicht in Frage (es sollte hinzugefügt werden, dass das geschenkfreie Szenario nach Varian unrealistisch sei; er schlägt daher auch abgeschwächte Versionen vor).

Damit macht Varian klar, was in der Debatte ums Erben oft übersehen wird: Nachlässe sind nichts Anderes als (große) Geschenke. Konsequenterweise müsste man, wenn man derartige Nachlässe verbieten wollte (um der Gerechtigkeit willen), auch Geschenke anderer Art verbieten. Möchte man das nicht, ist man gezwungen, arbiträre Grenzen zwischen „schlechten“ und „guten“ Geschenken zu definieren (dazu mehr unten).

Zudem kommt natürlich die Frage, ob Ungleichheit (hier: in der Ausstattung mit Gütern) zwangsläufig ungerecht sein muss. Erst einmal ist „Ungleichheit“ eine Tatsache bzw. eine deskriptive Diagnose. Die Diagnose von „Ungerechtigkeit“ ist hingegen normativ und suggeriert, dass der so bezeichnete Zustand unerwünscht sei. Die Frage, ob Ungleichheit = Ungerechtigkeit, ist natürlich ein Fass ohne Boden: Amartya Sen wies zurecht darauf hin, dass jede Gerechtigkeitstheorie einen Egalitarismus postuliert. Sie unterscheiden sich lediglich dahingehend, dass sie nach Gleichheit in verschiedenen Dimensionen fordern, von „primären Gütern“ (Rawls) bis hin zu „individuellen Freiheiten“ (Nozick). Statt also dieses Fass aufzumachen, möchte ich auf einen verwandten Aspekt hinweisen: oft kann man den Eindruck gewinnen, dass die Ablehnung von „Hilton’schen“ Nachlässen primär daraus resultiert, dass ihre Kritiker die „Fairness“ des zu vererbenden Vermögens infrage stellen. Die These ist dann, dass niemand in der Lage sei, so viel Reichtum anzuhäufen, ohne andere Menschen auszunutzen. Und daher darf es ja auch nicht sein, dass eine Paris Hilton ein entspanntes Leben hat, nur weil ihr Vater und Großvater ein „schmutziges“ Vermögen angehäuft haben.

Falls diese Diagnose – dass große Vermögen nicht „fairen Ursprungs“ sein können – zutrifft, heißt das, dass nicht das Vererben das Problem ist, sondern die Vermögen. Nicht das Vererben sollte verboten werden, sondern diese Vermögen auf die eine oder andere Art und Weise annulliert. Natürlich könnte hier ein entsprechendes Nachlass-Verbot eine instrumentelle Rolle spielen, weil es leichter zu begründen und weniger „invasiv“ in Bezug auf individuelle Freiheit ist als Enteignung.

Dabei kommen jedoch zwei zusätzliche Probleme auf. Das eine ist eher „technischer“ Natur: wie identifiziert man die Grenze, bis zu der ein Vermögen noch „fairen Ursprungs“ sein kann und damit vererbbar wäre? Denn wenn die „unfairen“ Vermögen das Problem sind, sollte man das Vererben „fairer“ weiterhin zulassen. Das andere Problem ist fundamentaler: kann man wirklich sagen, dass bestimmte Arten von Vermögen zwangsläufig aus Ausbeutung resultieren müssen? Dies würde ich zumindest anzweifeln. Wie von Malcolm Gladwell in etwas anderem Kontext eindrucksvoll dargelegt, ist Erfolg vor allem das Ergebnis von Zufällen. Erfolgreiche Menschen waren oft einfach zufällig genau „zur richtigen Zeit am richtigen Ort“. Ich denke nicht, dass man die Möglichkeit des „fairen“ Zustandekommens eines großen Vermögens grundsätzlich verneinen kann.

Womit wir wieder am Ausgangspunkt der heutigen Diskussion wären: große Nachlässe sind problematisch, eine gleichmäßige „Anfangsausstattung“ wäre erwünscht, damit sich jeder Mensch sein Vermögen selbst erarbeiten kann. Gegen die Gladwell’schen Zufälle kann man nicht wirklich vorgehen bzw. es wäre ethisch schwer begründbar. Gegen den Hilton’schen Geldsegen könnte und sollte man vielleicht sogar vorgehen. Dies birgt jedoch ein bereits angesprochenes Problem: wenn man gegen den Hilton’schen Geldsegen ist, weil er Menschen begünstigt, die einfach das Glück haben, einen reichen Verwandten/Freund zu haben, dann müsste man dies eigentlich konsequenterweise auf alle Arten von Geschenken ausweiten. Nun halten aber wohl die meisten Menschen Geschenke aus anderen Gründen für durchaus wünschenswert. Was tun?

Der polnische Philosoph Leszek Kołakowski schrieb einmal einen Essay mit dem bezeichnenden Titel Pochwała niekonsekwencji (Lob der Inkonsequenz), indem er argumentierte, dass gnadenlose Konsequenz im Handeln nicht immer geboten ist und „jede Idee, die man konsequent genug befolgt, sich in ihr Gegenteil verwandelt“. Dem würde ich zustimmen und im Fall unseres Nachlass-Geschenk-Dilemmas für das kleinere Übel plädieren, das ich in einer arbiträren Grenze zwischen „guten“ und „schlechten“ Geschenken/Nachlasshöhen sehen würde. Nachlässe grundsätzlich zu verbieten halte ich dabei für eine zu krasse Herangehensweise – es lässt sich aber argumentieren, dass Nachlässe jenseits einer bestimmten Höhe aus Sicht des Gemeinwohls eindeutig negative Auswirkungen haben. Eine Gesellschaft, in der sich manche ihren Wohlstand hart erarbeiten müssen, während die Paris Hiltons dieser Welt bereits in der Wiege mit (unverdientem) Komfort fürs Leben gesegnet werden, hat ein offensichtliches Anreizproblem. Wieso sollte ich mich ehrlich abrackern, wenn Andere Reichtum für nichts bekommen? Auch die soziale Kohäsion wird von solch eklatanter Ungleichheit unterminiert, Vertrauen bzw. „soziales Kapital“ schwinden. Was herauskommt, kann z. B. eine Gesellschaft wie die polnische sein. Oder schlimmer.

