Erfasst ökonomische Bewertung Nutzwerte?

Unter den vielen Kritikpunkten an der umweltökonomischen Bewertung findet man unter anderem den Hinweis, dass sie nur Tauschwerte (d.h., Preise) ermittelt, nicht aber Nutzwerte, die die tatsächliche Bedeutung eines Gutes für den Menschen angeben. Gleichwohl hört oder liest man gelegentlich die Behauptung mancher Ökonomen, das Konzept des Ökonomischen Gesamtwertes (Total Economic Value, TEV), auf dem die ökonomische Bewertung meistens basiert, enthalte doch Nutzwerte. Wer hat nun Recht?

Diamant...

Diamant…

Als die Vertreter der klassischen Ökonomie (Adam Smith, David Ricardo, John Stuart Mill, gewissermaßen auch Karl Marx) die Grundsteine der heutigen Volkswirtschaftslehre legten, hatten sie mit dem sog. Diamanten-Wasser-Paradoxon zu kämpfen: wenn Wasser offensichtlich „wichtiger“ für das menschliche (Über-)Leben ist als Diamanten, wieso sind Letztere so viel teurer? Dieses Paradoxon bewegte sie dazu, eine bis heute gültige Unterscheidung zwischen Nutz- bzw. Gebrauchswerten auf der einen und Tauschwerten auf der anderen Seite zu treffen. Wasser hat einen sehr hohen Nutzwert für uns, es ist essentiell für unser Überleben. Es hat aber einen sehr geringen Tauschwert. Bei Diamanten ist es genau umgekehrt. Doch warum ist das so?

...oder Wasser?

…oder Wasser?

Auch wenn den Klassikern die Diskrepanz zwischen Nutzwert und Tauschwert bereits klar war, hatten sie keine überzeugenden Erklärung für sie. Erst die neoklassische Ökonomik mit ihrer „marginalistischen Revolution“ vermochte es, eine Antwort auf diese Frage zu geben. Laut den Neoklassikern entspricht der Tauschwert, also der Preis, dem Grenznutzen einer weiteren Einheit des betrachteten Gutes, während der Nutzwert den (abstrakteren) Gesamtnutzen widerspiegelt. Wieso haben dann Diamanten einen so hohen Grenznutzen, verglichen mit Wasser? Dies hat mit Knappheit zu tun, dem zentralen Begriff der modernen Ökonomie: je knapper ein Gut ist, desto höher ist sein (subjektiver) Tauschwert. Anders ausgedrückt besteht der Unterschied zwischen Nutzwert und Tauschwert darin, dass Ersterer nur die Nachfrage nach einem Gut widerspiegelt (wie „wichtig“ ist uns das Gut?), während der Tauschwert sich ergibt, wenn wir zusätzlich noch das Angebot (wie viel von dem Gut ist da? bzw. wie knapp ist es?) berücksichtigen. Beides, sowohl die Nachfrage und das Angebot, wird dabei völlig subjektiv betrachtet – es kommt nicht darauf an, wie wichtig Diamanten „wirklich“ sind oder wie viel Wasser tatsächlich da ist, sondern vielmehr darauf, wie Menschen dies einschätzen. Die moderne ökonomische Wertlehre ist in diesem Sinne, im Gegensatz z. B. zu der von Marx, rein subjektivistisch bzw. präferenzbasiert (der heutzutage eher gebräuchliche Begriff).

Wie lässt sich all das nun auf die umweltökonomische Bewertung übertragen? Wie eingangs erwähnt, wird zur Bewertung von Umweltgütern meistens das Konzept des ökonomischen Gesamtwertes (TEV) herangezogen (siehe Grafik).

Der ökonomische Gesamtwert. Quelle: TEEB DE - Naturkapital Deutschland.

Der ökonomische Gesamtwert. Quelle: TEEB DE – Naturkapital Deutschland. [zum Vergrößern draufklicken]

Der ökonomische Gesamtwert eines Ökosystems wird in aller Regel in drei große Kategorien eingeteilt: nutzungsabhängige Werte, Optionswert und nichtnutzungsabhängige Werte (für Einzelheiten einschließlich Beispiele siehe Grafik). Prinzipiell kann man alle Wertkategorien innerhalb des TEV als Nutzwerte interpretieren – es geht nämlich erst einmal lediglich darum, wieso Ökosysteme bzw. Umweltgüter im Allgemeinen für uns wertvoll sind. Soweit die Theorie.

