Was ist ein Wal wert? Oder ein menschliches Leben?

Darf man den ökonomischen Wert eines Wals oder eines menschlichen Lebens ermitteln? Kann man das überhaupt? Was ist mit dem ökonomischen Wert der gesamten Biosphäre? Ein gewichtiger Kritikpunkt an der ökonomischen Bewertung ist, dass sie genau das tue – sie hänge Sachen einen Preisschild an, die keinen haben dürfen. Doch ist das wirklich ökonomische Bewertung? Kann sie tatsächlich Aussagen über den Preis eines individuellen Wals, eines individuellen menschlichen Lebens oder der Biosphäre in ihrer Gesamtheit liefern?

„Was wären Sie bereit, für diesen Wal zu zahlen?“ Eine sinnlose Frage?

Die mit Abstand berühmteste und meistzitierte umweltökonomische Bewertungsstudie ist zweifellos die 1997er Nature-publizierte Studie von Robert Costanza und Konsorten: The value of the world’s ecosystem services and natural capital (PDF). In ihr wurde der ökonomische Wert der gesamten Biosphäre auf etwa 33.000.000.000.000 (Billionen) Dollar geschätzt. Zum Vergleich: zum Zeitpunkt der Veröffentlichung betrug das Welt-BIP etwa 18 Billionen Dollar. Die Zahlen gingen um die Welt und werden in der FAZ und im Spiegel genauso gern zitiert wie im Fachdiskurs.

Ein paar Jahre später wurde im einflussreichen Journal of Risk and Uncertainty eine Meta-Analyse veröffentlicht, laut der ein menschliches Leben irgendwas zwischen 4 und 9 Millionen Dollar wert sei. Die Idee, dem menschlichen Leben einen ökonomischen Wert zuzuweisen, halten Kritiker des ökonomischen Bewertungsansatzes für besonders frevelhaft. Und selbst wenn es „nur“ um den „Preis“ eines Wales geht, ein ebenfalls sehr beliebtes Beispiel der besorgten Umweltschützer, ist allein die Idee, man könnte so etwas ermitteln, doch haarsträubend. Oder?

Das Problem ist, dass aus ökonomischer Sicht die Bewertung von individuellen Leben (menschlich oder tierisch) genauso sinnlos ist wie das, was Costanza & Co. getan haben. Es regt also nicht nur besorgte Umweltschützer auf, sondern auch viele vernünftige Ökonomen. In einem Kommentar zu Costanzas Studie bemerkte der World-Bank-Ökonom Michael Toman passenderweise, dessen Schätzung des Wertes der Biosphäre sei „a serious underestimate of infinity“.

Ökonomische Bewertung basiert auf der Annahme der Substituierbarkeit. Und sie ist auf die Bewertung von marginalen Veränderungen in der Qualität oder Quantität („eine zusätzliche Einheit“) eines Gutes ausgelegt. Auch wenn es im Bereich von Umweltgütern oft nicht klar ist, was „marginal“ konkret bedeutet bzw. wo die Grenze zwischen marginal und nicht-marginal verläuft – es ist doch ziemlich klar, dass Costanzas Biosphären-Bewertung nicht marginal ist. Denn sie impliziert, wie jede ökonomische Bewertung (eigentlich), eine Abwägung zwischen dem betreffenden Gut und anderen Gütern, die in Geldeinheiten ausgedrückt werden. Das bedeutet in Costanzas Fall, dass er und seine Co-Autoren implizit sagen: „Die Menschheit wäre bereit, für 33 Billionen Dollar auf die Biosphäre zu verzichten.“ Diese Aussage ist nicht moralisch unvertretbar, wie oft kritisiert. Sie ist vielmehr absurd.

Ähnliches gilt für die Bewertung von menschlichem Leben oder von Walen. Man kann sie eigentlich nicht an konkreten Individuen festmachen, weil Individuen nicht substituierbar sind, auch nicht im abstrakten Sinne. Die ökonomische Bewertung betrifft einzelne Einheiten eines Gutes – aber ein Individuum ist das gesamte „Gut“. Daher ermitteln Ökonomen in Wirklichkeit auch nicht den Wert eines (statistischen) menschlichen Lebens, sondern die Zahlungsbereitschaft für eine geringfügige Veränderung in der Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Unfalls. Diese hochzuskalieren auf den Wert eines statistischen Lebens ist zwar ein netter Griff, um Medien neugierig zu machen, aber eigentlich nicht zulässig. (Abgesehen davon, dass sogar die „korrekte“ Herangehensweise wohl nur in Theorie funktionieren kann.) Dies betrifft die Bewertung von Walen in gleicher Weise: was bewertet werden kann, ist eine geringfügige Veränderung in der Walpopulation. Der ermittelte Wert kann aber kaum auf konkrete Wale angewendet werden, sofern wir sie als mehr als nur „Einheiten“ der Walpopulation wahrnehmen (von „Exemplaren einer Begriffsklasse“ hat ein deutscher Autor in einem ähnlichen Kontext gesprochen). Dies ist auch der Grund, wieso Wale ein so gutes Beispiel sind – Ameisen z. B. betrachten wir kaum als Individuen, sondern eben als „Einheiten“ von Ameisenpopulationen. Daher wäre eine ökonomische Bewertung von Ameisen vergleichsweise unkontrovers. Doch Wale gehören zu den Tieren, denen wir eine Individualität zusprechen. Wenn jemand also die Zahlungsbereitschaft für eine Veränderung in einer Walpopulation ermitteln will, stößt er bald auf das Problem, dass Menschen die Walpopulation eben nicht nur als eine Menge von „Einheiten“ betrachten, sondern gleichwohl als eine Gruppe von Individuen. Dies zu trennen ist dann sehr schwierig. All das heißt, dass die theoretische Zulässigkeit einer Bewertung von der Perspektive auf das Bewertungsobjekt abhängt – geht es um eine „anonyme“ Population oder um eine Gruppe von Individuen? Sinnhafte Bewertung kann nur für die Population vorgenommen werden.

Wenn die ökonomische Theorie Aussagen über den Wert der Biosphäre, des menschlichen Lebens oder eines individuellen Wals gar nicht zulässt – wieso werden sie dann gemacht? In einigen Fällen besiert das auf Missverständnissen und ist Formulierungen geschuldet, die zwar Aufmerksamkeit erregen sollen, aber eigentlich verzerrend sind – dies gilt z. B. im Falle der erwähnten Meta-Analyse zum Wert des statistischen Lebens (s. o.). Was Costanza anbetrifft… Ich mag dieses Argument nicht, weil es so engstirnig „disziplin-chauvinistisch“ rüberkommt, aber Robert Costanza ist nun mal kein ausgebildeter Ökonom, die meisten seiner Co-Autoren ebenfalls nicht. Ihr Beitrag wurde zwar wahnsinnig populär und es ist unklar, ob er der Umweltökonomik damit eher geholfen oder geschadet hat – aber es ist eine Tatsache, dass er mit dieser eigentlich nicht viel am Hut hat.

Was ist ein Wal also wert? Ein Mensch? Die Biosphäre? Darüber kann die Ökonomie keine sinnvollen Aussagen machen. Bloß scheinen weder manche Ökonomen noch ihre Kritiker daran zu denken.

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