Die Leiden des jungen VWLers

Aus meiner Erfahrung von insgesamt 6 Jahren VWL-Studium (3,5 Jahre Bachelor im Nebenfach, 2,5 Jahre Master im Hauptfach) kann ich nur verstehen, wieso es immer mehr Rufe nach einer pluralen oder, wie manche es nennen, postautistischen Ökonomik gibt. Und auch wenn ich finde, dass die Kritik an der sog. „Mainstream-Ökonomik“ oft verfehlt ist (wie z. B. in diesem Fall), so gehe ich davon aus, dass das Gefühl, im Studium viel zu wenig Interessantes/Wichtiges gelernt zu haben, nicht nur mein Problem oder das meiner alma mater ist. Daher denke ich, dass mein folgender „Leidensbericht“ auch auf WiWi-Institute vieler anderer Unis übertragbar ist.

Generell ließe es sich folgendermaßen zusammenfassen: das meiste Interessante und Wichtige, was ich über die Ökonomie gelernt habe, war nicht Bestandteil meines VWL-Studiums. Ich habe es mir vielmehr selbst beibringen müssen, während des Studiums und danach. Natürlich ist es nicht so, dass man vom Studium erwarten könnte, alles beigebracht zu bekommen. Dazu ist einerseits die Ökonomie viel zu umfassend und vielschichtig, andererseits die Interessen der Studierenden zu divers. Daher ist es an sich nichts Schlimmes, wenn man sich interessante Sachen selbst beibringt. Gleichwohl sind mir im Laufe der Zeit massive Ungleichgewichte im Angebot meines WiWi-Instituts aufgefallen, deren Aufhebung durchaus zu fordern wäre (was mich auch kürzlich dazu bewegte, mich der im Entstehen befindlichen lokalen Gruppe des Netzwerks Plurale Ökonomik anzuschließen). Dabei lassen sich die Defizite in drei Kategorien unterteilen: zum einen fehlt es an Veranstaltungen zu grundlegenden Fragen, einschließlich Perspektiven aus anderen (sozialwissenschaflichen) Disziplinen; zweitens wird Ökonomie so gelehrt, als gäbe es praktisch nur noch die Neoklassik, in der alle anderen früheren Schulen und Denkrichtungen aufgegangen wären; und drittens wird auch die Neoklassik sehr eng gelehrt, sodass viele wichtige Subdisziplinen fehlen, während andere viel „einheitlicher“ dargestellt werden, als sie es eigentlich sind. Ich werde an dieser Stelle nicht darauf eingehen, dass das VWL-Studium an meiner und vielen anderen Unis auch noch sehr verschult ist und fast nur in Form (überfüllter) Vorlesungen stattfindet, während Seminare Mangelware sind. Obwohl auch dies ganz offensichtlich zu den Leiden des jungen VWLers beiträgt.

Grundlegendes:

Es fehlte in meinem VWL-Studium der Blick in die anderen Sozialwissenschaften. Im Master hatte man immerhin die Möglichkeit, einen Schwerpunkt zu wählen, in dessen Rahmen einige Veranstaltungen bei den Politologen vorgesehen waren. Hatte man einen anderen Schwerpunkt gewählt, konnte man da höchstens – wie ich – „aus Spaß an der Freude“ hingehen, ohne dass man sich aber irgendwas hätte anrechnen lassen können. Was bspw. Soziologie anbetrifft, beschränkte sich hier ihre Einbringung ins VWL-Studium auf gelegentliche zusammenhangslose und oberflächliche Verweise auf die „protestantische Ethik“ von Weber.

