Einige Kontroversen zur Weihnachtszeit

Um das Weihnachtsloch zu überbrücken, bemüht man oft diverse best-of-Listen. Im ähnlichen Sinne möchte ich heute meine Meinung(en) zu ein paar kontroversen Themen zusammenfassen, über die ich auf dem Vorgänger dieses Blogs geschrieben habe. Gleichzeitig wäre damit die „ideologische Ausrichtung“1 des Letzteren skizziert, was vielleicht dem einen oder anderen Leser die Orientierung erleichtert.

Zu folgenden Themen habe ich mich bereits einst geäußert, die man durchaus als kontrovers bezeichnen kann:

  • Atomkraft: ursprünglich ein eingefleischter, durchideologisierter Greenpeacer2, lehnte ich Atomkraft bedingungslos ab (siehe bspw. hier). Inzwischen ist meine Meinung hierzu wesentlich differenzierter und ambivalenter; Atomkraft ist bei Weitem nicht so gefährlich, wie manchmal von Greenpeace2 & Co. dargestellt – gleichzeitig hat es durchaus einige Vorteile, angefangen mit der unglaublich hohen Energiedichte des Urans (was insbesondere im Vergleich mit den meisten Erneuerbaren von Vorteil ist). Daher glaube ich inzwischen nicht, dass ein Verzicht auf Atomkraft mit einer engagierten Klimapolitik vereinbar ist. So schmerzhaft dieses Eingeständnis mir fällt. Mehr dazu.
  • grüne Gentechnik: auch hier hat sich meine Meinung diametral gewandelt. Ursprünglich ein eingefleischter Gentechnik-Gegner, habe ich irgendwann angefangen, auch dieses Greenpeace**-Dogma zu hinterfragen (den Anstoß dazu gab dieser Blog). Inzwischen sehe ich ein, dass aus biologischer Sicht kein wesentlicher Unterschied zwischen einem „Frankenfood“ und einer „natürlichen“ Kreuzung besteht. Auch die angeblichen Gesundheits- und Umweltgefahren durch grüne Gentechnik halte ich für maßlos übertrieben. Man mag ein Problem mit der industriellen Landwirtschaft haben, in der gentechnisch modifizierte Pflanzen eingesetzt werden, das ist aber an sich kein Argument gegen diese Pflanzen selbst oder gegen die Technologie mittels derer sie entwickelt werden. Mehr dazu. Und hier.
  • Degrowth: erst vor ein paar Wochen besuchte ich die 4. Internationale Degrowth-Konferenz in Leipzig. So nah mir viele Ziele der Degrowth-Bewegung sind (sofern man hier von einer Bewegung sprechen kann, bedenkt man ihre unglaubliche Diversität), halte ich schon alleine den Begriff „degrowth“ für problematisch und ggf. fehl am Platz. Zu sehr ist ihm die Obsession mit BIP-Wachstum angehaftet, bloß unter umgekehrten Vorzeichen als es in der Wirtschaftspolitik der Fall ist. Stattdessen bevorzuge ich mit dem niederländischen Ökonomen Jeroen van den Bergh den a-growth-Ansatz, der schlicht und einfach darin besteht, BIP-Wachstum völlig zu ignorieren. Mehr dazu.
  • Neobiota: ein weiterer Feind der Umweltbewegung sind die ominösen „Fremdlinge“, die sog. Neobiota/Neophyta. Die Unterscheidung zwischen heimischen (guten) und fremden (bösen) Arten halte ich für weder sinnvoll begründbar noch für ökologisch sinnvoll und obendrauf noch für xenophobisch. Mehr dazu.
  • Homo oeconomicus: beim mainstream-ökonomischen Konzept der Rationalität bin ich ausnahmsweise auf der „linken“ Position, wie einer meiner werten Kollegen wohl sagen würde: ich halte nicht viel vom homo oeconomicus. Gleichzeitig würde ich nicht so weit gehen, das Konzept für völlig nutzlos zu halten – vielmehr plädiere ich hier für mehr Flexibilität und Offenheit. In manchen ökonomischen Modellen kann sich homo oeconomicus gemäß Ockhams Rasiermesser als durchaus sinnvoll erweisen. In anderen Kontexten hingegen nicht. Mehr dazu.
  • Ecosystem Disservices: zumindest in meinem Metier ist das Konzept der ecosystem disservices, also „negativer Ökosystemdienstleistungen“, durchaus umstritten. Viele meinen, es wäre überflüssig und nicht konsistent mit dem Gesamtkonzept. Ich finde, es gibt Fälle, in denen es durchaus Sinn macht, in einer anthropozentrisch-ökonomischen Betrachtung negative Auswirkungen von Ökosystemen auf das menschliche Wohlergehen explizit einzubeziehen. Mehr dazu.
  • Ökonomische Bewertung: darüber traktierte der erste auf diesem Blog veröffentlichte Text, daher beschränke ich mich darauf, auf einen anderen zu verweisen, in dem ich konkret auf die Kritik des bekannten britischen Journalisten George Monbiot (den ich ansonsten sehr schätze) am Bewertungsansatz bzw. seinem Bild davon. Mehr dazu. Siehe auch hier.
  • Grüne Jobs: kurz: die ständige Behauptung, engagierter Klima- und Umweltschutz würden Tausende von Jobs schaffen und wären für die Beschäftigungssituation eines Landes großartig, halte ich für problematisch und kontraproduktiv. Mehr dazu.
  • Grundeinkommen: dem Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens stehe ich offen, aber skeptisch gegenüber. Ich finde, seine Befürworter machen sich viel zu wenig Gedanken über die Implikationen ihres Vorschlags bzw. sehen über die vielen Unbekannten gekonnt hinweg. Gleichwohl erkenne ich den Mehrwert eines solchen Systems zur Existenzsicherung, sollte es funktionieren. Mehr dazu.

  1. DISCLAIMER: obwohl ich das Wort „ideologisch“ verwendet habe, fühle ich mich keinerlei Ideologien verpflichtet. Auch wenn mich Jean-Marie Le Pen wahrscheinlich eine Wassermelone nennen würde, rühme ich mich eigentlich weitgehender Ideologiefreiheit.
  2. Ich beziehe mich hier explizit auf Greenpeace, weil ich Mitglied dieser Organisation war. Inzwischen finde ich sie recht dogmatisch. Gleichwohl bin ich der Meinung, dass sie durchaus etwas Gutes zur Gesellschaft beiträgt. Und da ich weiterhin mit Greenpeacern befreundet bin, möchte ich betonen, dass meine Einstellung zu GP meiner Einstellung zur katholischen Kirche ähnelt: ich habe ein Problem mit der Organisation, nicht (grundsätzlich) mit den einzelnen Mitgliedern. Auch wenn ich der Meinung bin, dass sie sich bezüglich mancher Themen irren, schließe ich nicht aus, dass es anders herum sein könnte und ich derjenige, der irrt.
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