Mein kleiner Beitrag zur deutschen Integrationsdebatte

In letzter Zeit kam die sog. Integrationsdebatte in Deutschland mal wieder hoch. Pegida sei dank(?). Doch diese so wichtige öffentliche Debatte hat schon immer eine wesentliche Schwachstelle: Integration wird sehr einseitig betrachtet, als „Aufgabe“ der Immigranten unter Zuhilfestellung des Staates. So einfach ist die Sache aber nicht. Integration ist kein unidirektionaler Prozess, sondern erfordert Anstrengungen bei allen beteiligten Akteuren.

Als ich vor 12 Jahren als naiver Jugendlicher nach Deutschland kam, hatte ich die Vorstellung, innerhalb weniger Monate vollständig integriert zu sein. Ich stellte mir vor, nach 8 Jahren Deutschunterricht in der Schule würde ich 3-4 Monate brauchen, um die Sprache auf Muttersprachler-Niveau zu beherrschen.

Im Nachhinein betrachtet ging alles tatsächlich recht reibungslos. Meine Integration erfolgte deutlich schneller als es bei meiner Schwester und unserer Mutter der Fall war. Weitgehend problemlose Verständigung auf Deutsch war mir nach 1-2 Jahren möglich, die Integration in die soziale Umgebung der Schule erfolgte ähnlich schnell. Viel langsamer, als ich ursprünglich erwartet hatte – aber ich hatte ja auch keine Ahnung gehabt.

Oft habe ich den Eindruck, dass die impliziten Erwartungen vieler Deutscher an Migranten denen ähneln, die ich damals an mich selbst hatte. Die Einwanderer haben sich rasch zu integrieren, schnell Deutsch zu lernen – ist ja beides nicht sonderlich schwer. Und letzten Endes kommen sie doch freiwillig hierher, da darf man doch schnelle und reibungslose Eingliederung erwarten.

Dabei haben es die meisten Migranten, die nach Deutschland kommen, wesentlich schwerer als ich es hatte. Ich war jung und „formbar“. Ich hatte 8 Jahre Deutschunterricht hinter mir gehabt. Ich war bereits mehrmals in Deutschland gewesen, als mein Vater hier DAAD-Stipendiat war. Ich komme aus einem sehr weltoffenen und gebildeten Elternhaus, aus einer Familie, die mir immer Halt gab. Und ich komme aus Polen, dessen Kultur der deutschen in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich ist. Nicht zuletzt bedeutete der Umzug nach Deutschland im Fall meiner Familie auch einen sofortigen Anstieg materiellen Wohlstands. Und trotzdem, es hat auch bei mir eine Weile gedauert. Bei den meisten Immigranten dürften die Vorbedingungen bei Weitem nicht so günstig sein.

Ein großes Problem der deutschen Einwanderungsgesellschaft ist die von vielen ihrer Mitglieder gepflegte Unfähigkeit, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Ein Mangel an Empathie eben. Trotz der vielen Phrasen über eine Willkommenskultur, Multikulti etc. bringen es die meisten Deutschen nicht auf, sich in die Lage eines Migranten hinein zu versetzen. Es ist ungeheuer schwer, sich in einer fremden Gesellschaft zurecht zu finden – insbesondere in einer, in der die Einheimischen von uns schnelle Integration erwarten, ohne zu einem mehr als nur symbolischen Entgegenkommen bereit zu sein.

Dies ist auch gewissermaßen verständlich (wenn auch nicht richtig): kommt man Einwanderern entgegen, nimmt man ihnen einen Teil ihrer Bürde ab, die man nun selbst tragen muss. Das bedarf einiger Überwindung. Es ist einfacher, auf Integrationspflicht seitens der Einwanderer und des Staates zu bestehen.

Hinzu kommt, dass Integration allzu oft mit Assimilation an eine implizite, diffuse Leitkultur gleichgesetzt wird (die von Pegida-Anhängern explizit gefordert wird). Dabei hat Deutschland längst keine Leitkultur mehr. Das macht es auch für viele so attraktiv. Es ist nicht zuletzt im Vergleich mit den meisten Herkunftsländern der Migranten kulturell sehr heterogen und dadurch bei weitem nicht so starr, konformistisch und aber auch eindeutig, wie dort üblich. Auch das ist etwas, woran sich viele Einwanderer erst einmal gewöhnen müssen, wenn sie hierher kommen. Es mangelt eben an klaren Mustern, an die man sich anpassen könnte. Diese Heterogenität macht jegliche Forderung nach Assimilation sinnlos, denn es gibt keine homogene deutsche Kultur, kein abendländisches Muster, in denen man sich „auflösen“ könnte.

Was man von Migranten durchaus erwarten, ja verlangen kann und darf, ist die Konformität mit dem deutschen Rechtssystem und ein paar grundlegenden Normen. Deutschlernen und Bemühungen um Erwerbsunabhängigkeit gehören sicherlich dazu. Allerdings nicht von heute auf morgen. Integration braucht ihre Zeit und ist ein zweiseitiger Prozess – die aufnehmende Gesellschaft muss den Ankömmlingen entgegenkommen, ihnen Verständnis entgegenbringen und Zeit und Möglichkeit zur Anpassung gewähren.