Besonders schmerzhaft vermisste ich Einblicke aus der Philosophie. Immerhin gehörte ich zu den wenigen Privilegierten, die ein one-off-Modul zu „Wissenschaftstheoretischen Grundlagen empirischer Wirtschaftsforschung“ mitmachen konnten und durften, das bezeichnenderweise vom Prüfungsamt aus Mangel an Alternativen als das normalerweise vorgesehene Modul „Schätzen und Testen“ angerechnet wurde. Diesen Einblick in die Epistemologie verdankten wir jedoch lediglich der persönlichen Initiative eines wissenschaftlichen Mitarbeiters des Ökonometrie-Lehrstuhls. Von der anderen wichtigen Säule der Philosophie, die für die Ökonomie durchaus relevant ist, der Ethik, bekam man in meinem VWL-Studium praktisch nichts zu hören. Dies ist besonders bezeichnend, weil die MLU einen der wenigen Lehrstühle „Wirtschaftsethik“, die es in Deutschland gibt, beherbergt. Dummerweise hat der zuständige Prof ein Verständnis seines Fachs, das kaum etwas mit der philosophischen Disziplin der Ethik zu tun hat und sich eher an der Friedman’schen „positiven Ökonomik“ orientiert. Wollte man zumindest ein bisschen Ethik (Rawls, um genau zu sein) mitkriegen, musste man zu einer formal finanzwissenschaftlichen Veranstaltung über „Öffentliche Wirtschaft“ gehen.

Auch kam im reichhaltigen Lehrangebot meines Instituts keine Veranstaltung zur ökonomischen Theoriegeschichte vor – obwohl man meinen könnte, dass dies ein zentrales Modul für VWL-Einsteiger sein sollte. Hier und da, insbesondere in den Vorlesungen zu Makroökonomik, bekam man einen sehr oberflächlichen Überblick über die simplfizierte Entwicklung Keynes-Monetarismus-Neoklassische Synthese-Neokeynesianismus, und es gab ein zweiteiliges Modul „Wirtschaftsgeschichte“, das sich aber eben mit der Geschichte der Wirtschaft, nicht der Wirtschaftswissenschaft, befasste. Die „Informationen“ zur Theoriegeschichte beschränkten sich also meistens auf vulgarisierte Berufungen auf Adam Smith (deren einzige Leistungen nach vielen Ökonomen das Bäcker-Gleichnis und das Konzept der unsichtbaren Hand zu sein scheinen).

Denkschulen:

Aus der oben erwähnten Nichtbeachtung ökonomischer Theoriegeschichte folgt logischerweise ein eklatanter Mangel an Erwähnung von zum Mainstream alternativen Denkschulen. Auch hier hatte ich zwar das mehr oder minder zufällige Glück, das in einer wenig populären Vorlesung zu Economics of Nonprofit Organizations (im Master-Studium) der Dozent seine Vorliebe für heterodoxe Konzepte durchscheinen ließ, sodass dort z. B. die Österreichische Schule oder die (alte) Institutionenökonomik angesprochen wurden, wie auch die Systemtheorie. Bezeichnenderweise ist der betreffende Dozent kein Mitarbeiter der Uni, sondern ein Privatdozent, der normalerweise an einem agrarökonomischen Forschungsinstitut in Halle arbeitet. Aber auch wenn man zu den wenigen Studenten gehörte, die diese Veranstaltung besuchten, bekam man dennoch mit großer Wahrscheinlichkeit über sein gesamtes Studium hinweg nichts über die Post-Keynesianische Schule, Marxistische Ökonomik, die Physiokraten, Ökologische Ökonomik, Public Choice Theory oder die Sozialwahltheorie zu hören, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Eingeengter Mainstream:

