Eine wohlfahrtsökonomische Analyse des Radfahrens (mit Augenzwinkern)

Als Radfahrer fühlt man sich des Öfteren benachteiligt: während die Autofahrer in ihren sicheren, vor Wind und Wetter geschützten Stahlpanzern sitzen und entspannt Musik hören können, muss man als Anhänger des nicht-motorisierten Individualverkehrs mit Wind kämpfen, Nässe ertragen, sich an Falschparkern und Kleinbaustellen vorbeischlängeln und läuft immer Gefahr, dass man bei Unfällen als der Hauptbeschädigte dasteht, unabhängig davon, ob sie selbstverschuldet sind oder nicht. Besonders schnell ans Ziel kommt man auch nicht unbedingt, was einem besonders bei schlechtem Wetter bewusst wird. Dabei ließe es sich einiges machen, die öffentlichen Güter in Form von Radinfrastruktur lassen viel zu wünschen übrig. Gleichwohl lässt es sich sehr gut zeigen, dass Radfahren als Alternative zum motorisierten Individualverkehr eine ganze Reihe positiver externer Effekte generiert. Die allgemeine Benachteiligung von Radfahrern ist daher wohlfahrtsökonomisch betrachtet ein Marktversagen, dass der Staat zu korrigieren hat.

Street_scene_from_Bundi,_Rajasthan

Die eindeutig unterschätzte Quelle positiver externer Effekte. (Foto von Chris, CC BY 2.0)

Was sind denn die positiven Effekte des Radfahrens (immer verglichen mit der Alternative des Autofahrens), gesamtgesellschaftlich betrachtet?

  1. Radfahren ist gesundheitsfördernd. Man bewegt sich an der (halbwegs…) frischen Luft, dies reduziert die Anfälligkeit gegen Krankheiten aller Art (von Erkältung bis hin zu Osteoporose im Alter). Auch generieren Fahrräder keine gesundheitsschädlichen Abgase, die andere Gesellschaftsmitglieder krank machen würden. Unfälle mit Fahrräder- aber ohne Auto-Beteiligung enden nur äußerst selten mit schwerwiegenden Verletzungen oder gar Todesfällen. All dies ist eindeutig entlastend für das Gesundheitssystem und daher ein positiver externer Effekt aus Sicht der Gesamtgesellschaft.
  2. Radfahren ist umweltfreundlich. Die bereits angesprochenen, von mit Verbrennungsmotoren ausgestatteten Vehikeln generierten Abgase sind nicht nur für die menschliche Gesundheit schädlich, sondern auch für die natürliche Umwelt. Sie belasten Luft, Atmosphäre, Böden und Gewässer. Des Weiteren ist die Produktion und Nutzung von Fahrrädern mit weit weniger Materialverbrauch verbunden und führt daher zu weniger indirekten Umweltschäden. Zuletzt ist es aus Sicht von Fahrrädern weniger sinnvoll, im Winter Straßen zu salzen (auf mit Kies gesträuten fährt es sich oft besser und sicherer), während die Praxis des Salzens ungeheuer umweltschädlich ist, weil das Salz mit der Zeit ausgewaschen wird und in Böden und Gewässer gelangt. Auch unter Umweltgesichtspunkten ist Radfahren also gesamtgesellschaftlich positiv zu bewerten.
  3. Radfahren ist leiser. Während sogar moderne Autos bei höheren Geschwindigkeiten, beim Anfahren, beim Hupen und Türzuschlagen mit Lärmbelästigung verbunden sind, sind die meisten Fahrräder relativ leise. Die einzige relevante Ausnahme sind Klapperfahrräder auf Kopfsteinpflaster – da Letzteres aber kein optimaler Bodenbelag für Fahrzeuge ist (auch nicht für Autos, die übrigens auf Kopfsteinpflaster ebenfalls ungeheuer laut werden können), ist das kein Argument gegen Fahrräder, sondern für bessere Straßen.
  4. Radfahren verbraucht weniger Platz. Während ein durchschnittliches Auto etwa 1,5-2 Meter breit und 3-4 Meter lang ist und wegen der erreichten Geschwindigkeiten einen gewissen Sicherheitsabstand zur Außenwelt braucht, sind die Raumansprüche von Fahrrädern wesentlich geringer. Dies ist besonders auffällig in alten Städten, durch deren enge Gassen Radfahrer relativ problemlos durchkommen, während Autos die wenigen oft extra für sie verbreiterten Straßen verstopfen. Ein weiterer Faktor ist natürlich Raum fürs Parken. Ein Fahrrad hat da keine großen Ansprüche, weder in der Innenstadt noch am Wohnort. Da kann kaum so etwas passieren, was in Halle, wo ich wohne, in einem der beliebteren Wohnviertel der Fall ist, wo mehr als 1,5-mal so viele Autos gemeldet sind wie es öffentliche Parkplätze gibt.
  5. Radfahren erschwert terroristische Anschläge: dieses Argument ist so simpel wie selten bedacht – in einem Fahrrad kann man keine Autobombe verstecken.

Zu den externen Effekten kommt noch ein weiteres wohlfahrtsökonomisches Argument für die Förderung des Radfahrens: da es kaum zu leugnen ist, dass Autofahren in vielerlei Hinsicht sehr angenehm ist (leise, trocken, windgeschützt, bequem, kraftsparend…), dürfte eine Verbesserung der Situation der Radfahrer auf Kosten der Autofahrer einen höheren Grenznutzen haben. Der durchschnittliche Radfahrer „hat nicht so viel“, also ist jede zusätzliche Einheit an auf ihn ausgerichteten öffentlichen Gütern für ihn mehr wert, als dies beim vom Leben verwöhnten Autofahrer der Fall wäre.