Darauf wird oft entgegnet, die Migranten seien ja freiwillig nach Deutschland gekommen und hätten sich daher anzupassen. Sie hätten sozusagen eine einseitige Integrationspflicht. So funktioniert aber keine moderne Gesellschaft! Das gesellschaftliche Zusammenleben basiert dort, wo es wirklich funktioniert, auf Reziprozität, auf Gegenseitigkeit. Dies gilt auch und gerade für den Einstieg in die betreffende Gesellschaft.

Als ich letztes Jahr eingebürgert wurde, nahm ich mit einigen anderen „frisch Eingedeutschten“ an einer feierlichen Verleihung von Einbürgerungsurkunden teil. Der zuständige Bürgermeister hieß uns in einer kurzen Rede willkommen, gratulierte… und sagte dabei, „Nun sind sie Mitglieder der deutschen Gesellschaft.“ So falsch dieser Satz ist, indem er Gesellschaft mit Nationalität identifiziert, so verbreitet ist die in ihm widergespiegelte Einstellung implizit im Denken der Deutschen. Dies muss sich ändern. Es ist weder ethisch vertretbar noch realistisch, sich grundsätzlich gegen Einwanderung abzuschotten. Eine Einwanderungsgesellschaft kann aber nur funktionieren, wenn die Beteiligten erkennen, dass Integration eben kein unidirektionaler Prozess ist, sondern einer, der an beide Seiten Ansprüche stellt.

Ursprünglich dachte ich daran, diesen Text in einer Tageszeitung zu veröffentlichen. Eine mit Medien vertrautere Freundin und das Abflauen des Pegida-Hypes nahmen mir ein bisschen den Wind aus den Segeln. Damit der Text aber nicht völlig umsonst entstanden ist, beschloss ich, ihn zumindest hier zu veröffentlichen.

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2 Gedanken zu “Mein kleiner Beitrag zur deutschen Integrationsdebatte

  1. Schöner Text bzw. interessant, deine persönliche Erfahrung zu lesen. Ich denke auch, dass die Deutschen viele Stärken haben, dass Fremde willkommen heißen aber nicht unbedingt dazu gehört. Es könnte ja sein, dass man was abgeben müsste, und dann reicht es nicht mehr für den neuen Flachbildfernseher nächstes Jahr, dessen Diagonale noch 2 Zoll mehr hat als der jetzige. Flüchtlinge schön und gut, aber dafür selbst am Hungertuch nagen müssen? Dann lieber doch nicht.

    Ich frage mich, ob Deutschland wirklich kulturell so heterogen ist, gerade im Vergleich zu den Herkunftsländern der Flüchtlinge. Syrien, Serbien (Roma), Afghanistan sind meines Wissens nach ethnisch und religiös und damit letztlich auch kulturell heterogener. In vielen Ländern Asiens sprechen die Menschen noch nicht einmal dieselbe Sprache. Im Vergleich dazu scheint mir Deutschland sehr homogen zu sein. Wikipedia sagt, dass der Begriff Leitkultur v.a. die Werte/Aspekte Demokratie, Laizismus, Aufklärung, Menschenrechte und Zivilgesellschaft umfasst – auch das dürften bis auf ein paar bibeltreue Christen und religiöse/politische Extremisten alle unterschreiben. Leitkultur bedeutet also nicht, dass statt Chopin jetzt nur noch Beethoven angesagt ist oder dass der Ramadan auf Ostern verlegt werden muss. Der Begriff ist eher so weit, dass ich da kaum sehen kann, was da überhaupt speziell deutsch sein soll. Mir war so, als gäbe es im Rest Europas und vielen anderen Ländern auch Laizismus und Demokratie..

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    • Da wären wir wieder bei einem Begriff, der in der Öffentlichkeit anders gefasst wird als im Lexikon;-) Mein Eindruck ist, dass „Leitkultur“ von Pegida & Co. wesentlich umfassender verstanden wird. Gleichzeitig können sie mti den Elementen, die du genannt hast, nicht unbedingt etwas anfangen. Was an sich recht paradox anmutet…

      Was die Frage der kulturellen Homogenität anbetrifft, hast du Recht – betrachtet man die Länder als Ganzes, ist Deutschland wahrscheinlich relativ homogen. Worum es mir eigentlich eher ging (kulturelle Homogenität war da vielleicht ein unglücklicher Begriff), war die Frage, wie starr soziale und kulturelle Muster sind. Und da würde ich durchaus behaupten, dass Deutschland wesentlich mehr Heterogenität/Pluralität zulässt. Ich bin kein Ethnologe, aber was ich aus vielen multikulturellen Ländern wie die von dir genannten mitbekommen habe, sind die zwar heterogen in dem Sinne, als sie viele verschiedene, oft recht unterschiedliche Gemeinschaften beherbergen. Die Grenzen zwischen diesen Gemeinschaften sind aber oft recht klar und nicht sehr permeabel (die Roma in Südosteuropa sind da ein besonders gutes Beispiel). Da sehe ich in Deutschland mehr Pluralität/Heterogenität, eben weil es kaum noch wirklich umfassende, starre Normensysteme mehr gibt, mit denen man konform leben müsste.

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