GFSF: Gute Forschung, schlechte Forschung

Als ich vor ein paar Jahren den Essay „The Presumptions of Science“ von Robert L. Sinsheimer las, war ich begeistert. Da schrieb mir jemand aus der Seele: bestimmte Arten von Forschung, insbesondere die Entwicklung bestimmter Technologien, sollten unterlassen werden, weil sie absehbare negative Folgen für die Gesellschaft haben (könnten). Beispiele von Sinsheimer waren v. a. Gentechnik und Atomkraft, heutzutage wären zusätzliche Kandidaten bspw. Geo-Engineering, CCS oder synthetische Biologie. Es mag sein, dass Sinsheimer Recht hatte, dass bestimmte Arten von Forschung sich als „schlecht“ erweisen. Dennoch würde uns ein Versuch, seine Vorschläge praktisch umzusetzen – die auch immer wieder in unterschiedlichen Kontexten so ähnlich gemacht werden – vor schwer überwindbare Praktikabilitätsprobleme stellen.

Das Grundproblem der Trennung zwischen „guter Forschung“ (GF) und „schlechter Forschung“ (SF) ist ihre trennscharfe Identifizierung. Wo beginnt SF? Man kann ja schlecht Teilchenphysik als Ganzes in diese Kategorie stecken, selbst wenn man mit Forschung zu energetischer Nutzung der Atomkraft ein Problem hat. Ähnlich Gentechnik oder synthetische Biologie – wo endet die „unproblematische“ Forschung? Dieses Problem ist besonders gravierend in einer historischen Betrachtung – ex post mag es vielleicht feststellbar sein, ab welchem Zeitpunkt ein bestimmter Forschungsstrang aufhörte, (netto) gesellschaftlichen Nutzen zu stiften (auch wenn ich auch das bezweifle). Ex ante ist diese Feststellung illusorisch. Kann man Einstein wirklich für Hiroshima verantwortlich machen? Ich denke kaum, auch wenn er manchmal Schuldgefühle geäußert hat. Zwischen seiner Arbeit und „Little Boy“ lagen zu viele Zwischenschritte und unerwartete gesellschaftliche Entwicklungen, um ihm Verantwortung anzulasten.

Selbst wenn man GF und SF scharf trennen könnte: was dann? SF verbieten? Dies ist in einer Demokratie in den meisten Fällen schlecht möglich, auch unter Anwendung des Vorsichtsprinzips – solange jemand nicht direkt an einer Atomwaffe forscht, wird man ihm kaum vorschreiben dürfen, was er zu erforschen hat und was nicht. Wer entscheidet überhaupt, welche Forschungsstränge „problematisch“ sind? Auch das Vorsichtsprinzip selbst ist zwar ein schönes Konzept, aber seine Operationalisierung ist alles andere als einfach – denn sehr leicht kann man dem Extremum verfallen, krampfhaft am Status quo festzuhalten, aus Angst vor möglichen, doch unbekannten negativen Auswirkungen des Neuen. Alternativ zu Verboten könnte man, wie Sinsheimer vorschlug, öffentliche Finanzierung einschränken (was aber z. B. in den Vereinigten Staaten relativ wirkungslos wäre, weil dort sehr viel Forschung von privaten Stiftungen gefördert wird) oder an das Gewissen der beteiligten Forscher appellieren (was erstens völlig naiv und zweitens aufgrund der oben diskutierten Trennungsprobleme kaum umsetzbar wäre).

Fat-Man-Pilz über Nagasaki 1945.

Fat-Man-Pilz über Nagasaki 1945.

Die „problematischen“ Bereiche sind meistens anwendungsbezogen, aber auch hier ist die Trennung schwierig: wo beginnt angewandte Forschung, wo endet also Grundlagenforschung? In manchen Fällen, wie bereits erwähnt, mag die Grenze, die nicht zu überschreiten ist, klar sein. Das Manhattan-Projekt könnte man als Überschreitung einer solchen Grenze betrachten (obwohl es auch in diesem Fall wichtige Gegenargumente gäbe). In den meisten Fällen ist der Übergang aber sehr fließend.

Letztlich stellt sich die Frage: ist die Forschung das Problem? Oder sind es eher die Menschen, die mit allen möglichen Dingen Böses anstellen können? Sprich: gibt es so etwas wie „harmlose“ Forschung? Diese letzte Frage lässt sich ex ante nicht zufriedenstellend beantworten, weil wir ja nicht wissen, wohin die Entwicklung gehen könnte (Sinsheimer zitiert in seinem Text den Physiker Robert Milikan, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts entschieden gegen die Vorstellung wandte, man könnte die Atomkraft beherrschen, um sie nutzbar zu machen – nach dem damaligen Wissensstand war dies auch gerechtfertigt). Das Problem ist, dass Menschen meistens nicht in der Lage sind, vorauszusehen, wie ihre Ideen und Erfindungen in der Zukunft verwendet werden. Eine konsequente Gefahrenabwehr würde auf Stillstand hinauslaufen.

Dies soll nicht heißen, dass die Forscher selbst bar jeglicher Verantwortung für ihr Erforschtes sind. Ganz im Gegenteil. Doch dies ist in aller Regel eine persönliche Verantwortung, die man nur sehr schwer von außen steuern kann. Der Appell von Sinsheimer an seine Forscherkollegen, Gefahren zu erkennen und ggf. von der Arbeit an bestimmten Fragestellungen abzusehen, ist zwar nicht falsch – aber an sich nichts Neues (diese Empfehlung ließe sich bspw. relativ leicht aus Kants Kategorischem Imperativ ableiten).

Doch gäbe es noch eine andere Sicht auf das GFSF-Dilemma: es gibt Forschung, deren kurz- bis mittelfristiger gesellschaftlicher Nutzen zumindest fragwürdig ist (wobei natürlich die Einschränkungen von oben auch hier zutreffen), die aber unglaubliche Mengen an Ressourcen verschlingt. CERN, NASA und ähnliche Programme wären ein Beispiel. Doch auch gegen diese Betrachtung ließe sich argumentieren: erstens, dass wir an anderen Stellen noch viel mehr Ressourcen verschwenden (Militär ist mein Lieblingsbeispiel). Zweitens ist der Nutzen, den die Menschheit aus Forschung zieht, nicht nur „materiell-instrumenteller“ Natur. Dies gilt gerade für die so kostspielige Erforschung des Weltalls. Ich persönlich halte sie für verschwenderisch, habe gleichwohl noch nie von ernsthaften Protesten gegen sie (oder gegen CERN) gehört. Offensichtlich erobern wir Menschen gern, und auch scheinbar nutzloses Wissen (gibt es den Higgs-Boson oder nicht?) scheint für uns wertvoll zu sein.

Ja, es gibt Forschung, die problematische Konsequenzen hat oder haben könnte. Diese Feststellung, wie auch die Empfehlung, dass man dies als Forscher in Betracht ziehen sollte, ist eigentlich offensichtlich. Potentiell problematische Forschung ex ante zu identifizieren oder praktikable Wege zu finden, mit ihr umzugehen, ist schon wesentlich schwieriger. Womöglich gar nicht umsetzbar. Und man sollte sich fragen, ob die Forschung das Problem ist oder wir Menschen. Wenn Letzteres der Fall ist, dann kommen wir mit der Losung GFSF nicht weit.

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