Doch die Kritik, ökonomische Bewertung liefere lediglich Aussagen über Tauschwerte, greift alsbald wir uns von der Theorie verabschieden und der praktischen Anwendung in Bewertungsstudien widmen. Diese betrachten nämlich nicht ein abstraktes TEV im luftleeren Raum, sondern ermitteln Zahlungsbereitschaften für ganz bestimmte Umweltgüter – sie kommen nicht umhin, Knappheitsaspekte zu berücksichtigen. Man kann nicht einfach fragen „Was ist Ihre Zahlungsbereitschaft für naturnahen Wald?“, sondern muss eine Angabe machen darüber, um wie viel naturnahen Wald es geht. Hier wird also nicht lediglich die abstrakte Wichtigkeit von Ökosystemen für den Menschen ermittelt, sondern ihre Wichtigkeit unter der Nebenbedingung ihrer subjektiv wahrgenommenen Knappheit. Und das entspricht unserer obigen Definition des Tauschwertes.

Nun stellt sich die Frage: was ist denn so schlimm an den Tauschwerten? (Wieso) brauchen wir überhaupt Nutzwerte? Der Grund für die „Anstößigkeit“ von Tauschwerten liegt wohl darin, dass man mit ihnen Preise assoziiert, und Preise werden als etwas Schlechtes, eine „wirklich wertvolle“ Sache Entwürdigendes wahrgenommen. Über die Unterscheidung zwischen den Begriffen Preis, Wert und Zahlungsbereitschaft habe ich bereits geschrieben, ich werde die Argumente an dieser Stelle nicht wiederholen. Stattdessen möchte ich darauf hinweisen, dass Tauschwerte genauso wie Nutzwerte subjektiv sind (dies wird oft übersehen: Menschen, die mit der Subjektivität der ökonomischen Betrachtung ein Problem haben, scheinen zu glauben, dass Nutzwerte vor ihr gefeit sind – wie ich oben ausgeführt habe, ist das mitnichten der Fall). Sie sind auch nicht zwei voneinander losgelöste Konzepte, sondern eng miteinander verbunden: man könnte sagen, dass der Tauschwert dem mit der Informationen über die Knappheit des betrachteten Gutes gewichteten Nutzwert entspricht. So kann z. B. der Nutzwert von Wasser als temporal und räumlich konstant angesehen werden – wir alle brauchen es gleichermaßen zum (Über-)Leben. Sein Tauschwert kann aber durchaus schwanken in Abhängigkeit bspw. von klimatischen Bedingungen oder seiner schlichten Verfügbarkeit. Welche Information ist nun wirklich relevant: die über den Nutzwert oder die über den Tauschwert? Ich würde behaupten, dass die Letztere wesentlich wichtiger ist.

Ein anderes, verwandtes Problem, dass viele Menschen mit Tauschwerten haben, resultiert direkt aus dem Diamanten-Wasser-Paradoxon: wenn der Tauschwert von „objektiv“ nutzlosen Diamanten den Tauschwert von „objektiv“ essentiellem Wasser um ein vielfaches übersteigt, muss irgendwas daran faul sein. Das mag richtig sein, die Berufung auf Nutzwerte wird aber kaum etwas daran ändern – das Problem sind vielmehr wir Menschen, die wir aus unerklärlichen Gründen Diamanten so sehr schätzen, dass wir sogar in Kauf nehmen, dass sie Bürgerkriege anheizen. Wie ich bereits einst schrieb: die Ökonomie geht immer vom „ethischen Status quo“ aus. Wenn wir Menschen Präferenzen für (Blut-)Diamanten haben, dann liefert die Ökonomie diese Information. Das kann man gut oder schlecht oder neutral finden – die menschlichen Makel der Ökonomie anzuhängen scheint mir aber übertrieben zu sein.

Zuletzt wird die Tauschwertbetrachtung oft kritisiert, weil sie Individuen einen Preisschild umhängt – vermeintlich. Doch zum einen stimmt das so nicht, weil die ökonomische Bewertung über Individuen keine Aussagen treffen kann. Zum anderen ist auch hier der Nutzwert keine Hilfe, schon allein deswegen nicht, weil er ein rein hypothetisches Konstrukt ist (siehe oben). Und auch wenn er irgendwie messbar wäre – er resultiert immer noch aus einer instrumentellen Betrachtungsweise, die zumindest marginal eine Substituierbarkeit impliziert. Mit anderen Worten: ein individuelles menschliches Leben (um ein besonders prägnantes Beispiel zu nutzen) hat keinen ökonomischen Wert im eigentlichen Sinne bzw. kann auf diesen nicht reduziert werden. Ob Tauschwert oder Nutzwert, ist an dieser Stelle unerheblich.

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