Anthropozentrismus und die Begründung von Naturschutz

Viele genuin umweltbewegte Menschen reagieren auf bestimmte Begriffe und Konzepte geradezu allergisch. Dies führt weithin zu einer Kritik dieser Konzepte, die nicht selten wenig substantiell ist.

Ein solches Allergen ist z.B. die Ökonomie bzw. verschiedene ökonomische Konzepte, von ökonomischer Bewertung der Natur bis hin zu Emissionshandelssystemen. An die grundsätzliche Kritik an allem, was ökonomisch daherkommt, hat man sich aber als angehender Umweltökonom recht schnell gewöhnt, sie schockiert nicht mehr allzu sehr. Was jedoch für mich neu war, war eine ähnliche, ja geradezu heftigere Reaktion auf das Konzept/den Begriff Anthropozentrismus. Natürlich sind beide eng verwandt – die Ökonomie in den allermeisten ihrer Varianten ist explizit anthropozentrisch, sodass die Kritik an ihr oft indirekt daher rührt, dass viele umweltbewegte Menschen Anthropozentrismus für etwas von Grund auf Verwerfliches halten. Dass dies nicht unbedingt berechtigt ist, möchte ich im Folgenden darstellen – wie auch, dass Anthropozentrismus womöglich nicht nur nicht verwerflich ist, sondern womöglich der einzige konsistente ethische Ansatz, um gegen Umweltzerstörung vorzugehen.

Was ist der Anthropozentrismus? Als anthropozentrisch bezeichnet man üblicherweise ethische Perspektiven, die nur dem Menschen einen Eigenwert (auch: intrinsischer Wert) zuweisen. Alles andere, einschließlich der belebten Umwelt, kann nur instrumentell wertvoll sein, d.h., insofern als es für den Menschen gut ist. Alternative Sichtweisen sind Pathozentrismus (der vor allem in der Tierethik eine Rolle spielt), Biozentrismus, Ökozentrismus und Holismus (siehe Grafik).

Jeder dieser Ansätze beantwortet die sog. Inklusionsfrage („Was hat intrinsischen Wert?“), indem er einen umfassenderen Kreis zieht. Der obigen Reihenfolge entsprechend umfasst dann die Gruppe der Objekte mit intrinsischem Wert: alle leidfähigen Lebewesen (griechisch πάθος [páthos] = Leid); alle Lebewesen; alle lebenden Systeme; die Erde als Gesamtsystem. Wichtig ist es, in diesem Kontext zwischen Anthropozentrismus und Anthropogenität zu unterscheiden – Letztere besagt, dass der Mensch die „Quelle“ von Werten ist, indem er sie verschiedenen Entitäten zuweist; ohne den Menschen gibt es also keine Werte. Die alternative Interpretation behauptet hingegen, dass alle Werte unabhängig von menschlicher Erkenntnis und gar unserer Existenz sind. Beide „metaethischen“ Positionen sind grundsätzlich mit allen Varianten der Beantwortung der Inklusionsfrage vereinbar.

Insbesondere im Kontext der Ökonomie ist es ebenfalls wichtig, den Anthropozentrismus vom Utilitarismus zu trennen, weil die beiden allzu oft in einen Topf geworfen werden. Beide bilden zusammen die ethische Grundlage der Mainstream-Ökonomie. Dennoch ist Anthropozentrismus nicht mit Utilitarismus gleichzusetzen und setzt diesen auch nicht voraus. Utilitarismus ist eine ethische Theorie, deren zufolge „Nutzen“ die entscheidende Kategorie zur Beurteilung von Handlungen ist (es ist eine konsequentialistische Theorie, d.h. es zählt nur das Resultat menschlicher Handlungen, nicht ihre Motivation). So gilt beispielsweise die Ethik Immanuel Kants als anthropozentrisch – gleichwohl ist Kant mitnichten Utilitarist, sondern viel eher Deontologe (d.h., seine Antwort auf die Inklusionsfrage determiniert, wem gegenüber man Pflichten hat, nicht – wie im Utilitarismus –, wessen Nutzen betrachtet werden soll). Dies gilt auch in die andere Richtung – so ist z.B. der berühmte Tierethiker Peter Singer ein pathozentrischer Utilitarist.