Um das zu verhindern, scheint es gerechtfertigt, die Möglichkeiten, sein Vermögen an die Nachkommen weiterzugeben, einzuschränken. Man wird es nicht schaffen, eine nicht-arbiträre Formel zu finden, wo die Grenze zwischen „wünschenswerten“ Nachlässen und „Hilton’schen Geldsegen“ verläuft. Aber dieses bisschen Arbitrarität muss vielleicht sein.

P.S. Falls jemand das Paper von Varian mal lesen möchte – es lohnt sich – ich habe einen Scan, den ich gern teile.

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6 Gedanken zu “Erben und Gerechtigkeit

  1. Also bis zur Analyse, dass nicht die Gerechtigkeit das Problem ist, sondern die angehäuften Vermögen, hatte ich noch die Hoffnung, dass du von deinem marxistischen Freund doch etwas gelernt hast. Leider wurde diese Hoffnung danach enttäuscht. 😉
    Leider verläuft deine Argumentation weiterhin an der Umverteilung entlang, obwohl du selbst erkannt hast, dass an dieser Stelle bereits zu spät ist. Eine Vergesellschaftung der Produktionsmittel wäre zwar eine radikale Lösung, würde aber verhindern, dass sich enorme Vermögen (die in erster Linie aus Kapitaleinkünften resultieren) im Eigentum einzelner bilden, welche wiederum weitervererbt oder -verschenkt werden können.

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    • Ich fürchte, ich habe einen viel zu starken Hang zum Liberalismus (sogar Nozick kann ich durchaus etwas abgewinnen), als dass deine Hoffnungen in dem derzeitigen Stadium meiner intellektuellen Entwicklung gerechtfertigt wären. 😉

      Wir müssen irgendwann noch diskutieren, wie du dir die „Vergesellschaftung der Produktionsmittel“ vorstellst. Das ist ein recht schwammiger Begriff, der viel Raum zur Interpretation bietet.

      Ich bin heute über den „linken Libertarismus“ gestolpert, sozusagen eine „egalitäre“ Alternative zu Nozick. Den müsste ich mir mal ansehen. Vielleicht kommen wir uns dann näher (auch wenn ich keine große Hoffnung habe 😉 ).

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      • Überprüfe deinen Klassenstandpunkt, Meiner! 😉

        In meinem Liberalismus-Seminar werden wir Hillel Steiner lesen. Also mit dem leftwing libertarism werde ich mich auch noch auseinandersetzen. Aber leider verlieren sich Liberale und Libertäre immer in hypothetischen Annahmen über die Welt, weshalb sich deren Praktikabilität schnell erschöpft (mit Ausnahme vielleicht Sen). Einen klassenkämpferischen Anspruch haben aber alle nicht.
        Bei der Vergesellschaftung der Produktionsmittel gibt es einige Ansätze und alle Probleme sind damit auch nicht gelöst. Ohne Umverteilung wird man auch hier nicht auskommen, da man die Produktivitätsunterschiede irgendwie ausgleichen muss. Es sei denn, man vertraut dem Markt, aber davon bin ich wiederum noch weit entfernt. 😉

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  2. Reflektiere dich! 😉

    Genau, Steiner war unter den Vertretern dieser Denkrichtung genannt. Vielleicht finde ich mal Zeit, mir den anzusehen.

    Der nächste potentielle Streitpunkt zwischen uns: müssen Produktivitätsunterschiede ausgeglichen werden? Das ist erstmal eine Frage, weil ich mir selbst nicht sicher bin. Ich tendiere aber dazu, bestimmte „natürliche“ Unterschiede zwischen den Menschen bzw. deren Auswirkungen auf Produktivität/generell auf Erfolg zu akzeptieren.

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  3. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass dein Beispiel Paris Hilton unglücklich gewählt ist. Ohne ihr Erbe wäre die gute Frau höchstwahrscheinlich mangels ausreichender Erwerbstätigkeitsbefähigungsintelligenz verhungert…

    Aber im Ernst: Die kapitalmarktinduzierte Redistribution der Vermögenswerte im (Finanz-)Kapitalismus (durchschnittlich stärker steigende Kapitaleinkünfte als Lohneinkünfte) würde durch eine Umverteilung im Erbfall erheblich behindert. Gewissermaßen würde der Kapitalismus bei einer substanziellen Erbschaftsbesteuerung jedes Mal in seiner Aufgabe der maximalen Kapitalkonzentration sisyphoesk zurückgeworfen. Möchtest du, dass der Kapitalismus weint?

    Außerdem wissen wir seit Calvin (bzw. die weniger Frommen seit Max Weber), dass weltlicher Erfolg Gottgewolltheit signalisiert. Liegt es da nicht nahe, dass Gott es den Gottgewollten einfach etwas leichter machen möchte, indem er ihnen bereits per Erbschaft ein bisschen was mit auf den Weg gibt? So müssen sie quasi nicht bis zum Ende in lähmendem Zweifel leben. Und auch für die, die nichts erben, ist die Sache quasi von vornherein klar und damit entspannt. Das nenne ich doch mal eine win-win-Situation, die wir hier bitteschön nicht unterschlagen wollen!

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