Paradoxerweise geht die scheuklappenmäßige „Enge“ der VWL-Lehre so weit, dass man oft sogar vom neoklassischen Mainstream nur einen nicht unbedingt repräsentativen Ausschnitt präsentiert bekommt. Da hört man in drei verschiedenen Modulen zur Makroökonomik (plus einem Modul zur Monetären Ökonomik) immer wieder mehr oder weniger dasselbe – was sich vorrangig ändert, ist die mathematische Komplexität der Modelle, nicht aber ihre Herkunft und Bedeutung. Ähnlich gibt es drei verschiedene Module zur Mikroökonomik (hier hat man an der MLU immerhin das Glück, dass zwei davon von einem Lehrstuhl angeboten werden, der sich mit relativ unkonventionellen Sachen wie Verhandlungstheorie und experimentelle Ökonomik befasst). Einige andere wichtige Bereiche der ökonomischen Forschung bleiben auf der Strecke. Wo bleibt z. B. die Wohlfahrtsökonomik, einer der wichtigsten und sehr umfassenden Teile auch der Mainstream-Ökonomik? (ich kann mich an eine Bemerkung der bereits erwähnten Mikro-Professorin erinnern, dass eine Veranstaltung zu dem Thema eigentlich ganz gut wäre, aber derzeit von ihrem Lehrstuhl nicht zu stemmen sei – leider) Oder die Entwicklungsökonomik? Arbeitsmarktanalyse? Politische Ökonomik?

Hinzu kam, dass, wie ich z. T. erst später feststellte, das, was entsprechend den üblichen Lehrbuchinhalten in vielen Fächern gelehrt wird, diesen Fächern gar nicht gerecht wird. So ist z. B. der Unterschied zwischen der Darstellung des Zusammenhangs von monetären und realen Variablen im Lehrbuch-Studium und seiner Betrachtung in der entsprechenden Mainstream-Fachliteratur riesig (dazu siehe hier). Die gelehrte Neoklassik ist noch viel enger als die eigentliche Neoklassik, die an sich schon nur einen Ausschnitt der ökonomischen Theorie(n) darstellt.

***

Sind meine Erfahrungen für das VWL-Studium in Deutschland repräsentativ? Nach dem, was ich von anderen VWL-Absolventen mitbekommen habe: ja. Und wenn es vom Mittel abweicht, dann eher im positiven Sinne – durch die ungewöhnliche Anzahl von Forschungsinstituten in und um Halle („mein“ UFZ, das bereits erwähnte IAMO, das IWH) konnte unser WiWi-Institut immer wieder auf externe Dozenten zurückgreifen, die durch ihre spezifische Forschungsausrichtung vergleichsweise interessante Themen anbieten konnten. Die Situation dürfte an vielen Unis, die an weniger „gesegneten“ Standorten lokalisiert sind, noch viel eklatanter sein.

Die Defizite im VWL-Studium in Halle, und meines Wissens auch an den meisten anderen Universitäten Deutschlands, sind riesig. Es fehlt an Blicken von außen, aus anderen verwandten Disziplinen; es fehlt an Vielfalt innerhalb der gelehrten Ökonomie, sowohl was den Mainstream anbetrifft als auch, vor allem, was sich außerhalb des Mainstreams tummelt. Selbst wenn man hier und da etwas Anderes mitbekommt, ein bisschen „Pluralität schnuppert“, geschieht dies meist zufällig, durch die Initiativen einzelner Dozenten, ohne systematische Unterstützung und Verankerung im Curriculum der WiWi-Institute. Natürlich kann man sich als Student selbst weiterbilden, ja man sollte dies tun. Aber das heißt nicht, dass die derzeitige Situation akzeptabel wäre. Erstens gibt es genügend Leute, die mit selbstständigem Selbststudium nicht so gut klarkommen und Anreize von außen brauchen. Zweitens sollte das VWL-Studium einen Sinn haben – wenn ich mir die wichtigen Sachen selbst beibringen muss, wozu studiere ich dann überhaupt? (das Zeugnis kann ja nicht das wesentliche Ziel eines Universitätsstudiums sein!)

Lektüreempfehlungen (solange Selbststudium unausweichlich ist):

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3 Gedanken zu “Die Leiden des jungen VWLers

  1. Interessanter Beitrag. Die Frage ist natürlich immer, was man vom bisherigen Stoff weglässt, wenn andere Inhalte angeboten werden. Das ist ja auch immer die Zwickmühle bei Forderungen nach neuen „lebensnahen“ Schulfächern wie Ernährung, Finanzen etc. – streicht man dann dafür Musik und Geographie oder machen die Schüler einfach jeden Tag 2 Stunden länger?