Nun wird Anthropozentrismus bisweilen mit einem Freibrief für Umweltzerstörung gleichgesetzt. Dies ist jedoch zumindest nicht zwingend, wenn nicht einfach falsch. Eine grundsätzlich an den Interessen des Menschen ausgerichtete ethische Sichtweise muss nicht die problematischen Seiten der Psyche des homo sapiens übernehmen – wie Kurzsichtigkeit, Egoismus, falsche Einschätzung von Unsicherheiten, Ignorieren der eigenen Ignoranz etc. –, sonst wäre sie ja auch keine normative Theorie, sondern lediglich eine Beschreibung. Betrachtet man unsere Welt zwar anthropozentrisch, aber ohne die o.g. menschlichen Schwächen zu reproduzieren, wird man sehen, dass die Interessen anderer Menschen – sowohl der heute Lebenden als auch der noch Ungeborenen – in unseren Entscheidungen eine wichtige Rolle spielen sollten; dass die Ökosysteme zwar nur einen instrumentellen, aber dennoch sehr hohen Wert für unser (Über-)Leben haben, eine wichtige Grundlage guten menschlichen Lebens sind; dass unser Halb- oder Unwissen über die genauen Zusammenhänge sozio-ökologischer Systeme zu inhärenten Unsicherheiten und gar Ignoranz führt, was wir in unseren Entscheidungen ebenfalls berücksichtigen sollten; etc. Das heißt, dass umfassender Umwelt-/Naturschutz wichtig ist, weil:

  • Ökosysteme eine essentielle Grundlage unseres Lebens sind, da sie uns Nahrung, Materialien, ein stabiles Klima u.v.a.m. „liefern“;
  • Menschen in ärmeren Ländern nachweislich abhängiger von intakten Ökosystemen sind;
  • auch bei nach uns kommenden Generationen anzunehmen ist, dass sie auf intakte Ökosysteme angewiesen sein werden;
  • die Limitationen, denen unser Wissen über die Welt unterliegt, bedeuten, dass wir nach dem Vorsichtsprinzip lieber mehr als weniger schützen sollten (um der Gefahr vorzubeugen, unwissentlich etwas zu zerstören, was für unser Leben oder Wohlergehen essentiell ist).

So gesehen kann Anthropozentrismus durchaus schlagfertige und schwer von der Hand zu weisende Argumente für den Erhalt von Ökosystemen liefern, obwohl er sich nur auf deren Bedeutung für unser Wohlergehen bezieht.

Im Kontext der Debatte um die ökonomische Bewertung der Natur wird oft eingewandt, der Anthropozentrismus erlaube nicht, spirituelle bzw. religiöse Werte oder Tabus zu erfassen. Dies muss so nicht stimmen. Stellen wir uns einen Wald vor, in dessen Nähe ein indigenes Volk lebt, und abstrahieren von allen üblichen instrumentellen Werten dieses Waldes. Einzig relevant sei die Überzeugung der Mitglieder dieses Volkes, der Wald sei aus sich heraus heilig – eine klar nicht-anthropozentrische Perspektive. Lässt sich der Erhalt dieses Waldes dennoch anthropozentrisch begründen? Ich würde diese Frage mit „Ja“ beantworten. Denn auch wenn das indigene Volk dem Wald einen intrinsischen Wert zuweist, kann dies in den Augen eines objektiven Betrachters (sensu Adam Smiths Denkfigur des impartial spectator) in einem instrumentellen Wert resultieren: da der anthropozentrische Betrachter den Indigenen gegenüber „verpflichtet“ ist, muss er in seiner Entscheidung über die Zukunft des Waldes dessen Bedeutung für das „Seelenheil“ des indigenen Volkes beachten.

Zuletzt, nachdem ich versucht habe, das Bild des Anthropozentrismus in der Natur-/Umweltschutzdebatte ins rechte Licht zu rücken, möchte ich es abschließend wagen, zu behaupten, dass dieser für die Begründung von Naturschutz viel besser geeignet ist als die Alternativen. Dies liegt daran, dass Biozentrismus und vor allem Ökozentrismus/Holismus uns in diesem Kontext vor eine unangenehme Wahl zwischen Ausschluss des Menschen aus der Natur auf der einen und Inkonsistenz der Argumentation auf der anderen Seite stellt.

