Was macht „Natur“ aus?

Vor einer Weile schrieb ich einen Text, der zunächst auf Umweltforsch veröffentlicht wurde, in dem ich den Anthropozentrismus verteidigt habe. Ich schrieb u. a., dass ich keinen anderen Ansatz sehe, mithilfe dessen man Naturschutz konsistent begründen könnte. Nun habe ich doch noch einen gefunden (was an sich nicht schockieren muss, weil ich kein Experte für Umweltethik und Naturschutzbiologie bin), und zwar in dem Buch What’s So Good About Biodiversity: A Call for Better Reasoning About Nature’s Value von Donald S. Maier. Das Buch ist zwar anstrengend geschrieben (es hat 500 Seiten, 250-300 hätten aber wahrscheinlich vollkommen gereicht, um den Inhalt verlustfrei zu vermitteln), aber Maiers Argumentation ist äußerst innovativ und zum Nachdenken anregend.

Das Buch besteht zu einem großen Teil aus der Kritik einer Reihe von Ansätzen, die laut Maier versuchen, den Wert der Natur an das Konzept der Biodiversität zu koppeln. Mit diesem Teil seines Buches habe ich mich bereits einmal auseinandergesetzt, also gebe ich hier nur die Hauptpunkte seiner Argumentation wider:

  • in den Begriff Biodiversität werden oft Eigenschaften „reininterpretiert“, die mit Vielfalt eigentlich nichts zu tun hätten (Wildnis, Charisma, konkrete Arten…);
  • auch werden Versuche unternommen, zwischen „guter“ und „schlechter“ Vielfalt zu diskriminieren (z. B. indem zwischen „einheimischen“ und „fremden“ Arten unterschieden wird);
  • zur Begründung ihres Wertes werden Phänomene mit der Biodiversität verbunden, die eigentlich wenig mit ihr zu tun hätten (Ökosystemdienstleistungen, Biophilie, Gesundheit…);
  • all dies führe dazu, dass entweder a) Biodiversität/Natur anthropomorphisiert wird, indem ihr angeblich wertvolle/schützenswerte Eigenschaften wie Integrität oder Gesundheit zugeschrieben werden, oder b) alles auf ökonomisch-utilitaristische Überlegungen reduziert wird (die Maier sehr kritisch sieht, aber auch ziemlich karikaturartig darstellt);
  • beides führe zu massiver Manipulation von Ökosystemen, die auf vielfältige Weisen so verändert werden (biogeoengineering nennt Maier dies), dass sie einer bestimmten Zustandsvorstellung entsprechen (sollen).

Generell unterstellt er dem von ihm so genannten Biodiversity Project, wahlweise dem Natural Capitalism Ziellosigkeit, Arbitrarität und letzten Endes die Unfähigkeit, den Wert der Natur „als Natur“ aufzuzeigen. Er wendet sich gegen eine rein instrumentelle Betrachtung (wie im Anthropozentrismus impliziert), weil sie seiner Meinung nach dazu führe, dass zumindest die Möglichkeit besteht, Natur könnte sich eines Tages als obsolet herausstellen.

Auch wenn Maier in seinem Buch an vielen Stellen dazu tendiert, übertrieben polemisch und karikierend zu argumentieren, sind viele seiner Kritikpunkte schwer von der Hand zu weisen. Worüber ich aber heute schreiben möchte, ist sein Gegenentwurf. Im Laufe der Lektüre hatte ich den Eindruck, bei Maiers destruktiver Herangehensweise an die üblichen „Axiologien“ im Bereich Natur/Umwelt (zu dieser begrifflichen Unterscheidung kommen wir auch gleich) bleibt eigentlich nichts mehr übrig, was man dem konstruktiv entgegensetzen könnte. Aber doch. Er schafft es tatsächlich, eine ganz eigene Theorie über den Wert der Natur als Natur vorzuschlagen, die durchaus überzeugen kann – zumindest aus theoretischer Sicht. Mit praktischen Implikationen ist es dann schwieriger, aber dazu gleich.