Die aus meiner wohlfahrtsökonomischen Analyse des Radfahrens folgenden Politikempfehlungen sind relativ offensichtlich und auch nicht schwer umzusetzen:

  • mehr und bessere Radwege; ordentlich durchdachte Radwegnetze;
  • deutlich mehr nur für Fußgänger, Radfahrer und evtl. den öffentlichen Personennahverkehr zugänglichen Bereiche in Städten;
  • mehr Parkmöglichkeiten für Fahrräder, gern auf Kosten von PKW-Parkplätzen;
  • Förderung eines Netzwerks von Werkstätten und Automaten mit Ersatzschläuchen (am besten mit angedockten Luftpumpen);
  • an Radgeschwindigkeiten ausgerichtete innerstädtische Ampelschaltungen (wie von Kopenhagen vorgemacht);
  • grundsätzlicher Vorrang für Fahrräder gegenüber Autos, so wie es zzt. in den meisten Städten für Straßenbahnen gilt.

All dies sind keine komischen Ideen rückwertsgewandter Spinner, sondern das Resultat rigoroser wohlfahrtsökonomischer Analyse. Mit nur ein wenig Augenzwinkern.

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6 Gedanken zu “Eine wohlfahrtsökonomische Analyse des Radfahrens (mit Augenzwinkern)

  1. Gegentotschlagargument eines Gewerkschafters: Arbeitsplätze! In der Automobilindustrie sind wesentlich mehr Menschen direkt und noch mehr indirekt beschäftigt. Eine Benachteiligung des Automobilverkehrs führt damit zu Umsatzeinbrüchen der Automobilindustrie, Entlassungen und ein daraus resultierender negativer Multiplikatoreffekt, dessen Ende die Deindustrialisierung Deutschlands ist. Interessiert aber die öko-libertäre Oberschicht nicht, weil es sie in ihrer akademischen Sphäre nicht tangiert. Meine Meinung. Punkt.

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    • Ich habe nicht ohne Grund „mit Augenzwinkern“ in den Titel gesetzt. Wenn man die Sache ganzheitlich und nicht, wie ich, bewusst etwas einseitig betrachten würde, dann spielen Arbeitsplätze natürlich eine Rolle, gerade in Deutschland. Allerdings halte ich sie mitnichten für ein Totschlagargument: sie schwächen zwar meine Argumentation ab, aber sie eliminieren sie nicht. Es bleibt die Feststellung, dass man auf der einen Seite Arbeitsplätze hat (wobei man sagen müsste: mit mehr Radfahrern bräuchte man mehr Werkstätten, außerdem ist die Fahrradherstellung recht arbeitsintensiv – es würden also nicht nur Arbeitsplätze verloren gehen, es würden auch woanders welche entstehen), auf der anderen all die weniger direkten, aber durchaus relevanten Effekte, die eine Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs zugunsten von Rad/Fuß/ÖPNV mit sich bringen würde. Und wie du (damit meine ich nicht die Kunstfigur des Otto Normalbürgers, sondern die reale Person dahinter;-) bestens weißt, kann man mit diesem Totschlagargument jegliche Änderungs-/Reformvorschläge aufhalten, denn es gibt keine schmerzlosen gesellschaftlichen Veränderungen. Auch wenn Prof. Ingo Pies wahrscheinlich anderer Meinung ist.

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  2. Der Punkt mit den Arbeitsplätzen ist nicht von der Hand zu weisen. Es gibt bereits viel zu viele Arbeitsplatzverluste durch unverbesserliches ökoliberales Gutmenschentum. Man erinnere sich nur an das Verbot von Antipersonenminen: Nur damit irgendwelche kambodschanischen Kinder ihre Beine nicht weggesprengt kriegen, müssen anständige Deutsche hier auf ihre Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie verzichten.. SO’N HALS hab ich, wenn ich daran denke…

    Mit der Autoindustrie ist das Ganze noch viel ärger – immerhin ist das Deutschlands industrielle Basis! Den ganzen Ökojammerern – und ja, da meine ich Sie, Hr. zielonygrzyb -, sage ich klipp und klar: Lieber eine zerstörte Erde ohne Leben aber mit Arbeitsplätzen, als eine intakte Erde ohne Arbeitsplätze! Was nützt uns denn die Umwelt, wenn wir keine Arbeit haben – richtig – nüscht!

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  3. „Nur damit irgendwelche kambodschanischen Kinder ihre Beine nicht weggesprengt kriegen, müssen anständige Deutsche hier auf ihre Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie verzichten.. SO’N HALS hab ich, wenn ich daran denke…“

    Scheinst keinen besonders ausgeprägten Horizont zu besitzen mein Guter…
    Klar, nicht cool für dich wenn du deinen Job verlierst aber wer ist denn schuld an deinem Schicksal?
    Die paar Ökos, die hierzulande rumlaufen?
    Oder wohl doch eher der Kapitalismus, der dich überhaupt von so einem miesen Job abhängig macht…

    Bitte das nächste mal nachdenken bevor noch dein Hals platzt 🙂

    Und Zeeers….

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