Wie kann man Naturschutz begründen, wenn man der Natur einen Eigenwert zuweist? Da gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten. Entweder man lokalisiert den Menschen außerhalb der Natur und definiert damit seine Eingriffe in sie als grundsätzlich schädlich. Dies ist oft de facto die Logik hinter dem sog. Prozessschutz. Aus dieser Prämisse folgt, dass menschliche Eingriffe minimiert (sofern man dem Menschen ebenfalls einen Eigenwert beimisst) oder gar eingestellt werden sollten. Diese Perspektive ist jedoch vor dem Hintergrund der Evolutionstheorie und damit des offensichtlichen Ursprungs des Menschen in der Natur höchst problematisch. Selbst wenn man sagen würde, dass der Mensch aufgrund seiner technologischen Wirkmächtigkeit die Natur „verlassen“ hätte, wäre es eine nicht triviale, aber durchaus relevante Frage: wann? Viele Antworten wurden auf diese Frage gegeben – z.B., es wäre passiert, als der Mensch sesshaft wurde oder mit der Industriellen Revolution. Doch eine objektiv „korrekte“ Antwort scheint es nicht zu geben. Daher erscheint der Ausschluss des Menschen aus der Natur recht arbiträr und äußerst schwer begründbar.

Andererseits begegnet man sogar größeren Schwierigkeiten, wenn man den Menschen als Teil der Natur betrachtet und bio-/ökozentrisch argumentieren möchte. Es liegt an der Schwierigkeit der Definition jenes Naturzustandes, den es zu erhalten bzw. wiederherzustellen gilt. Die Natur ist zu einem beliebigen Zeitpunkt das Resultat „blinder“ evolutionärer Prozesse, sie ist also dynamisch, nicht statisch. Betrachten wir den Menschen zudem als Teil der Natur, ist sein Wirken auch einfach Teil dieser evolutionären Prozesse. Das heißt, schreibt man der Natur einen Eigenwert zu, sagt das noch nichts über die Erwünschtheit eines konkreten Naturzustands. Menschliches Verhalten, ob „destruktiv“ oder „konstruktiv“, führt lediglich dazu, dass sich die Natur von einem Zustand in einen anderen bewegt. Wenn aber nicht die menschlichen Interessen im Fokus stehen, sondern die abstrakten „Interessen“ der Natur, fehlt eine Handhabe, um erwünschte oder gar nur akzeptable Naturzustände zu definieren.

Auf einer weniger abstrakten Ebene stellt uns der Bio-/Ökozentrismus vor die Notwendigkeit, zwischen menschlichen Interessen und den „Interessen“ der Natur abzuwägen (wir abstrahieren an dieser Stelle von der Schwierigkeit, Letztere zu definieren). Sofern wir diese gegensätzlichen Interessen nicht absolut betrachten, was jegliche Handlungsempfehlungen unmöglich machen würde, könnte man ja sagen, dass die „Interessen“ der Natur tendenziell etwas weniger oder etwas mehr zählen als die des Menschen. Das Problem mit ersterer Herangehensweise ist, dass sie de facto einen impliziten Rückfall auf den Anthropozentrismus darstellt – wenn der Mensch sowieso mehr zählt, dann kann man sich auch darauf beschränken, seine Interessen zu betrachten. Wie bereits oben angeführt, muss das auch gar nicht so schlimm sein, weil es oft im menschlichen Interesse ist, Ökosysteme intakt zu lassen oder zumindest nicht disruptiv zu verändern. Falls die „Interessen“ der Natur mehr zählen sollen, wird das Problem ihrer Definition akut (s.o.). Und auch in diesem Fall „droht“ ein Rückfall auf den Anthropozentrismus, wenn ermittelt werden soll, welche menschlichen Interessen wichtig genug sind, um die der Natur zu überwiegen.

All dies soll natürlich nicht heißen, dass Bio- und Ökozentrismus sowie Holismus keine Daseinsberechtigung hätten und Anthropozentrismus das „einzig Wahre“ wäre. In dem betrachteten Kontext jedoch, d.h., wenn es um die Begründung umfassenden Umweltschutzes geht, schaffen die der Natur einen Eigenwert zuweisenden Ansätze nicht unbedingt einen Mehrwert gegenüber anthropozentrischen Argumentationslinien.

Der Anthropozentrismus wird in der Umweltdebatte mitunter „dämonisiert“ oder gar mit einem Freibrief für Umweltzerstörung gleichgesetzt. Das ist eine unzulässig vereinfachte Sicht. Entgegen häufig verbreiteter Überzeugung vermag der Anthropozentrismus durchaus, weitgehenden Umwelt- und Naturschutz schlüssig und konsistent zu begründen – eine Leistung, die alternative ethische Sichtweisen vor viel größere Probleme stellt, als üblicherweise angenommen.

Auch dieser Beitrag wurde zunächst auf Umweltforsch veröffentlicht.

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