Maier nennt seine Theorie natural value as appropriate fit (ich werde dies nicht ins Deutsche übersetzen, weil mir keine entsprechende Möglichkeit einfällt, die nicht entstellend wäre). Er sieht sie in explziter Weise jenseits des klassischen Einteilungsschema der Ethik in Konsequenzialismus, Deontologie und Tugendethik, obwohl sich durchaus Gemeinsamkeiten mit der Letzteren finden lassen. Was ist appropriate fit? Der Ausgangspunkt ist eine sehr interessante Definition von Natur, die Maier vornimmt: sie ist für ihn mit keinem konkreten Zustand verbunden. Natur ist für ihn das, was nicht (wenn auch nur potentiell) Objekt menschlicher Projekte ist. Welcher Art diese Projekte auch immer sein mögen. Es gibt dabei eine Ähnlichkeit zum Konzept des Prozessschutzes, wobei Maier auch jegliche Eingriffe zur bewussten Initiierung „erwünschter“ ökologischer Prozesse ablehnt. Daher nennt er als Beispiele so verstandener Natur, unter Berufung auf Alan Weisman, u. a. die Puszcza Białowieska, die 30-km-Sperrzone um Tschernobyl herum und die demilitarisierte Zone, die die beiden koreanischen Staaten trennt. Dies erinnert auch ein bisschen an die manchmal getroffene Unterscheidung zwischen den Begriffen „Umwelt“ und „Natur“, die man als jeweils anthropozentrisch und non-anthropozentrisch interpretieren kann (was in Deutschland z. T. in der deutlich verschiedenen „ideologischen“ Ausrichtung der beiden in diesem Bereich aktiven Bundesämter auffällt, wo das UBA wesentlich anthropozentrischer ausgerichtet ist als das BfN). Auch wenn Maier das nicht sagt, würde er wohl zustimmen, dass „Natur“ normalerweise als „Umwelt“ konzipiert wird, während es in seinem appropriate-fit-Konzept wirklich um Natur geht.

„Sie betreten die ‚wahre‘ Natur.“

Wieso ist so definierte Natur denn wertvoll? Maier argumentiert, dass es um die Beziehung des Menschen zu ihr geht, und zwar im Sinne der „angemessenen Fügung“, des appropriate fit. Der Mensch brauche einen Platz in dieser Welt, er brauche aber gleichzeitig auch einen Referenzrahmen für seine Projekte. Diesen Referenzrahmen finde er in der Natur, die er „sich selbst überlässt“, ohne in sie einzugreifen und indem er Eingriffe in sie grundsätzlich und für immer ausschließt. Auf diese Weise, durch die Enthaltung von jeglichen Eingriffen und Nutzungen, erkenne der Mensch den wahren Wert der Natur (an). Alle anderen Arten von Natur (im üblichen Sinne) haben nur insofern einen moralischen Wert, indem sie eine Referenz zu dieser idealisierten, sich selbst überlassenen Natur sind. Das gelte nur dann, wenn man auch für diese manipulierte Natur einsieht, dass man sie nicht vollständig unter Kontrolle hat und zulässt, dass sie bestimmte Prozesse selbst steuert. Das gelte z. B. für manche Arten von Gärtnerei.

Diese „Axiologie der Natur“ hat ihren Charme und erscheint wesentlich konsistenter als die von Maier kritisierten üblichen Alternativen. Doch hat sie zumindest eine wichtige Schwäche, wenn es um praktische Implementierung geht – Maier erkennt wohl an, dass die Natur auch eine Ressource ist und von Menschen genutzt werden muss. Er bietet jedoch keinen Anhaltspunkt dafür, wie viel unberührte Natur der Mensch braucht. Reichen Tschernobyl und die demilitarisierte Zone in Korea aus, um appropriate fit zu verwirklichen? Falls nein, und das scheint implizit seine Antwort zu sein – in wie vielen Gebieten müssen wir noch grundsätzlich auf Eingriffe verzichten, um den moralischen Wert der Natur angemessen anzuerkennen? Dies sind wichtige Fragen, die Maier versäumt zu beantworten. Ich bin mir auch nicht sicher, ob sie überhaupt beantwortet werden können – das ist ja auch der Grund, wieso wir im Bereich des Natur-/Umweltschutzes so viele alternative Theorien und Ansätze finden, über die sich weder die betreffenden Wissenschaftler und Aktivisten noch die Öffentlichkeit einig sind. Maiers theoretische Leistung ist beachtenswert, aber aus praktisch-instrumenteller Sicht ist ihr Wert mäßig, weil sie die eigentlich dringende Frage nicht beantwortet: wie viel Natur(schutz) brauchen/wollen wir?

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Ein Gedanke zu “Was macht „Natur“ aus?

  1. Pingback: Der Wert von Biodiversität als Ausdruck unseres Unwissens › Umweltforsch › SciLogs - Wissenschaftsblogs

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