    Alternativ – und wieder mit Bezug zum VWL-Studium – könnte man sagen, man geht nicht so sehr in die (mathematische) Tiefe. Aber ist es besser, vieles oberflächlich zu lernen oder weniges umfassend? Schwer zu sagen. Wenn ich daran denke, was der zentrale Mehrwert meines Studiums war, dann ist fällt mir die Herangehensweise wissenschaftlichen Arbeitens ein, im Kern also Methodik. Und ich schätze mal, dass man methodisches Wissen vor allem bei der tiefergehenden Befassung mit irgendeinem beliebigen Inhalt erlangt.

    In der Ökonomik ist die mathematische Modellierung nunmal die dominierende „Methode“. Allen Schwächen zum Trotz macht es Sinn, sich damit intensiv zu befassen, ansonsten wird man in den meisten wiwi. Bereichen nicht allzu weit in die Tiefe vordringen können. Interessante Inhalte wie Ethik kann man sich eben mal noch eher im Selbststudium aneignen als Methoden – die muss man praktisch anwenden (und sei es nur im Seminar oder in einer Klausur), da reicht es nicht, einfach mal ein Buch zu lesen. Ganz zu schweigen davon, dass irgendjemand freiwillig Methodenbücher lesen würde.

    Andererseits habe ich vom breiten inhaltlichen Angebot in meinem Studium durchaus sehr profitiert. Vermutlich würde mir das heute sehr fehlen, wenn ich stattdessen nur Mathe an irgendeinem blödsinnigen neoklassischen Rumpfmodell geübt hätte. Letztens habe ich z.B. im Rahmen einer umweltökonomischen Erörterung von meinem Restwissen zur konstruktivistischen Theorie profitiert. Dafür fehlt mir heute die Mathematik 😉 Tja, wie man’s macht…

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    • Es geht ja vor allem um das Angebot, nicht darum, was man als einzelner Student letzten Endes tut, d.h., nicht darum, dass nun alle Ethik belegen müssen (obwohl ich zumindest eine Einführung in die Theoriegeschichte und in die Epistemologie für zwingend notwendig halte – man kann sich ja schlecht ernsthaft mit der Methodik befassen, ohne zu verstehen, was eigentlich dahinter steckt), sondern dass sie zumindest die Möglichkeit dazu haben. Und ich habe auch versucht, auszuführen, was man weglassen könnte – an meiner Uni z. B. könnte man das Makro-Lehrprogramm sehr abspecken, ohne dass man große Einbüßen an Inhalten hätte. Mehr Abstimmung zwischen den einzelnen Dozenten würde schon viel bringen, weil man da immer wieder das gleiche hört.

      Und da du schon die dominierende Methode, die Mathematik, angesprochen hast: erstens, zu viel Status-quo-Orientierung halte ich für gefährlich (dass alle Ökonomen auf Mathematik machen, heißt nicht, dass dies in diesem Ausmaß sinnvoll ist). Zweitens gibt es genügend „mathematische“ Bereiche der Ökonomik, die dennoch nicht vorkommen (die sich aber methodisch z. B. von den Optimierungsmodellen in der Mikro- und Makroökonomik unterscheiden), wie bspw. die Wohlfahrtsökonomik, die Allgemeine Gleichgewichtstheorie (OK, die soll mathematisch so anspruchsvoll sein, dass sie vielleicht zu viel fürs Studium ist) oder die Sozialwahltheorie.

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    • P.S. Dass dir die Mathemtik fehlt, könnte daran liegen, dass du nicht VWL studiert hast;-) Und daraus würde ich nicht den Schluss ziehen, dass das andere Extremum, wie an vielen WiWi-Instituten praktiziert, die Lösung wäre.

      Ganz zu schweigen davon, dass irgendjemand freiwillig Methodenbücher lesen würde.

      Ich habe es mal getan. Und eine Gegenfrage: wer liest denn schon freiwillig Luhmann? Oder The Methodology of Economics?

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